Erwerbungen 1820-1950

Die Zahl der Erwerbungen im ersten Jahrzehnt nach dem Tode Ernst Theodor Langers im Februar 1820 stellt mit insgesamt 2871 Bdn einen Tiefpunkt dar. Dieser Umstand wird erklärlich durch das jahrelange Interregnum in der Leitung der Bibliothek, in dem die kurzen Amtszeiten von Friedrich Adolf Ebert (1823-1825) und des Hofrates Eigner (1827-1830) nur Episoden darstellen, bis mit Karl Philipp Schönemann im Dezember 1830 wieder ein tatkräftiger Bibliothekar das Amt übernahm. Schönemanns Bestreben war auch sofort darauf gerichtet, den seit 1820 bestehenden geringen Jahresetat von 200 Talern erheblich zu vergrößern. 1834 konnte er eine Verdoppelung dieser Summe durchsetzen. Im ersten Jahrzehnt seiner Amtszeit (1831-1840) stieg die Zahl der Neuerwerbungen auf insgesamt 10.392 Bde an, wovon allerdings ein nicht geringer Teil (etwa 17 Prozent) von seiten des Herzogs der Bibliothek als Geschenk überwiesen wurde. Im folgenden Jahrzehnt (1841-1850) fällt mit den wirtschaftlichen Krisen der Vormärz-Zeit die Zahl der erworbenen Bände wieder auf 7322 zurück, der Anteil der Geschenke bleibt fast genau gleich.

Einen erheblichen Teil seiner Erwerbungen hat Schönemann allerdings nicht aus dem regelmäßigen Etat, sondern durch den Verkauf von Dubletten finanziert. Im Laufe seiner 23jährigen Amtszeit konnte er bis 1854 fast 2800 Taler, also sieben Jahresetats, auf diesem Wege erlösen. Der Ankauf oder die Übernahme geschlossener Sammlungen spielte dem gegenüber in seiner Amtszeit keine Rolle. Um so mehr Bedeutung erhielt dieser Weg der Vermehrung von Bibliotheksbeständen dann aber unter Schönemanns Nachfolger Ludwig Konrad Bethmann, der im November 1854 das Amt des herzoglichen Bibliothekars antrat. In seine bis 1867 reichende Dienstzeit fällt die Übernahme mehrerer größerer Sammlungen; neben den Gelehrtenbibliotheken sind zu nennen:

  • 1855: Zeitungsbestände des Braunschweigischen Staatsministeriums
  • 1862: Herzogliche Kammerbibliothek

Im Jahre 1861 konnte Bethmann eine nochmalige Verdoppelung des Bibliotheksetats von 400 auf 800 Taler erreichen. In 13 Dienstjahren vermehrte Bethmann die Herzogliche Bibliothek um 27.457 Bde. während Schönemann in den voraufgehenden 23 Jahren auf 19.970 Bände kam. In der Amtszeit Otto von Heinemanns, die im Juli 1868 begann und bis 1904 reichte, wurden bei der Erschließung der handschriftlichen wie der gedruckten Bestände und auch in ihrer Benutzung bedeutende Fortschritte gemacht: in diese Zeit fällt auch die Errichtung eines Neubaus für die Bibliothek, der heutigen Bibliotheca Augusta. Hinsichtlich der Erwerbungen, d. h. der Einzelankäufe von Neuerscheinungen, muß aber festgestellt werden, daß unter von Heinemann ein Einbruch erfolgte, durch den die Bibliothek den Anschluß an die wissenschaftliche Entwicklung für lange Zeit verlor. Das erste Jahrzehnt nach der Reichsgründung , 1871-1880, bringt einen erheblichen Rückgang der Einzelerwerbungen auf 4446 Bde gegenüber 14.203 Bdn in den Jahren von 1861 bis 1870. Die Zugangszahlen von Einzelerwerbungen aus den Amtszeiten Schönemanns und Bethmanns werden bis zum Ende des Jahrhunderts nicht mehr erreicht, obgleich der Etat 1882 auf 1500 Taler (4500 Mark) und 1888 auf 5000 Mark erhöht wurde: 1881-1890: 6900 Bde; 1891-1904: 5788 Bde.

