Zuwachs, Verlust und Zirkulation

Die Forschungsgruppe „Sammlungsökonomien“ stellt sich vor

Ein wesentliches Merkmal aller Sammlungen ist ihre Einbettung in ökonomische Prozesse. Als Leitkategorie für eine von drei Forschungsgruppen des MWW-Verbunds werden daher – neben „Provenienz“ in Marbach und „Raum“ in Weimar – in Wolfenbüttel die „Sammlungsökonomien“ untersucht.

 

Das Thema

Sammlungsforschung kann nicht ohne die Analyse von Erwerb, Zuwachs, Verlust und Zirkulation betrieben werden. Obwohl diese Aspekte den Sammlungen inhärent sind, wurden sie bislang nur selten explizit thematisiert. Hier knüpft die Arbeit der Forschungsgruppe an: Der Blick richtet sich auf die Akteure und ihre Sammlungspraktiken. Wie sind sie in eine Sammlungsökonomie eingebettet? Welche Sammlungs- und damit verbunden Arbeitspraktiken lassen sich als ökonomisch beschreiben? Welche Marktmechanismen nehmen Einfluss auf Sammlungen? Wie funktionieren Wertzuschreibungen und Wertewandel? Von Interesse sind auch Aufwendungen in Logistik, Aufbewahrung und Infrastrukturbildung, die häufig notwendige Voraussetzungen für den Aufbau einer Sammlung sind.

Die Wortwolke visualisiert die verschiedenen Forschungsinteressen der Mitglieder der MWW Forschungsgruppe "Sammlungsökonomien".

So vielfältig wie die Perspektiven sind die Quellen, die die Basis unserer Untersuchungen bilden. Spuren ökonomischer Aktivitäten finden sich etwa in Rechnungszetteln, Korrespondenzen im Rahmen von Erwerbungen, Schenkungs- und Verkaufsunterlagen sowie in Testamenten, Inventaren oder Katalogen. Ein zentrales Anliegen der Gruppe ist es daher auch, methodische Überlegungen anzustellen und neue Auswertungsverfahren zu entwickeln.

 

Die Gruppe

Das Forschungsfeld der Sammlungsökonomien umfasst also eine ganze Bandbreite an Fragekomplexen. Diese Diversität spiegelt sich auch in der Zusammensetzung der Gruppe wider, die bisher aus 18 Forscher*innen aus unterschiedlichen Disziplinen und Kontexten besteht. So freuen wir uns etwa über die Teilnahme von Vertreter*innen aus den Buch- und Literaturwissenschaften, der Geschichte, der Ethnologie und der Wissensgeschichte. Als einer der ersten Arbeitsschritte der neugebildeten Gruppe wurde zunächst eine Textsammlung erstellt, die einerseits den Forschungsstand wiedergeben und andererseits ökonomische Aspekte in „Klassikern“ der Sammlungsforschung aufspüren soll. Ziel ist es, eine gemeinsame theoretische Basis zu schaffen, anhand derer die Gruppe eigene Forschungsfragen entwickeln kann, die auf die spezifischen Bedürfnisse ihrer Mitglieder zugeschnitten sind, aber ebenso für eine größere Forschungsgemeinschaft interessant sein können.

 

Pläne

Das erste Treffen der Gruppe musste aus gegebenem Anlass in den Herbst 2020 verschoben werden. Zur Verkürzung der Wartezeit wurde im virtuellen Forschungsraum von MWW eine Webseite eingerichtet, die Materialien und eine digitale Bibliographie zur Verfügung stellt sowie den Austausch der Mitglieder untereinander ermöglicht. Zukünftig werden hier außerdem einer interessierten Öffentlichkeit alle Informationen zur Gruppe zur Verfügung gestellt. Bis zum Ende des Jahres sollen anhand der digitalen Vernetzung Schwerpunkte definiert werden, die in Einzelworkshops weiterbearbeitet werden können. Ein Fokus liegt dabei auf digitalen Methoden: Wie können wir ökonomische Daten aus unseren Quellen extrahieren und modellieren? Welche Verarbeitungs- und Auswertungsmöglichkeiten gibt es? Welche Visualisierungen sind denkbar? Für das Jahr 2022 ist zudem eine Summer School geplant, die den wissenschaftlichen Nachwuchs in das Thema einführen und in unsere Überlegungen einbinden soll. Das finale Ziel ist die Veröffentlichung eines gemeinschaftlich verfassten Handbuches zum Thema Sammlungsökonomien, in dem unsere Forschungsergebnisse gebündelt werden.

Der Forschungsverbund Marbach Weimar Wolfenbüttel steht für Vernetzung und Zusammenarbeit im Bereich der Sammlungsforschung. Die drei Forschungsgruppen mit ihren jeweiligen spezifischen Schwerpunkten dienen als Instrument um die Häuser untereinander noch besser zu vernetzen. Der Schwerpunkt der Sammlungsökonomien wird auch in zwei in Wolfenbüttel angesiedelten Fallstudien aufgegriffen: Intellektuelle Netzwerke. Frühneuzeitliche Gelehrtenbibliotheken als Wissens- und Kommunikationsräume und Weltwissen. Das kosmopolitische Sammlungsinteresse des frühneuzeitlichen Adels. Beide Projekte möchten wir Ihnen in weiteren Beiträgen zum Forschungsverbund vorstellen.

 

 

 


 

 

Zur Autorin:

Dr. Joëlle Weis ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im MWW Projekt „Weltwissen. Das kosmopolitische Sammlungsinteresse des frühneuzeitlichen Adels“ in der Abteilung "Forschungsplanung und Forschungsprojekte" der HAB. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Frühneuzeitliche Wissensgeschichte und Sammlungsforschung.