Inkunabeln
Unter Inkunabeln oder Wiegendrucken versteht man Bücher und Einblattdrucke, die vor dem Jahr 1501 mit beweglichen Lettern (Metalltypen) hergestellt wurden. Der Erfinder dieser Technik war Johannes Gutenberg, dessen berühmte 42-zeilige Bibel in der Mitte der 1450er Jahre entstand. Inkunabeln stehen am Übergang von der mittelalterlichen Handschrift zum modernen gedruckten Text. Ihre äußere Form ähnelt in den ersten Jahrzehnten stark dem geschriebenen Manuskript. Die Schrift ahmt vielfach Abkürzungen und Buchstabenverbindungen (Ligaturen) der Buchhandschriften nach. Man schätzt, dass bis zum Jahr 1500 etwa 27.000 Ausgaben zum Druck kamen.
Bei dem Wolfenbüttler Inkunabelbestand von 2835 Ausgaben
in 3477 Exemplaren (642 Dubletten) handelt es sich um eine
mittelgroße, in ihrer Zusammensetzung jedoch einzigartige
und qualitativ hochwertige Wiegendrucksammlung. Die Inkunabeln
der Herzog August Bibliothek haben bis heute ihren ursprünglichen
Platz innerhalb der Sammlungen behalten und sind auf die
drei großen Bestandskomplexe des Altbestandes, die
Augusteer-Sammlung, Helmstedter Bestand und Mittlere Aufstellung
verteilt.
Eine beträchtlich Anzahl der Wiegendrucke gelangte
bald nach Einführung der Reformation in Braunschweig-Wolfenbüttel
(1569) aus säkularisierten Klöstern und Stiften
in die Fürstliche Bibliothek des Herzogs Julius von
Braunschweig-Lüneburg. Dessen Sammlung (Bibliotheca
Julia) wurde unter seinem Nachfolger Heinrich Julius noch
beträchtlich vermehrt, gelangte aber unter dessen Sohn,
Friedrich Ulrich, an die Bibliotheca Academiae Juliae in
Helmstedt (1618) und ist teils nach der Aufhebung der Universität
Helmstedt (1810), teils im Laufe des 19. Jhs. und 1913 ,
vermehrt insbesondere um Gelehrtenbibliotheken, nach Wolfenbüttel
zurückgekehrt.
Maßgeblich war die Sammlungsaktivität von Herzog August dem Jüngeren (1579-1666). Für seine Bibliotheca Augusta erwarb er in jahrzehntelanger systematischer Sammeltätigkeit auch rund 2000 Inkunabeln. Ihre buch- und kulturgeschichtlich wertvollen Ausgaben bilden heute den Kern des Wolfenbüttler Wiegendruckbestandes. Reiche Ergänzungen der Augusteer-Bestände erfuhr die herzogliche Bibliothek seit dem 18. Jh. v.a. durch Zugänge aus fürstlichem Besitz, die in die mittlere Aufstellung eingeflossen sind.
Die große Mehrzahl der Drucke (75%) entstammt deutschsprachigen
Regionen, mit den Hauptdruckorten Straßburg (491),
Köln (434), Leipzig (372), Basel (301), Nürnberg
(273) und Augsburg (131) . Bei den italienischen Inkunabeln
(607) liegt Venedig, als die bedeutendste europäische
Druckerstadt des Jahrhunderts, mit 387 Exemplaren weit an
der Spitze; es folgen Rom mit 61 und Bologna mit 51 Exemplaren.
Der altniederländische Anteil der Sammlung (190; Deventer
95, Antwerpen 24, Löwen 22) entspricht etwa der geographischen
Lage des Wolfenbütteler Standorts; 40 der 163 Inkunabelausgaben
sind in Belgien/Holland selbst nicht mehr nachzuweisen.
Die 80 Erzeugnisse französischer Pressen stammen überwiegend
aus Paris (37) und Lyon (31).
Neben den Zimelien der Gutenbergzeit (wie die B 36, der
unikale Druck von Boners Edelstein oder die Ablaßbriefe)
haben weitere kostbare Inkunabeldrucke dazu beigetragen,
den Ruf der Wolfenbütteler Sammlung als einer erstrangigen
des deutschen Kulturgebietes zu begründen. Von diesen
seien hier genannt der Ulmer Aesop (um 1476; GW 351), Franscisci
Columnae Hypnerotomachia Poliphili (Aldus 1499; GW 7223),
die Genfer Mélusine von 1478 (franz. Pendant zu Boners
Edelstein), Reynke des Vos (niederdeutsch, Lübeck 1498,
Hain 13887), endlich die Schedelsche Weltchronik in fünf
Ausgaben (Nürnberg 1493 bzw. Augsburg 1496-1500). Unter
sachlichen Gesichtspunkten finden sich zahlreiche Erstausgaben
Klassischer Texte der europäischen Literatur (editio
princeps: u.a. Aristophanes: Comoediae, Venedig 1498; Euclides:
Elementa geometricae, lat., Venedig 1482, Tacitus: Opera,
Venedig um 1473). Nicht weniger Aufmerksamkeit verdienen
bibliographische Rarissima und Unika, wie die Drucke von
Hans Folz, lateinische und deutschsprachige Prognostika
sowie Sammelbände, die eine größere Zahl
Kleindrucke zusammenführen. Gehäuft treten theologische
Drucke auf, darunter besonders häufig Predigtsammlungen.
Auch die enzyklopädische Werke, Literatur der artes
liberales, mechanicae und magicae sind vertreten und spiegeln
in hervorragender Weise die europäische Literatur-
und Geistesgeschichte des 15. Jahrhunderts.
Im Digitalisierungsprojekt Verteilte Digitale Inkunabelbibliothek (vdIb) wurden knapp 700 Exemplare des Wolfenbüttlere Bestandes insbesondere der Erscheinungsjahre ab 1484 digitalisiert und im Internet frei zugänglich gemacht. Sie sind über den OPAC, die Rechercheseiten der WDB oder das vdIb-Portal recherchierbar. Einen vollständigen Nachweis über das Internet bietet der Inkunabelkatalog deutscher Bibliotheken INKA.
Gedruckter Katalog in Censusform: Wolfgang Borm, Incunabula Guelferbytana (IG). Blockbücher und Wiegendrucke der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel. Ein Bestandsverzeichnis (Repertorien zur Erforschung der frühen Neuzeit 10), Wiesbaden 1990.



