Die Flora Niedersachsens vor 300 Jahren

Bücher als Speicher von Artenvielfalt

In der Herzog August Bibliothek gibt es auch Bücher, die die Natur selbst sprechen lassen: Dabei handelt es sich um Herbarien, Sammlungen dauerhaft konservierter Pflanzen oder Pflanzenteile, die Botaniker, Ärzte und auch Laien schon vor Jahrhunderten zusammenstellten. Sie zählen heute zu den unverzichtbaren Zeugnissen der historischen Flora einzelner geographischer Räume. Vor einigen Monaten konnte die Bibliothek aus Sondermitteln des Landes Niedersachsen ein Herbarium mit rund 1.300 Pflanzenexemplaren erwerben, das die Flora des Weserberglands und der Gegend um Braunschweig und Celle im frühen 18. Jahrhundert dokumentiert.

Warum erwirbt eine Bibliothek mit historischen Beständen eine solche Sammlung getrockneter Pflanzen? Die Bibliothek wurde auf dieses antiquarische Angebot deshalb aufmerksam, weil die konservierten Pflanzen in Büchern aufbewahrt werden. Während es seit dem 19. Jahrhundert gängig ist, die Fundstücke auf losen Blättern oder in Umschlägen jeweils separat zu archivieren, nutzten die Sammler und Sammlerinnen früherer Zeiten die physische Form des gebundenen Buches, indem sie die getrockneten Objekte auf den leeren Seiten fixierten. Das norddeutsche Herbarium besteht aus drei Bänden mit zusammen mehr als 560 Seiten.

Chrysanthemum cotulae folio (»Rindsauge«), Herbarium
vivum, Bd. 1, HAB: Cod. Guelf. Noviss. 2° 148, fol. 100

Getrocknete Pflanzen in Büchern zu sammeln, folgt einer langen Tradition, die, soweit uns die ältesten erhaltenen Objekte unterrichten, in der Renaissance begann. Mit der Wiederentdeckung, Übersetzung und Neukommentierung des antiken Wissens im Renaissance-Humanismus und mit den beginnenden Forschungsreisen in alle Welt nahm die Kenntnis von Pflanzenarten stark zu. Diese Akkumulation alten und neuen Wissens stärkte den Wunsch nach einer persönlichen Überprüfung anhand eigener Anschauung − die „Autopsia“ wurde in dieser Zeit zu einem wichtigen epistemischen Leitbegriff. Bei ihren persönlichen Streifzügen durch die Natur entnahmen die Pflanzensammler häufig einzelne Fundstücke, die sie später abzeichneten und auch zu konservieren versuchten. Dies diente in erster Linie dem Austausch mit anderen Kräuterkundigen. Dabei stand nicht ein ureigenes botanisches Fachinteresse im Vordergrund, sondern vor allem ein medizinisch-heilkundliches. Die Medizin stützte sich in dieser Zeit grundsätzlich auf pflanzliche Heilmittel und das Bestimmen und Wiedererkennen von bestimmten Arten war für die Behandlung von Krankheiten entscheidend.

Bücher könnten schon beim Pressen der Pflanzen eine Rolle gespielt haben – der genaue Weg der realen Pflanzen ins Buch lässt sich in allen Einzelheiten nicht mehr nachzeichnen. Man kann aber sagen, dass dabei die Materialität des Buches eine nicht unwichtige Rolle gespielt hat: denn erst mit der Herstellung von Papier in Europa im 13./14. Jahrhundert waren die Buchseiten wirklich zum Pflanzenpressen geeignet. Das ältere Beschreibmaterial Pergament nimmt die Feuchtigkeit, die Pflanzen beim Pressen abgeben, nur sehr ungenügend auf und Bücher hätten sich somit zur Konservation als ungeeignet erwiesen.

Die ältesten Buchherbarien, die heute noch erhalten sind, stammen aus dem 16. Jahrhundert. Die Herzog August Bibliothek besitzt ein Herbarium aus dieser Zeit. Der spätere Wolfenbütteler Hofarzt Johann Gagelmann hatte es um 1570 während seines Medizinstudiums an der Universität Padua gestaltet. Darüber hinaus befindet sich im Bestand auch ein 15-bändiges Herbarium eines anderen lokalen Sammlers, das die sibirische Flora des 18. Jahrhunderts dokumentiert. Die nun aus dem Handel angekauften Bände stellen diesen Buchherbarien auswärtiger Flora so authentisch wie möglich die historische Flora Norddeutschlands zur Seite.

Helenium vulgare (»Alandt«), Herbarium vivum,
Bd. 1, HAB: Cod. Guelf. Noviss. 2° 148, fol. 44

Seine Herkunft und Sammlungsgeschichte muss in den Einzelheiten noch erforscht werden: Wir wissen bislang nur, dass ein Pflanzensammler namens A. Rupert zwei der drei Bände seit dem Jahr 1699 an den genannten Fundorten zusammenstellte. Ein zweiter, bislang nicht namentlich bekannter Botaniker scheint die Bände im Laufe des 18. Jahrhunderts in seinem Besitz gehabt zu haben und führte das Herbarium mit eigenen Funden in einem dritten Band fort. Im frühen 19. Jahrhundert gelangte der komplette Bestand nach England und fand im Jahr 1907 in einer Ausstellung der traditionsreichen Londoner Linnean Society sogar größere öffentliche Aufmerksamkeit. Einer der letzten Besitzer der Herbarbände war Stephan Keynes – ein Urenkel Charles Darwins. Über ein gezieltes Angebot aus dem englischen Antiquariatshandel kamen die Bände nun wieder nach Niedersachsen.

Diese historischen Pflanzenbestände sind von großer Bedeutung für die moderne Biodiversitätsforschung: über die Bestimmung des Artenbestands lassen sich Änderungen im Artenaufkommen und Verschiebungen der Verbreitungsgebiete einzelner Spezies seit dem frühen 18. Jahrhundert feststellen. Dazu werden heute auch mikrobiologische Methoden herangezogen, d.h. man versucht den genetischen Code der konservierten Pflanzen zu entschlüsseln, um auf diese Weise die Eigenschaften und Merkmale der Arten und Varietäten genauer zu erkennen - in gewisser Weise werden die Jahrhunderte alten Pflanzen also wieder zum Leben erweckt.

Aber Buchherbarien erweisen sich auch als höchst interessante Anschauungsobjekte der Sammlungs- und Erschließungspraktiken in den historischen Naturwissenschaften und sie offenbaren die Ratio dahinter – das Staunen über die lebendige Welt im Spektakulären wie im Unscheinbaren.

 

 

 


 

 

Zur Autorin:

Dr. Petra Feuerstein-Herz ist die Leiterin der Abteilung "Alte Drucke". Ihre Forschungsschwerpunkte sind neben der Buch- und Bibliotheksgeschichte die Naturgeschichte des 18. Jahrhunderts sowie die Alchemie in der frühen Neuzeit.