Das Curriculum an einer frühneuzeitlichen Universität

Ebenso wie heute unterlag auch in der Frühen Neuzeit die universitäre Lehre bestimmten Mechanismen der Evaluation. Seit der Mitte des 17. Jahrhunderts hatten die Professoren der Universität Helmstedt ihren Unterricht in Form von Rechenschaftsberichten zu dokumentieren. Die Auswertung dieses in großer Zahl überlieferten Materials lässt heute Rückschlüsse zu über die Curricula und deren Schwerpunkte an einer frühneuzeitlichen Universität.

Die Helmstedter Rechenschaftsberichte ("Monat Zettel") der Monate Januar-März 1688. Niedersächsisches Landesarchiv – Abteilung Wolfenbüttel, 37 Alt Nr. 2518, fol. 1

 

Der Segen der Rechenschaft

Für die Academia Julia (1576‒1810) in Helmstedt, die Landesuniversität des Herzogtums Braunschweig-Lüneburg, sind uns Rechenschaftsberichte von Professoren in vielfacher Form und sehr großer Dichte für einen Zeitraum von nicht weniger als 100 Jahren (ca. 1650 ‒ ca.1750) in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel und im Niedersächsischen Landesarchiv Wolfenbüttel überliefert. Diese handschriftlichen und lateinischsprachigen Zettel, auch ‚Monatszettel‘ genannt, bilden heute so wertvolle Quellen, weil sie sich mitunter umfassend in Serie, d.h. von Woche zu Woche, Monat zu Monat und von Jahr zu Jahr, ja sogar von Dekade zu Dekade, relativ geschlossen auswerten lassen.

Dabei wurde ein eigentlich offensichtlicher Quellenwert bislang nur wenig beachtet: die Möglichkeit, mit Hilfe ihrer Auswertung universitäre Lehrinhalte ganzer Semester rekonstruieren zu können. Ins nähere Interesse rücken dabei diejenigen Professoren, die besonders gewissenhaft Rechenschaft über ihre Lehrveranstaltungen abgelegt haben. Wir erhalten durch sie Antworten auf viele Fragen, etwa nach Kontinuität und Wandel bestimmter Lehrinhalte sowie nach deren Gewichtung und Schwerpunkte an einer frühneuzeitlichen Universität.

 

Ein kurzes Semester Philosophiegeschichte in Helmstedt: Februar ‒ April 1688

Wie viel wurde also an der Universität Helmstedt in einem Semester unterrichtet? Wie viel Zeit entfiel auf diese oder jene Themen und Inhalte? Und was sagt uns das über die Ausrichtung der universitären Lehre und der ihr zugrundeliegenden Lehrdoktrinen? Sehr aufschlussreich für diese und weitere Fragen sind die Rechenschaftsberichte des Helmstedter Philosophie- und späteren Theologieprofessors Johann Barthold Niemeier (1644‒1708), der mehr als 30 Jahre durchgehend in Helmstedt unterrichtet hat. Niemeier notierte seit dem Wintersemester 1680/81 seine Berichte nicht mehr im üblichen Kurztextformat, sondern listete alle Unterrichtstage einzeln tabellarisch auf und machte Angaben zu den jeweils pro Tag unterrichteten Lehrgegenständen. Auch wenn uns dies de facto keinen vollständigen Semesterplan eines frühneuzeitlichen Professors liefert, so erhalten wir durch tabellarische Rechenschaftsberichte solcher Art doch am ehesten verlässliche Informationen über die von den jeweiligen Professoren angestrebte inhaltliche Konzeption ihrer Lehre.

Besonders erhellend ist hier die von Niemeier in der ersten Jahreshälfte 1688 gehaltene Vorlesung über die Geschichte der Philosophie. Wie der Aufbau der Lehrveranstaltung zeigt, orientierte er sich dabei an einem zeitgenössischen Geschichtsmodell, das die biblisch-heilsgeschichtliche Chronologie zur Grundlage der Menschheits- und Philosophiegeschichte machte: Für einen lutherischen Gelehrten wie Niemeier leitete sich die Philosophie demzufolge von Gott her und Adam – als erster Mensch – sowie dessen Nachfahren bis Noah waren zugleich auch die ersten Philosophen gewesen. Weitere biblische und antike Völker, wie die Babylonier, Kanaaniter, Ägypter, Kelten oder Skythen folgten und hatten, wie der Professor fast den gesamtem Februar zu dozieren weiß, allesamt ihre Philosophien vorzuweisen.

Danach folgt der größte Teil der Vorlesung: die Philosophien der Griechen und ihr Nachwirken. Die Vorsokratiker, samt Sokrates, werden in einem halben Monat absolviert (01.‒15. März). Auf Platon und die Geschichte der auf ihn gründenden Akademie entfallen immerhin sechs Sitzungen (16.‒26. März). Wie die Eintragung vom 23. März zeigt, war Niemeier dabei durchaus bewusst, dass die platonische Philosophie im Laufe der Zeit, insbesondere in der sogenannten Neueren Akademie, Änderungen, ja Verfälschungen, zum Opfer gefallen war: nova Academia a Platonis dogmatibus deflexerit. Zu solchen Eintragungen hätten wir oft gerne mehr Details. Häufig ergibt sich ein tieferer Einblick aber durch die thematisch korrelierenden und im betreffenden Semester abgehaltenen Disputationen, die die Professoren von Semester zu Semester durch Studenten verteidigen und anschließend im Druck publizieren ließen.

