Erwerbungen 1705-1819

Das Jahr 1705 kann als Beginn dokumentierter laufender Erwerbungen angesehen werden, da erst von diesem Jahr an ein Akzessionsbuch vorliegt und Rechnungen gesammelt aufbewahrt wurden. Vermutlich hängen Anlage des Akzessionsbuches und Aufbewahrung der Rechnungen damit zusammen, daß am 2. März 1705 Lorenz Hertel seine Bestallung als Wolfenbütteler Bibliothekar unter oder neben Leibniz erhielt. (Leibniz war seit 1676 Hofbibliothekar in Hannover und betreute die Wolfenbütteler Bibliothek seit 1690. Hertel wurde 1716 Nachfolger von Leibniz in Wolfenbüttel.) Hinzu kommt, daß 1708 der äußerst niedrige Jahresetat von 20 Talern, der 1692 durch Leibniz eingerichtet worden war, um 200 Taler auf immerhin 220 Taler anstieg. Bis 1787 blieb er auf dieser Höhe, von 1788 bis 1806 betrug er 200 Taler, zwischen 1806 und 1819 entfiel er ganz. Von diesem geringen Etat waren allerdings auch noch Geschäftsbedürfnisse zu bestreiten. Erwerbungen vor 1705 finden sich im Bücherradkatalog eingetragen, der teils als Standortkatalog, teils als Akzessionsverzeichnis diente und bis nach 1700 geführt wurde, aber auch noch Eintragungen nach 1705 und sogar noch nach 1719 aufweist.

Die chronologische Einteilung der laufenden Erwerbungen geschieht zweckmäßig nach den Amtszeiten der jeweiligen Leiter der Bibliothek (Oberbibliothekare, Direktoren). Man erkennt dabei deutlich sowohl die Kontinuitäten in der Erwerbungspolitik wie auch die Abweichungen davon, die auf unterschiedliche individuelle Bestrebungen bei der Büchererwerbung durch die Bibliotheksleiter verweisen. Man erkennt aber auch die Zeiten, in denen viel, wenig oder nichts erworben wurde. Für den Berichtszeitraum sind es folgende fünf Bibliothekare: Lorenz Hertel 1705-1737, bis 1716 unter Leibniz, Jacob Burckhard 1737-1752, Christian Johann Brandan Hugo 1753-1769, Gotthold Ephraim Lessing 1770-1781, Ernst Theodor Langer 1781-1820. Inwieweit auch Georg Septimus Andreas von Praun an den laufenden Erwerbungen unmittelbar mitgewirkt hat, läßt sich nicht ersehen, dürfte aber - z. B. bei Hugo - nicht zu gering zu veranschlagen sein.

Als Unterlage für die laufenden Erwerbungen kommen zunächst die von Otto von Heinemann in: Die Herzogliche Bibliothek zu Wolfenbüttel, 1550-1893 veröffentlichten Zahlen in der Rubrik "Gekauft: Bücher'' in Frage (S. 287-289). Sie schwanken stark für die Berichtszeit: Sie bewegen sich zwischen 0 in den Jahren 1710 und 1783 bis 1819 und 629 im Jahre 1705. Sodann sind die Angaben in den Akzessionsbüchern zwischen 1705 und 1819 heranzuziehen (Bibliotheksarchiv BA I, 1100 für 1705 bis 1760; B A I, 1102 für 1761 bis 1857). Sie enthalten in der Regel Autor, Titel. Erscheinungsort und -jahr sowie die Art der Erwerbung (zumeist handelt es sich um Käufe auf Auktionen). Zahlenmäßig stimmen die Akzessionsbücher nicht immer völlig mit Heinemann überein; der leichteren Nachprüfbarkeit wegen wurden die Heinemannschen Zahlen verwendet. Auch an dieser Stelle ist darauf hinzuweisen, daß die laufenden Erwerbungen, bedingt durch den geringen Etat, zahlenmäßig den geschenkten oder vom Herzog überwiesenen Büchern unterlegen waren.

Unterteilt nach den Bibliothekaren stellen sich die laufenden Erwerbungen zwischen 1705 und 1819 summarisch wie folgt dar: Unter Hertel bewegen sich die Zahlen der durch Kauf erworbenen Bücher zwischen 0 im Jahre 1710 und 629 im Jahre 1705. Überdurchschnittlich viel wurde 1705 an juristischer und historischer sowie 1712, 1714/15, 1717/18 und 1725 an historischer Literatur erworben. In den übrigen Jahren waren die Zugänge mäßig, jedoch im wesentlichen kontinuierlich. Überwiegend wurden historische Bücher (einschließlich Reisebeschreibungen) gekauft, daneben auch juristische, theologische und literarische Werke. Nur wenig wurde an philosophischer, kunsthistorischer, medizinischer, naturkundlich-mathematischer und politischer Literatur erworben. Die Erwerbungstätigkeit von Burckhard bietet ein ähnliches Bild, allerdings wurde in seinen Anfangsjahren weniger erworben. Die Zahlen schwanken zwischen 28 im Jahre 1738 und 159 im Jahre 1741. Verhältnismäßig viel wurde 1749 und 1750 an historischer Literatur erworben. Geschichte (einschließlich Reisebeschreibungen und Münzkunde) überwiegt auch in den übrigen Jahren eindeutig. Nur wenige juristische, literarische, theologische und naturkundliche Werke wurden gekauft. Auch unter Hugo dominiert die Erwerbung historischer Werke, einschließlich der Reisebeschreibungen und Numismatica. Die Zahl schwankt zwischen 16 im Jahre 1768 und 319 im Jahre 1759. Verhältnismäßig viel wurde 1755/56. 1759 und 1767 gekauft; etwas weniger in den übrigen Jahren. Außer historischen Werken wurde zwar kontinuierlich, aber nur wenig an theologischer, juristischer, buchkundlicher, geographischer und schöngeistiger Literatur erworben.

Bei Lessing (1770 bis Anfang 1781) ändert sich dieses Bild. Unter ihm wurden weit mehr Bücher durch Kauf erworben als unter seinen Vorgängern (am wenigsten 1775 mit 49, am meisten 1770 mit 588 und 1777 mit 544 Werken). Besonders die ersten drei Jahre seiner Amtstätigkeit und das Jahr 1777, in das die Erwerbungen aus Italien fallen, ragen hervor. Unter Lessing läßt sich eine etwas andere Anschaffungspolitik beobachten als unter seinen Vorgängern. Historische Werke stehen zurück, literarische und kunsthistorische dominieren. Daneben gibt es etwas an geographischer, philosophischer und naturkundlich-mathematischer Literatur. Unter Langer ging die Erwerbung stark zurück, wie bereits die Zahlen bei Heinemann erkennen lassen, nach denen ab 1783 keine Bücher mehr gekauft wurden. Lediglich 1781 und 1782 wurden mehrere historische, kunsthistorische und philologische Werke erworben. Bei den laufenden Erwerbungen des 18. Jhs handelt es sich nicht ausschließlich um zeitgenössische Literatur, auch Bücher aus der zweiten Hälfte des 17. Jhs wurden nicht selten erworben.