Eine Wiederentdeckung in der Herzog August Bibliothek

Zum Wolfenbütteler Manuskript der jesuitischen Compendia der Philosophie, Theologie und Kosmologie in japanischer Übersetzung

Die Einfuhr einer Druckerpresse aus Europa im Jahr 1590 versetzte die jesuitischen Missionare in Japan endlich in die Lage, all das zu drucken, was sie für die Missionsarbeit vor Ort benötigten. Jeder der ca. 30 bis heute erhaltenen Titel aus den folgenden Jahren gilt als bibliographische Rarität: Nur wenige von ihnen sind in mehr als drei Exemplaren vorhanden, etwa die Hälfte ist sogar in nur einem einzigen Exemplar bekannt. Die weltweite Suche fördert gelegentlich noch immer unbekannte Titel zutage, so beispielsweise im Jahr 1985 das Compendium manualis Navarri (1597). Andere Werke, deren Verbleib im Laufe des 20. Jahrhunderts unklar geworden war, sind ebenfalls wieder zu Tage getreten, etwa Fidesno quiǒ (1611) im Jahr 2009 und in jüngerer Zeit die Exercitia spiritualia Ignatij de Loyola (1596). Zusätzliche Exemplare bereits bekannter Titel finden sich gleichermaßen von Zeit zu Zeit. So wurde 2018 ein weiteres Exemplar des Vocabulario da lingoa de Iapam (1603) in der Biblioteca Nacional do Rio de Janeiro entdeckt – und 2017 wurde das nunmehr dritte erhaltene Exemplar des Contemptus mundi (1596) in der HAB Wolfenbüttel ausgemacht.

Das Werk an sich wurde anhand des Exemplars in der Bodleian Library, Oxford, bereits in Ernest Satows Pionierarbeit über The Jesuit Mission Press in Japan (1888) vorgestellt; zudem war später ein zweites Exemplar in der Biblioteca Ambrosiana in Mailand bekannt geworden. Die Neuentdeckung war jedoch insofern bemerkenswert, als dass es sich hierbei nicht nur um den ersten bekannt gewordenen Jesuitendruck aus Japan in der HAB handelte, sondern auch überhaupt um einen von lediglich ganz wenigen Drucken dieser Art in deutschen Sammlungen. Dank eines Briefes, der sich in dem Buch erhalten hat, ist hier sogar bekannt, dass es bereits 1662 nach Wolfenbüttel gekommen war.

Diagramm der Himmelssphären und Tierkreiszeichen,
die auch Gegenstand des oben in griechischer Schrift geschriebenen
lateinischen Merkverses in Hexametern sind.

Die Compendia: Philosophie, Theologie und Kosmologie

Die Durchsicht eines Inventars an Wolfenbütteler Handschriften, das einem Katalog der orientalischen Handschriften der damaligen Königlichen Bibliothek zu Dresden aus dem Jahr 1831 beigegeben ist, führte Ende 2019 nun zur Identifikation eines verwandten Manuskripts in der HAB: Der japanischen Übersetzung der sogenannten Compendia (1593), die dem spanischen Jesuiten Pedro Gómez (1533/35–1600) zugeschrieben werden – das heißt derjenigen Texte, die für mehr als zwei Jahrzehnte die Grundlage der Ausbildung in den Jesuitenkollegien in Japan sowie später in Macau bildeten.

