„Der Wilde Mann von Wolfenbüttel“

Das ist der grausame Wilde Mann, / der sich so sehr hervorgetan, / dass ich seine Taten und männliche Kraft, / seine großen Siege und Ritterschaft / und seinen Triumph hier erwähnen muss. So wird der Protagonist eines Streitgedichts aus dem 16. Jahrhundert vorgestellt, von dem sich in der Sammlung der Herzog August Bibliothek fünf Exemplare befinden.

William Blake: Nebukadnezar (1795)

Sogenannte wilde Menschen begegnen bereits im Altertum. So tritt uns mit der Figur des Enkidu im Gilgamesch-Epos eine frühe Ausprägung entgegen.

Das Alte Testament bietet mit König Nebukadnezar ein weiteres Beispiel: Er wurde im Wahn aus der Gemeinschaft der Menschen verstoßen, fraß Gras wie die Rinder, sein Haar wuchs wie Adlerfedern und seine Nägel wurden zu Vogelklauen. Es handelt sich hier um das Bild des zivilisierten Menschen, der dem Wahnsinn verfällt und sich zeitweise in einen „Wilden“ verwandelt.

In der mittelalterlichen Literatur kommt bei Chrétien de Troyes und Hartmann von Aue ein „Wilder Mann“ in den Iwein-Dichtungen vor. In der Kunst wird er meist nackt, mit wildem, üppigen Haarschopf und einer Keule abgebildet. Er stellt einen Gegenentwurf zum höfischen Ritter dar, wobei er sich einer Zuordnung zu „Gut und Böse“, „Freund oder Feind“ entzieht. Iwein selbst bietet, als er die Gunst seiner Dame verliert, ein weiteres Beispiel à la Nebukadnezar: Er verfällt dem Wahn, tobt und lebt zeitweise nackt im Wald.

Die Beispiele ließen sich leicht vermehren. Auch in Neuzeit und Moderne übt das Motiv große Faszination aus. Belege reichen von Shakespeare über Grimmelshausen, den Brüdern Grimm bis zu Goethe, der im Faust unter anderem sagt: Die wilden Männer sind s’ genannt / am Harzgebirge wohlbekannt. Angesichts des Wolfenbütteler Beispiels ist der Bezug zum Harz von Interesse. Zu den „wilden Männern“ kommen Beispiele für „wilde Frauen“. Das Thema verdiente eine eigene Würdigung, die hier bedauerlicherweise unterbleiben muss.

Doch nun zum „Wilden Mann von Wolfenbüttel“: Es handelt sich um einen mit dem Monogramm „B.W.“ signierten Text, als dessen Autor Burkard Waldis (um 1490–1556) ermittelt wurde. Waldis wurde mehrfach von katholischer wie protestantischer Seite verhaftet, gefoltert und wieder frei gelassen. Nach seiner Konversion zum Protestantismus arbeitete er als Zinngießer, Münzgutachter und verfasste eine Abhandlung über Münzen. In der Fastnachtszeit 1527 wurde seine Parabel „Vom verloren Sohn“ zum ersten Mal aufgeführt. 1541/42 studierte er Theologie in Wittenberg und hörte Vorlesungen von Martin Luther. Danach wirkte er als Feldprediger Landgraf Philipps im Schmalkaldischen Krieg. Waldis hat außerdem weitere literarische Werke verfasst, darunter drei andere Schmähschriften, die den Streit zwischen Schmalkaldischem Bund, den Protestanten, und der katholischen Seite, in den Jahren um 1540 begleiten.

