Fürstenbibliotheken des 16. und 17. Jahrhunderts
Zusammen mit den Gelehrtenbibliotheken
haben Büchersammlungen von Angehörigen des Herzogshauses
im 18. Jahrhundert vor allem die historischen und philologischen
Bestände der Bibliothek erweitert und ihren Charakter
geprägt. Bei einem Jahresetat von 220 Reichstalern,
eine geringe Summe im Verhältnis zur Größe
der herzoglichen Bibliothek, stellte die Überweisung
dieser Sammlungen einen Zuwachs dar, dessen Umfang denjenigen
der Erwerbungen aus den regulären Mitteln überstieg.
Die Inkorporation der Fürstenbibliotheken erfolgte
zwischen 1752/53 und 1801 und ist im wesentlichen Herzog
Karl I (1735-1780) zu verdanken, der die testamentarischen
Bestimmungen der Erblasser zugunsten der Bibliothek vollzog
oder auch, wie im Fall Herzog Ferdinand Albrechts I. durch
Verhandlungen und den Einsatz finanzieller Mittel erreichte,
daß eine Büchersammlung nach Wolfenbüttel
überführt wurde. Es ist zu vermuten, daß
Georg Septimus Andreas von Praun (1701-1786), der seit 1751
die Oberaufsicht über die Bibliothek wahrnahm, diese
Politik förderte. Praun, Geheimer Justizrat, Vizekanzler,
Präsident und seit 1773 leitender Minister in Braunschweig,
hatte selbst im Dienste Herzog Ludwig Rudolphs als Bibliothekar
gearbeitet, ihm waren die für eine große Bibliothek
erforderlichen Notwendigkeiten bewußt und er hat sich
immer wieder mit ihren Problemen befaßt.
Im einzelnen gelangten folgende Sammlungen von Angehörigen
des Hauses Braunschweig-Lüneburg nach Wolfenbüttel:
Die Bibliotheken wurden in Wolfenbüttel
zunächst separat aufgestellt und im Verlauf des
19. Jhs in die damals geschaffene Mittlere Aufstellung eingeordnet.
Die Hss. wurden den Beständen "Extravagantes" und "Novissimi"
zugeteilt. Einige der Sammlungen wurden katalogisiert übergeben,
für die anderen wurden anschließend Kataloge
angelegt, die zum Gebrauch der Bibliothekare bestimmt waren.
Nicht alle der auf diesem Wege in der zweiten Hälfte
des 18. Jhs erworbenen Bücher sind heute noch vorhanden,
ein Teil der echten oder vermeintlichen Dubletten wurde
im 19. und 20. Jh verkauft. Verschiedene Fürstenbibliotheken
gelangten nicht vollständig in die Herzog August Bibliothek.
Aus Herzog Ludwig Rudolphs Sammlung wurden zunächst
etwa 5000 Bde dem Collegium Carolinum in Braunschweig zur
Verfügung gestellt, die zum größten Teil
zurückkamen, als die Bibliothek der damaligen Technischen
Hochschule Braunschweig 1890 ca. 7000 Bde aus ihrem Altbestand
nach Wolfenbüttel abgab. Auch aus dem Nachlaß
Ferdinand Albrechts I. erhielt das Collegium Carolinum eine
beträchtliche Zahl an Büchern, obwohl die Erben
1712 und 1721 die Unteilbarkeit der Bibliothek vereinbart
hatten. Ferdinand Albrechts reicher Besitz an Kupferstichbänden
wird jetzt im Kupferstichkabinett des Herzog-Anton-Ulrich-Museums
in Braunschweig verwahrt.
Herzog Ludwig Ernst hatte seine Bibliothek, die noch zu
seinen Lebzeiten nach Wolfenbüttel überstellt
wurde, von seiner Großmutter mütterlicherseits,
Herzogin Christine Luise (1671-1747), der Gemahlin Ludwig
Rudolphs, geerbt. Für die Fortführung der Sammlung
scheint er sich kaum eingesetzt zu haben, da sie nur sehr
wenige Bücher enthält, die nach dem Tod Christine
Luises erschienen sind. Ludwig Ernst war seit 1759 vormundschaftlicher
Statthalter der Niederlande und spielte eine nicht unbedeutende
politische Rolle. Möglicherweise läßt sich
dadurch erklären, daß, wie der vorhandene Standortkatalog
belegt, bei der Übergabe der Bibliothek auffällig
viele in den Niederlanden gedruckte Titel mit politischer
Thematik aus der ersten Hälfte des 18. Jhs fehlten.
