Gelehrtenbibliotheken des 18. und 19. Jahrhunderts
Außer den Fürstenbibliotheken
des 17. und 18. Jhs haben Büchersammlungen von Gelehrten
im 18. Jh, insbesondere aber im 19. Jh die Bestände
der Wolfenbütteler Bibliothek ergänzt und erweitert.
Auch die Gelehrtenbibliotheken überstiegen zahlenmäßig
- und häufig auch nach ihrem inhaltlichen Wert - die
laufenden Erwerbungen aus dem geringen Etat. Zahlenmäßig
schwanken die übernommenen Bibliotheken stark: In der
Regel sind es einige tausend Bände, lediglich von Jacob
Burckhard (s. u.) kamen nur 299
Bde in "die Bibliothek, d. h. der kleinere Teil der
von ihm hinterlassenen Büchersammlung, während
der größere, ca. 16.000 Bde, in die Klosterschule
von Amelungsborn gelangte, später zur Gymnasialbibliothek
von Holzminden gehörte und nach 1949 zusammen mit der
zuletzt genannten Sammlung der Niedersächsischen Landesbibliothek
Hannover, heute Gottfried
Wilhelm Leibniz Bibliothek, inkorporiert wurde.
Zeitlich sind bei der Übernahme der Gelehrtenbibliotheken
(einschließlich der alten humanistischen Bibliothek
aus dem Collegium Carolinum in Braunschweig, aus dem Kloster
Zur Ehre Gottes in Wolfenbüttel und aus dem ehemaligen
Collegium anatomico-chirurgicum in Braunschweig) drei Perioden
zu unterscheiden: Drei von ihnen wurden gegen Mitte des
18. Jhs der herzoglichen Bibliothek einverleibt (1737, 1755,
1767), ebenfalls drei kamen um die Mitte des 19. Jhs hinzu
(1838, 1854, 1857), während der größte Teil
zwischen 1872 und 1891 erworben wurde. Die Erwerbungen in
der ersten Periode sind mit großer Sicherheit auf
die Bemühungen Herzog Karls I. (1735-1780) und seines
bibliothekarischen Beraters von Praun zurückzuführen;
die der zweiten sind den Anstrengungen der Bibliothekare
Karl Philipp Christoph Schönemann (Amtszeit 1830-1854)
und Ludwig Konrad Bethmann (Amtszeit 1854-1867) zu verdanken.
Die meisten Erwerbungen von Gelehrtenbibliotheken gelangen
jedoch Otto von Heinemann (Amtszeit 1868-1904), und zwar
zahlenmäßig wie auch von ihrer inhaltlichen Variationsbreite
her gesehen.
Im einzelnen gelangten folgende Gelehrtenbibliotheken nach
Wolfenbüttel:
-
1737: Lorenz Hertel (1659-1737.
1705-1737 Bibliothekar in Wolfenbüttel) 3881 Bde,
79 Hss.;
-
1755:
Jacob Burckhard (1681-1752, 1737-1752 Bibliothekar in
Wolfenbüttel) 299 Bde;
-
1767: Gottfried Leonhard
Baudiss d. J. (1712-1764, Jurist und Historiker. Professor
am Collegium Carolinum Braunschweig) ca. 10.000 Bde;
-
1838: Johann Heinrich Gödecke
(Rektor in Northeim bei Göttingen) ca. 900 Bde;
-
1854: Friedrich August Ferdinand
Breymann (1798-1853; Obergerichtspräsident in Wolfenbüttel)
4750 Bde;
-
1857: Kloster Zur Ehre Gottes
in Wolfenbüttel (ehemals in Salzdahlum) 858 Bde;
-
1872: Karl Theodor Gustav
Beyer (Sanitätsrat in Wolfenbüttel) mit einer
unbekannten Anzahl von Bänden;
-
1875: Gottlob Günther
August Heinrich Karl von Berlepsch (1787-1877, Sammler)
ca. 5000 Nummern, einschließlich Exlibris. Urkunden,
Handzeichnungen, Buchdruckzeichen;
-
1876: Heinrich Wilhelm Benjamin
Weitenkampf (1759-1841, Oberappellationsgerichtspräsident)
über Staatsminister Schulz in Braunschweig, ca. 400
Bde;
-
1877: Moritz Ehrenberg (1809-1884,
Musiklehrer in Braunschweig) ca. 400-500 Bde;
-
1883: Gustav Anton Friedrich
Langerfeldt (1802-1883, Staatsminister in Braunschweig)
mit einer unbekannten Anzahl von Bänden;
-
1887: ehemaliges Collegium
anatomico-chirurgicum in Braunschweig, ca. 17.000 Bde;
-
1890: Theodor Müller
(1808-1891?, Privatgelehrter in Helmstedt) ca. 5000 Bde;
-
1891: alte humanistische
Bibliothek der Technischen Universität Braunschweig
(ehemalige Polytechnische Hochschule) aus der Bibliothek
des ehemaligen Collegium Carolinum stammend (darin ca.
500 Bde aus der
Bibliothek
des Herzogs Ludwig Rudolph).
Wie die Fürstenbibliotheken wurden auch die Gelehrtenbibliotheken
in Wolfenbüttel zunächst separat aufgestellt und
im Verlauf des 19. Jhs in die damals geschaffene Mittlere
Aufstellung eingeordnet, eine Bestandsgruppe, deren Anfänge
- ideell wie praktisch - bereits bei Lessing zu finden sind.
Nur wenige der Sammlungen besaßen Kataloge. Auch bei
den Gelehrtenbibliotheken sind heute nicht mehr alle Bücher
vorhanden; die Dublettenverkäufe im 19. und 20. Jh
haben hier dezimierend gewirkt.
Hinsichtlich des Inhalts dominieren bei den drei im 18.
Jh erworbenen Bibliotheken Werke zur Staats-und Rechtswissenschaft
sowie zur Geschichte. Aber auch philologische und einige
kunsthistorische Bücher sind zu verzeichnen. Die drei
ersten im 19. Jh erworbenen Bibliotheken sind dagegen in
ihrer Zusammensetzung stark von ihren jeweiligen Besitzern
geprägt: Bei Gödecke überwiegt die klassische
antike Literatur (aber auch die deutsche und französische
Literatur begegnen), Breymann besaß überwiegend
juristische Werke und das Kloster Zur Ehre Gottes hatte
meist theologische Literatur einschließlich Leichenpredigten.
Die acht unter Heinemann erworbenen Gelehrtenbibliotheken
sind inhaltlich verschiedenartig. Kunstgeschichte und Kunst
finden sich bei Berlepsch, Musik bei Ehrenberg, Medizin
im Anatomischen Colleg, Geschichte bei Müller und in
der alten humanistischen Bibliothek des Collegium Carolinum.
Insgesamt stellen diese Gelehrtenbibliotheken wertvolle
Erwerbungen älterer Literatur dar. Besonders gilt das
für die Erwerbungen unter Otto von Heinemann, da auf
diese Weise u. a. auch Bestandsgruppen ergänzt werden
konnten, die bisher nicht allzu stark berücksichtigt
worden waren.