Von dem Text „Der Wilde Man von Wolfenbuttel“ existieren zwei verschiedene Drucke, die 1542 erschienen sind. Von diesen wird der eine der Marburger Werkstatt Egenolff zugeschrieben, der andere der Straßburger Offizin Frölich. Die folgenden Aussagen beziehen sich auf die Marburger Ausgabe. Auf der Titelseite mit der Aufschrift „Der Wilde Man von Wolfenbuttel“ folgt ein lateinisches Motto, das den Prophezeiungen Jeremias entlehnt ist: Maledictus homo, qui confidit in homine,& ponit carnem brachium suum (nach Luther: Verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen verlässt, und hält Fleisch für seinen Arm.). Es folgen fünf lateinische Distichen, die wohl Exzerpte einer Elegie von Christophorus Copehenus Erfurdianus darstellen. Der eigentliche Text folgt auf zwölf Seiten in 425 Reimpaaren. Friedrich Koldewey beschreibt den Stil „dieser gesalzenen Satiren“ in seiner Ausgabe von 1883 wie folgt: „Die Verse fließen leicht und gefällig dahin, der Ton der Polemik ist kräftig und derb, wie ihn der Geschmack der Zeit mit sich brachte, entbehrt aber … nicht einer massvollen Würde.“

Wer sich den Text genauer ansieht, stellt fest, dass es bis Vers 251 dauert, dass der „Wilde Mann“ zum ersten Mal erwähnt wird. Modern übersetzt heißt es dort etwa: Das ist der grausame Wilde Mann, / der sich so sehr hervorgetan, / dass ich seine Taten und männliche Kraft, / seine großen Siege und Ritterschaft / und seinen Triumph hier erwähnen muss. / Der sich sogar dem Teufel verschrieb / und sich so sehr überhob, / dass er Gott und den Heiligen trotzte, / sich unterstand zu fressen, was immer sich nur in deutschen Landen regte. / Er war ein Scharrhans und Eisenfresser, / ein Lästerer und Gottvergesser / ein Gottloser und Gottesverführer, / ein Verflucher von Gottes Wort und Wahrheit, / ein Schänder und Menschenverächter, / ein Mortbrenner und ein Blutvergießer (…). Und so weiter. Nun muss man sich weitere 28 Verse gedulden, bis „der Wilde“ genauer benannt wird: Das war der Welf von Wolfenbüttel: / Jetzt ist er nur ein Aschenprüttel (ein frühes Beispiel für die Erwähnung dieses aus dem Märchen bekannten Begriffs).

Taler Herzog Heinrichs von 1549 mit der Darstellung eines Wilden Mannes

Spätestens da war wohl für die meisten Zeitgenossen klar, dass mit „Welf von Wolfenbüttel“ Herzog Heinrich der Jüngere (1489–1568) gemeint war, auch wenn der Name nicht explizit fällt. Heinrich war der letzte katholische Herzog von Braunschweig-Lüneburg. Er widersetzte sich Bestrebungen, die Reformation einzuführen und war ein Hauptmann des katholischen Nürnberger Bundes. 1542 eroberten protestantische Truppen Heinrichs Herzogtum. Seine Niederlage und Inhaftierung waren die Folie für Burkard Waldis Streitgedicht.

Doch woher kam die Idee, Heinrich als „Wilden Mann“ zu bezeichnen? Wie von anderer Seite bereits nachgewiesen, ist Heinrich daran nicht ganz unschuldig: Er verwendete den Ausdruck selbst in seinen Briefen und ließ seit 1539 Münzen mit dem Bild eines „Wilden Mannes“ prägen. Das Silber dafür stammte aus dem Harz, etwa aus der Grube Wildermann.

Die Münzen waren so weit verbreitet, dass es vielen in den Sinn gekommen sein wird, den unter Protestanten verhassten Herzog mit dem „Wilden Mann“ zu identifizieren. Der ambivalenten Figur des „Wilden Mannes“ wird diese Gleichsetzung allerdings ebenso wenig gerecht wie dem viel gescholtenen Herzog.

 

 


 

Der Autor

Dr. Johannes Mangei ist stellvertretender Direktor der Bibliothek sowie Leiter der Abteilung "Neuere Medien, Digitale Bibliothek".