Die Vermutung ist nicht abwegig, daß Ludwig Ernst
diese Bücher behielt, da sie für seine Tätigkeit
von Bedeutung waren.
Nach seinem Tod erhielt Herzog Karl Wilhelm Ferdinand aus
seinem Nachlaß strategische Pläne und Karten
über Ungarn, Slowenien, Serbien und Bosnien, zu denen
sich hier nichts Näheres mitteilen läßt.
Mit Ausnahme der Bibliothek Ferdinand Albrechts I. sind
die aufgeführten Sammlungen im 18. Jh entstanden und
enthielten die Literatur ihrer Zeit. Allein Herzog Ludwig
Rudolph erwarb auch Inkunabeln und in größerer
Zahl Drucke des 16. und 17. Jhs. Insgesamt übernahm
die Wolfenbütteler Bibliothek einschließlich
der 1890 nachgelieferten Bände ca. 36.000 weitere Bde
aus den Fürstenbibliotheken. Der überwiegende
Teil - das betrifft Originalausgaben und Übersetzungen
in gleichem Maße - war in französischer Sprache
gedruckt, deren Bedeutung für die Produktion von Literatur
und Rezeption der Wissenschaften im Zeitalter der Aufklärung
dadurch nachdrücklich hervorgehoben wird. Den deutlichsten
Beleg dafür liefern die Kataloge der Bibliothek Philippine
Charlottes, der jüngsten Schwester Friedrichs II. und
Gemahlin Herzog Karls I., die beinahe ausschließlich
französischsprachige Bücher enthalten. Die Herzogin
besaß an deutschen Drucken und Schriften deutscher
Dichter nur 22 Werke Lessings, die die Abteilung Belleslettres
einleiteten und deren Wertschätzung durch Philippine
Charlotte auf diese Weise ihren Ausdruck fand .
Die größte der in die herzogliche Bibliothek
eingegliederten Sammlungen war mit 15.000 Bdn (einschließlich
der 1890 nach Wolfenbüttel zurückgeführten
Bücher) diejenige Ludwig Rudolphs, während die
anderen, gemessen am Umfang, den meisten bürgerlichen
Gelehrtenbibliotheken des 18. Jhs nachstanden. Einige der
Fürstenbibliotheken lassen Schwerpunkte und damit bestimmte
Interessen ihrer Besitzer erkennen; angelegt waren sie alle
nach dem Vorbild der Universalbibliothek, wobei allerdings
Bücher der naturwissenschaftlichen Disziplinen, der
Mathematik und Medizin beinahe unberücksichtigt blieben.
Aber auch unter dieser Einschränkung wurde das Ideal
nicht erreicht. Ihr am nächsten kam die Bibliothek
Ludwig Rudolphs, der durch intensive Erwerbungen auf den
Gebieten der Geschichtswissenschaft , der Theologie und
Rechtswissenschaft einen repräsentativen Bestand an
der seiner Zeit zur Verfügung stehenden Literatur in
diesen Fächern aufbaute. Entsprechend der Bedeutung,
die die Geschichte und ihre paradigmatische Interpretation
in der Fürstenerziehung sowie als Fundament für
die theoretische Begründung politischen Handelns im
18. Jh noch besaßen, nehmen historische Werke in allen
hier zu betrachtenden Bibliotheken eine dominierende Stellung
ein. Quantitativ stehen die Publikationen zur Geschichte
Deutschlands, Frankreichs und Englands an erster Stelle;
verschiedentlich lassen sich besondere Bestandsgruppen hervorheben.
So besaß Ferdinand Albrecht I. viele Schriften zur
Landesgeschichte Braunschweig-Lüneburgs. Philippine
Charlottes Interesse gehörte der Geschichte Frankreichs.
Ferdinand Albrecht II. und Prinz Wilhelm Adolf, der als
General in der preußischen Armee diente, erwarben
die politische Literatur ihrer Zeit und brachten dadurch
eine große Zahl an Veröffentlichungen über
Friedrich II. und zu den diplomatischen Verwicklungen, die
schlesischen Kriege, betreffend zusammen. In Wilhelm Adolfs
Bibliothek befanden sich verschiedene englische Titel in
der Originalsprache; mit Blick auf die Mehrzahl der Sammlungen
stellt dies beinahe eine Ausnahme dar. Bemerkenswert ist
ferner, daß er einige Schriften Rousseaus sowie die
Hauptwerke Christian Wolffs angeschafft hatte.