 

Niemeiers Vorlesung über die platonische und aristotelisch-peripatetische Philosophie, 16.-30. März 1688. Niedersächsisches Landesarchiv – Abteilung Wolfenbüttel, 37 Alt Nr. 2518, fol. 94

 

Nach Platon kommt Niemeier schließlich zum wahren Kern seiner Vorlesung: die aristotelische Philosophie und die auf sie gründende peripatetische Schule (Philosophia Peripatetica/schola Peripatetica). Nicht weniger als 13 Sitzungen (also mehr als das Doppelte wie für die platonische Tradition und mindestens genauso viel wie für die Philosophie von Adam bis zu den Griechen!) wendet Niemeier ausschließlich für Aristoteles und dessen Tradition auf. Davon entfallen drei Sitzungen allein auf die Vorzüge der aristotelischen Philosophie. Im April folgen zwei allgemeine Sitzungen zur Kritik an Aristoteles. Danach behandelt Niemeier ausgiebiger die Rezeptionsgeschichte der aristotelisch-peripatetischen Philosophie, die ihn in drei Phasen zunächst über ihre antiken Kommentatoren wie Andronikos Rhodios, die mittelalterliche Scholastik und schließlich zu ihrer Renaissance im Reformationszeitalter führt (19.‒23. April). Der Rest der Rezeptionsgeschichte ist wiederum den Feinden und Kritikern der peripatetischen Schule gewidmet: In jedoch gerade einmal drei Sitzungen (24.‒26. April) werden die bedeutenden philosophischen Gegenentwürfe eines Ramé und Gassendi (die sich eine Sitzung teilen) sowie eines Descartes vergleichsweise rasch abgefertigt, was kaum der Bedeutung gerecht wird, die ihre philosophischen Schriften am Ende des 17. Jahrhundert auch für den gelehrten Universitätsdiskurs gehabt hatten. Der Rest des Aprils entfällt auf Einzelsitzungen zu den übriggebliebenen griechischen Philosophenschulen, wie der Kyniker, Stoiker und Epikureer. Bei all dem bemerken wir ein Übergewicht der alten, vornehmlich antiken Philosophie. Die neueren Philosophien, wie sie im 16. und 17. Jahrhundert aufkamen, wurden dagegen ungleich weniger komplex thematisiert und immer wieder vor der Kontrastfolie der aristotelischen Philosophietradition bewertet.

 

Niemeiers Vorlesung über die aristotelische-peripatetische Philosophie und ihre Kritiker, 05.-26. April 1688. Niedersächsisches Landesarchiv – Abteilung Wolfenbüttel, 37 Alt Nr. 2518, fol. 95

 

Der Fluch der Tradition

Rechenschaftsberichte wie die von Johann Barthold Niemeier zeigen uns, wie einflussreich die Lehrdoktrin der aristotelisch-peripatetischen Philosophie an frühneuzeitlichen Universitäten wie Helmstedt auch gegen Ende des 17. Jahrhunderts noch war. Nicht von ungefähr wurde in der philosophischen Fakultät nahezu jeder essentielle Teil der universitären Lehre, wie etwa Logik, Ethik, Rhetorik, Physik oder Metaphysik, durch die Behandlung der dafür einschlägigen Werke des so reichhaltigen aristotelisch-peripatetischen Œuvres abgedeckt. Die Lehre hatte den Universitätsstatuten sowie den akademischen Rezessverordnungen zu genügen und die Professoren hatten darüber vierteljährig vor dem Dekanat und den Fürsten Rechenschaft abzulegen. Die Vermittlung neuerer, zeitgenössischer Philosophien hingegen, die nicht explizit vorgeschrieben waren, fand de facto vielfach nur punktuell statt, obwohl sie von vielen Professoren immer wieder gefordert und in den Dissertationen auch oftmals umgesetzt wurde. Wie die Mehrzahl der Rechenschaftsberichte zeigt, blieben die neueren Philosophien im Helmstedter Curriculum lange Zeit jedoch eine Marginalie. Dies folgte einer durchaus strukturkonservativen Logik: Zu einer adäquaten Bewertung und – wenn überhaupt – eingehenderen Beschäftigung mit den neueren Philosophien konnte man nur gelangen, wenn man seinen Aristoteles in- und auswendig beherrschte. Erst nach 1700 sollte sich dieses Diktum zunehmend lockern und den neueren Philosophien im Curriculum – neben der aristotelisch-peripatetischen Philosophie – ein größerer Platz zukommen.

 

 


 

Der Autor

Benjamin Wallura ist (neu-)lateinischer Philologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel und der Freien Universität Berlin im DFG-Projekt: „Der Aristotelismus in Helmstedt – Die Karriere eines europäischen Paradigmas“. Seine Forschungsschwerpunkte sind frühneuzeitliche Debatten- und Gelehrtenkulturen sowie die mittel- und nordeuropäische Universitätsgeschichte des 17. und 18. Jahrhunderts.

 

 

 


 

Alle Abbildungen in diesem Beitrag stammen aus dem Niedersächsischen Landesarchiv – Abteilung Wolfenbüttel und sind unter der folgenden Archivalienverzeichnung verortet: https://www.arcinsys.niedersachsen.de/arcinsys/detailAction.action?detailid=v5597662