Marbach, Weimar und Wolfenbüttel – Gemeinsam in die nächste Phase

Das Deutsche Literaturarchiv Marbach, die Klassik Stiftung Weimar und die Herzog August Bibliothek arbeiten schon seit vielen Jahren gemeinsam an der Erschließung materieller Zeugnisse der deutschen literarischen und intellektuellen Tradition. Um ihre Zusammenarbeit zu intensivieren, rückten die drei Institutionen im Jahre 2013 in dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Forschungsverbund Marbach Weimar Wolfenbüttel (MWW) noch näher zusammen. Das übergeordnete Ziel des Verbunds ist die Weiterentwicklung der bestandsbezogenen Forschung mit Mitteln der digitalen Geisteswissenschaften.

Im März 2019 ging MWW in die zweite Förderphase – ein guter Anlass, um in den kommenden Monaten aus verschiedenen Perspektiven über den Verbund, seine Strukturen und Ergebnisse sowie seine zukünftigen Projekte zu berichten.

 

Was bisher geschah

Den Kern der ersten Förderphase bildeten drei Forschungsprojekte: Autorenbibliotheken: Materialität – Wissensordnung – Performanz, Bildpolitik: Das Autorenporträt als ikonische Autorisierung und  Text und Rahmen: Präsentationsmodi kanonischer Werke. An der HAB wurden in diesem Rahmen verschiedene Teilprojekte realisiert, von denen vier heute bereits abgeschlossen sind.

So zum Beispiel das Forschungsprojekt Die soziale und epistemische Produktivität von Autorenporträts in der Frühen Neuzeit. Als Teil dieses Projekts entstand  2017 zum 500. Jubiläum der Reformation die Ausstellung Luthermania – Ansichten einer Kultfigur.  Der Kurator Hole Rößler untersuchte hier in Zusammenarbeit mit den Wolfenbütteler MWW-Mitarbeiter*innen die Vielzahl von Lutherbildern, die zum Teil auch heute noch in der Rezeption Luthers mitschwingen: Luther als Heiliger, Ketzer, Prophet, Antichrist, Kirchenvater, Kirchenspalter, Aufklärer, Antisemit, Genie, Scharlatan, Nationalheld und Fürstenknecht. Wer also war Martin Luther? Die Ausstellung, die von einem Katalog begleitet wurde und als virtuelle Ausstellung weiterhin zu sehen ist, ordnet die verschiedenen und teils widersprüchlichen Bilder in die soziale, politische und kulturelle Situation ihrer Entstehungszeit ein.  

Ebenso fanden die Projekte Produktion und Rezeption des Psalters (ca. 1450-1700), Digital Humanities: Datenmodellierung und Metadaten und Frühneuzeitliche Gelehrtenbibliotheken in der ersten Förderphase formal ihren Abschluss. Ihre Inhalte aber werden in der zweiten Förderphase weiterentwickelt und in neuen Zusammenhängen erforscht.

Im Rahmen von MWW-Hospitanzen besuchten Gastforscher*innen Wolfenbüttel jeweils für einige Monate und trugen so zum wissenschaftlichen Austausch im Forschungsverbund bei. Gleichzeitig konnten sie die Chance nutzen, die vielfältigen Bestände der HAB für ihre eigenen Projekte zu untersuchen. Besonderer Höhepunkt war in diesem Kontext die MWW-Sommerschule, die sich 2017 unter Leitung von Randolph C. Head mit einer „New History of Archives“ befasste und sich speziell an Nachwuchswissenschaftler*innen richtete.

Mit der Zeitschrift für digitale Geisteswissenschaften (ZfdG) konnte außerdem ein neues Medium für die Diskussion der digitalen Forschung in den Geisteswissenschaften etabliert werden. Hier verbinden sich die Themen des Forschungsverbunds mit zahlreichen externen Beiträgen zu einer digitalen Publikation. Aber auch klassische Printpublikationen, wie die Reihe „Kulturen des Sammelns“, bieten einen Zugang zu den Ergebnissen von MWW und den neusten Tendenzen der Sammlungsforschung.  

 

Und was kommt jetzt?

Auch durch die zweite Förderphase zieht sich als roter Faden das Ziel der Erfassung, Aufbereitung und Bewahrung der Bestände in digitaler Form. Hierfür soll als gemeinsame Dachstruktur ein digitales Labor geisteswissenschaftlicher Forschung aufgebaut werden, in dem die Expertise der drei Häuser gebündelt wird.

Eine weitere Neuerung betrifft die Arbeitsstruktur der Häuser untereinander. Es werden drei Forschungsgruppen gebildet, die jeweils einen anderen Schwerpunkt der Sammlungsforschung verfolgen: „Raum“ (Marbach), „Provenienz“ (Weimar) und „Ökonomie“ (Wolfenbüttel). Das Forschungsfeld der Ökonomie umfasst einerseits den Kapitalaufbau und Kapitalverlust von Sammlungen sowie Fragen nach ihrem Wert. Andererseits sollen die Sammlungsobjekte als Waren betrachtet werden, die in unterschiedlichen Zusammenhängen und Netzwerken zirkulieren. Diese Perspektive nehmen auch die in Wolfenbüttel angesiedelten Fallstudien auf: Intellektuelle Netzwerke. Frühneuzeitliche Gelehrtenbibliotheken als Wissens- und Kommunikationsräume und Weltwissen. Das kosmopolitische Sammlungsinteresse des frühneuzeitlichen Adels.

Beide Fallstudien sowie den Forschungsschwerpunkt „Ökonomie“ in seinem Bezug zu Sammlungen und sammlungsbezogenen Arbeitspraktiken werden wir Ihnen in späteren Beiträgen vorstellen.