Die Autoren der klassischen Antike wurden weitgehend in
französischer Übersetzung gelesen; die deutsche
Dichtung war nur gering vertreten. Neben den historischen
sei auf die theologischen Schriften hingewiesen, die ebenfalls
in mehreren Bibliotheken eine Hauptabteilung bildeten. Nicht
allein die Bibelsammlung Elisabeth Sophie Maries der dritten
Gemahlin Herzog August Wilhelms, hat die Bedeutung der bereits
zuvor wertvollen theologischen Bestände der Herzog
August Bibliothek noch verstärkt, sondern auch die
von ihr sowie Ferdinand Albrecht I. und Antoinette Amalie,
der jüngsten Tochter Ludwig Rudolphs sowie Gemahlin
Ferdinand Albrechts II., erworbene pietistische Literatur.
Predigten, Erbauungsschriften, Gesangbücher und Leichenpredigten
haben zur Intensivierung dieser Gebiete beigetragen.
An den Höfen der absolut regierten Staaten des 18.
Jhs waren Bibliotheken Repräsentationsgegenstände
und gleichzeitig Mittel zur Bildung. Die Wertschätzung
der Bücher gehörte zu den vom Fürsten erwarteten
geistigen Einstellungen. In welchem Umfang die hier genannten
Angehörigen des braunschweigischen Herzogshauses ihre
Bibliotheken zur Lektüre genutzt haben, läßt
sich lediglich in wenigen Fällen belegen. Ihre nachweislichen
literarischen und künstlerischen Interessen geben jedoch
zu der Vermutung Anlaß, daß die Bücher
für sie von praktischer Bedeutung waren. Ein Indiz
dafür ist auch die Erziehung der jüngeren Söhne
Herzog Karls (Albrecht Heinrich, über dessen Bibliothek
nichts bekannt ist; Wilhelm Adolf), die von Johann Friedrich
Wilhelm Jerusalem, dem geistigen Vater des Collegium Carolinum,
geleitet wurde. Zwei Herzöge verdienen besondere Erwähnung,
denn Ferdinand Albrecht I. und Ludwig Rudolph waren am Aufbau
ihrer Bibliotheken in auffälligem Maße persönlich
beteiligt. Ferdinand Albrecht, Herzog Augusts jüngster
Sohn, hatte eine gute Erziehung erfahren, war sprachgewandt
und wurde Mitglied der Royal Society in London sowie der
Fruchtbringenden Gesellschaft. Er kaufte die Bücher
für seine Bibliothek, die am Ende seines Lebens ca.
4000 Bde umfaßte, auf ausgedehnten Reisen durch Europa.
Die Erwerbungsorte vermerkte er auf den Titelblättern,
so daß sich anhand dieser Eintragungen geradezu ein
Itinerar erstellen läßt. In seinen Reiseberichten
hat er auf die überall besuchten Bibliotheken hingewiesen.
Besonders beeindruckt haben ihn die Vaticana, die Bodleiana
und die Kaiserliche Bibliothek in Wien. Ferdinand Albrecht
hat auch die eigene Bibliothek in Schloß Bevern in
summarischer Form beschrieben.
Ludwig Rudolph, Herzog Anton Ulrichs dritter Sohn, hat
in seinen frühen Mannesjahren mit dem Büchersammeln
begonnen. In den Jahren 1706 und 1709 wurden die damals
vorhandenen Bestände nach Blankenburg gebracht, das
ihm als Apanage zugedacht war. Hier hat er mit Hilfe qualifizierter
Mitarbeiter - Georg Christian Knörr (1691-1762), später
Hofrat in Wien, und G.S.A. von Praun - den Aufbau
seiner Bibliothek systematisch betrieben. Die dafür
gemachten jährlichen Aufwendungen erreichten eine weit
höhere Summe, als Erwerbungsmittel in der Wolfenbütteler
Bibliothek zur Verfügung standen. Seine Bibliothek
war schließlich beinahe so groß wie alle übrigen
Sammlungen zusammen, die nach 1752 in Wolfenbüttel
vereinigt wurden. Durch diese Übergaben wurden die
größten Lücken im Bestand der Literatur
des 18. Jhs geschlossen. Sie haben jedoch bei weitem nicht
genügt, um die von Herzog August geschaffene Bibliothek
in angemessener Weise fortzuführen.