Bibliotheca Augusta

Die Bibliotheca Augusta war ursprünglich die Sammlung Herzog Augusts zu Braunschweig-Lüneburg (1579-1666, Regierungsantritt 1634), die dieser in der langen Zeit seines Lebens zusammengetragen hat. Beim Tode des Herzogs 1666 umfaßte sie rund 135.000 Titel in 35.000 Bänden. Heute ist diese, den Kernbestand der HAB bildende Sammlung in den musealen Räumen des wilhelminschen Neubaus der Bibliotheca Augusta aufbewahrt. Die überwiegend einheitlich in Pergament mit grünen Verschlußbändern gebundene Fürstenbibliothek ist nach wie vor in zwanzig Sachgruppen aufgeteilt:

  1. Theologica (ca. 40000 Titel)
  2. Juridica (ca. 12000 Titel)
  3. Historica (ca. 16000 Titel)
  4. Bellica (ca. 900 Titel)
  5. Politica (ca. 5000 Titel)
  6. Oeconomica (ca. 300 Titel)
  7. Ethica (ca. 7000 Titel)
  8. Medica (ca. 4000 Titel)
  9. Geographica (ca. 1000 Titel)
  10. Astronomica (ca. 2100 Titel)
  11. Musica
  12. Physica (ca. 3200 Titel)
  13. Geometrica (ca. 1600 Titel)
  14. Arithmetica (ca. 400 Titel)
  15. Poetica (ca. 5200 Titel)
  16. Logica (ca. 400 Titel)
  17. Rhetorica (ca. 2800 Titel)
  18. Grammatica (ca. 2400 Titel)
  19. Quodlibetica (ca. 17500 Titel)
  20. Manuscripta

 

Das Profil der einzelnen Sachgruppen ist auf der Seite Augusteer beschrieben.

Die Bezeichnung Bibliotheca Augusta wurde in späteren Zeiten auf die Herzog August Bibliothek übertragen und auch beibehalten, als diese andere, später inkorporierte Büchersammlungen umfaßte. August legte in seiner Jugend den Grundstock zu seiner Bibliothek. Aus seinem siebenten Lebensjahr stammt der früheste nachweisbare Buchbesitz. Nach Abschluß intensiver Studien in Rostock, Tübingen und Straßburg besaß August 150 Bücher, aus denen er gelernt und studiert hatte. Seit 1604 lebte er in Hitzacker an der Elbe von bescheidener Apanage. Dennoch besaß der dreiunddreißigjährige Prinz um 1611/12 ca. 4000 Bücher, die er in einem ersten Katalog alphabetisch verzeichnete.

Die Jahre zwischen 1611/12 und 1625, in denen die von August in Anspielung auf Lunaeburgum zunächst Bibliotheca Selenica, dann nach ihrem Standort Bibliotheca Hitzackeriana genannte Sammlung um das Sechsfache (auf 25.000 Werke) vermehrt wurde, wozu das Vermögen seiner Gemahlin Clara Maria wesentlich beitrug, waren entscheidend für ihre zukünftige Entwicklung. Der wachsende Umfang der Bibliothek erforderte eine Reihe von Veränderungen, deren Realisierung die bibliothekarischen Qualitäten des fürstlichen Sammlers, in dessen Hand Erwerbung, Katalogisierung und Aufstellung lagen, veranschaulicht; 1625 erhielten die Sammlungen ein eigenes Gebäude.

Die Bibliotheca Augusta wurde auf einem noch vor Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges gelegten Fundament großer Werkausgaben aus allen Disziplinen in scholastischer und humanistischer Tradition aufgebaut. Sie spiegelt in ihrem Inhalt die universalen Kenntnisse und Interessen ihres Sammlers wider.

Mit Hilfe eines Netzes von bezahlten Agenten erwarb Herzog August aus verschiedenen Teilen des Reiches alte und neue Drucke und Handschriften. Der Ankauf geschlossener Nachlässe war selten, obwohl die Besitzeinträge in den Büchern der Bibliotheca Augusta umfangreiche Provenienzen dokumentieren.

Im Jahre 1625 begann Herzog August seinen berühmten Bücherradkatalog anzulegen, der, ebenso wie die Anordnung der Bibliothek, theoretisch unbegrenztes Wachstum innerhalb ihres Systems gestattete. Die Anordnung der Bibliothek und die Anlage des Katalogs waren ihrer Epoche weit voraus und zeigen, wie zukunftsgerichtet die Planungen Herzog Augusts waren. Um neu hinzukommende Bücher an einer passenden Stelle einschieben zu können, wurde eine zweite Zahlenreihe begonnen, die der ersten durch einen Punkt untergeordnet war. Der neue Band, der z. B. zwischen die Bände 3 und 4 der Theologica gestellt werden sollte, erhielt die Standortzahl 3.1 Theologica usw. Wie es scheint, hat es hierfür auf keinem Gebiet ein Vorbild gegeben. Ein so sorgsam geflochtenes Gefüge aus Autoren und Themen, dessen Strukturen sich innerhalb der verschiedenen Formatklassen ähnelten, schien den Zeitgenossen mindestens ebenso bedeutend wie die Summe der versammelten Bücher. Den bewußten Zusammenhang im großen spiegelte auch die beziehungsreiche Zusammenstellung der einzelnen Sammelbände.

Ab 1625 erhielt auch der hauseigene Einband sein endgültiges Gesicht von kräftigem Pergament mit nach innen verlegten Bünden, Schutzklappen über dem Schnitt und grünen Seidenbändern als Verschluß. Der Katalog, der am Ende sechs Großfoliobände von je 1200 Seiten umfaßte, ermöglichte unbegrenztes Wachstum, indem jeder darin verzeichnete Band durch Verweisung mit der später eingetragenen Signatur jenes Bandes verbunden wurde, der ihm auf dem Regal folgte. Die fast immer mit zusätzlichen bibliographischen und sachlichen Anmerkungen versehenen, diplomatisch getreuen Titel waren in dem umfangreichen Akzessionskatalog mühelos zu finden.

Im Jahre 1634 trat Herzog August die Erbnachfolge des ausgestorbenen Mittleren Hauses Braunschweig-Lüneburg an. Nach einem Interregnum in Braunschweig - die Residenz Wolfenbüttel war noch von den kaiserlichen Truppen besetzt - zog er 1644 als neuer Landesfürst mit seinen Büchern in Wolfenbüttel ein. Das Marstallgebäude gegenüber dem Schloß wurde für die Bibliothek hergerichtet: es war von zweckmäßiger Bequemlichkeit und zur Konzentration einladend. Die Söhne erlagen der politischen Notwendigkeit bewußter Prachtentfaltung und vewandelten die zwei langgestreckten, anspruchslosen Klausen der Gelehrsamkeit mit den Stallungen darunter in einen lichtdurchfluteten ovalen Kuppelbau.

In Hitzacker wie auch später in Wolfenbüttel war die Bibliothek auch Gebildeten zugänglich. Zunächst hatten Pastoren, juristische Beamte und Ärzte teil, später kamen die Gelehrten von der Universität Helmstedt und die Hofbeamten Wolfenbüttels hinzu, und es geschah auch, daß weit entfernt lebenden Kennern auf Verlangen ein Buch übersandt wurde.