Abgedeckt werden dabei in drei Teilen die Bereiche Philosophie (im Wesentlichen basierend auf der Schrift De anima des Aristoteles), Theologie und aristotelisch-ptolemäische Kosmologie. Die ursprüngliche lateinische Fassung hat sich in einem einzigen Manuskript (Reg.lat.426) in der Biblioteca Apostolica Vaticana erhalten, das der Wissenschaft zuerst im Jahr 1939 vorgestellt wurde. Zumindest diese lateinische Fassung scheint auch in der Missionsdruckerei gedruckt worden zu sein, allerdings ist bislang kein Exemplar bekannt geworden. Die japanische Übersetzung hingegen wurde erst 1995 entdeckt, wenn auch in unvollständiger Form: Ganz entscheidend für diesen Schlüsseltext in der japanischen Geistesgeschichte des 16. und 17. Jahrhunderts sowie für unser Verständnis globaler Wissenszirkulation fehlt dem Ms. 228 des Magdalen College Oxford nämlich neben mehreren Abschnitten am Ende des theologischen Teils der gesamte kosmologische Teil. De Sphaera, wie dieser in seiner lateinischen Fassung üblicherweise bezeichnet wird, führt ein in das geozentrische Weltbild und die Lehre von den vier Elementen in der Tradition von Aristoteles und Ptolemäus.

Das fehlende Bindeglied: De Sphaera

Das neu entdeckte Wolfenbütteler Manuskript (Cod. Guelf. 7.5 Aug. 4°) ist insofern einzigartig, als dass es alle drei Teile umfasst. Es füllt somit die Lücken der Oxforder Handschrift auf und eröffnet gleichzeitig neue Möglichkeiten für eine kritische Ausgabe der japanischsprachigen Compendia auf der Grundlage beider Textzeugen. Wichtiger noch: Bislang musste sich die Forschung mit dem späteren Nigi ryakusetsu (Kurzer Abriss über die himmlische und irdische Welt) und verwandten Schriften begnügen, um Einblicke in die japanische Adaption von De Sphaera zu erlangen, wenn auch in deutlich überarbeiteter und gewissermaßen entchristianisierter Form.

Anfang des dritten Teils, Sufera-no nukigaki,
samt Titel und Nennung seines Verfassers Pedro Morejón.

Erstmals sind wir nun in der Lage, die ursprüngliche lateinische Fassung, Nigi ryakusetsu sowie die japanische Übersetzung Sufera-no nukigaki (Auszüge über die Sphäre) als vormals fehlendes Bindeglied zwischen den beiden Erstgenannten vergleichend zu untersuchen. So wird nachvollziehbar, wie genau das Werk De Sphaera, in welchem Kosmologie eng mit christlichem Gedankengut verwoben ist, erst im Kontext jesuitischer Missionspraxis übersetzt und im Verlaufe seiner späteren Überlieferungsgeschichte im Nigi ryakusetsu letztlich entchristianisiert wurde.

Auch bezüglich der Autorenschaft – zumindest der japanischen Übersetzung des Teils De Sphaera –  bringt das in Wolfenbüttel entdeckte Manuskript neue Erkenntnisse mit sich. Seit Jahrzehnten wird dieser kosmologische Teil der Compendia praktisch ausnahmslos als Werk von Gómez behandelt und das trotz mangelnder Belege für diese Zuschreibung, die tatsächlich lediglich für den philosophischen und theologischen Teil vorliegen. Das neu entdeckte Manuskript in Wolfenbüttel macht nun eine Korrektur dieser Sichtweise notwendig, da die japanische Fassung unmittelbar nach dem eigentlichen Titel explizit benennt, wer sie zusammengestellt hat: Es handelt sich um den spanischen Jesuiten Pedro Morejón (1562–1639?), von dem im Übrigen bereits lange bekannt war, dass er am Jesuitenkolleg zu Amakusa anhand der Compendia unterrichtet hat.

Mit der Arbeit an einer Edition und Studie des Manuskripts wurde im Januar 2020 begonnen, wobei in einem ersten Schritt Sufera-no nukigaki als bedeutsamster Teil des Manuskripts im Vordergrund steht.

 

 

 


 

Über den Autor

Sven Osterkamp ist Professor für Sprache und Literatur Japans an der Ruhr-Universität Bochum. Er arbeitet zur japanischen Sprach- und Schriftgeschichte sowie zur westlichen Kenntnis ostasiatischer Sprachen und Schriftsysteme seit der frühen Neuzeit.