Unter von Heinemann wurden erstmals auch Grundsätze einer Erwerbungspolitik schriftlich fixiert. Nach dem Vorbild seiner Amtsvorgänger wurden bei den Neuerwerbungen die sogenannten "Fachwissenschaften, wie Theologie, Jurisprudenz, Medizin und auch Naturwissenschaften mit wenigen Ausnahmen grundsätzlich unberücksichtigt gelassen, einmal um die übrigbleibenden Mittel nicht völlig zu zersplittern, sodann aber weil für jene Fachwissenschaften verschiedene Spezialbibliotheken im Herzogtume bestehen, die zum Teil ebenso reichlich dotiert waren wie die Wolfenbütteler Landesbibliothek. Durch diese Beschränkung war es möglich, die allgemeinen Wissenschaften, wie Literaturgeschichte, Literatur, vorzüglich aber die allgemeine und deutsche Geschichte sowie die Kunstgeschichte doch einigermaßen in angemessener Weise zu vervollständigen und zu vermehren" (Otto von Heinemann: Die Herzogliche Bibliothek zu Woifenbüttel, 1550-1893, S. 254).

Dem verminderten Zugang bei den einzeln angekauften Neuerscheinungen steht die Übernahme einer größeren Zahl von geschlossenen Sammlungen gegenüber. Daneben sind eine Reihe von Schenkungen durch Verlage zu erwähnen, die entweder laufend oder einmalig ihre gesamte Produktion überwiesen. Dieses geschah z. B. durch die Hahnsche Hofbuchhandlung in Hannover, die Buchhandlung Schwetschke (M. Bruhn) sowie durch die Verlage Westermann und Vieweg in Braunschweig und Zwißler in Wolfenbüttel. Eine eigentliche Ablieferungspflicht für Verleger und Drucker gab es im Herzogtum Braunschweig nicht, allerdings hatte Bethmann 1856 das Pflichtexemplarrecht für Verlagsneugründungen erreicht. Nach der Amtsübernahme durch Gustav Milchsack (1850-1919) im Jahre 1904 ist alsbald ein deutliches Ansteigen der Einzelankäufe festzustellen, so daß für das erste Jahrzehnt des 20. Jhs (1901-1910) ein Zugang von 16.872 Bdn zu verzeichnen ist. Diese Größenordnung konnte über den Ersten Weltkrieg hinweg bis zum Ende der Amtszeit Milchsacks durchgehalten werden (1911-1919: 13.771 Bde).

In den zwanziger Jahren wirkte sich auf die finanzielle Ausstattung der Bibliothek vor allem der Streit um das Eigentumsrecht negativ aus, der mit einem Kompromiss zwischen Herzoghaus und Land Braunschweig und der Einbringung der Bibliothek in eine wenig leistungsfähige Stiftung endete. Im ganzen ist der Bestand zwischen 1920 und 1950 um etwa 50.000 Bde vermehrt worden. Auch in dieser Zeit kam es in mehreren Fällen zum Ankauf oder zur Übernahme geschlossener Sammlungen:

  • 1921: Schenkung der Bibliothek des Pfarrers Dr. Cornelius August Wilkens (1829-1914, etwa 2500 Bde theologischer Literatur);
  • 1923: Ankauf der Privatsammlung des Herzoglichen Oberbibliothekars Gustav Milchsack mit sehr wertvollen Beständen zur deutschen Literatur;
  • 1926: Übernahme der Bibliothek des ehemaligen preußischen Staats- und Finanzministers Albert Südekum (1871-1943, etwa 1200 Titel zur Zeitgeschichte, zu Recht und Wirtschaft sowie zur Geschichte der Arbeiterbewegung);
  • 1928: Ankauf der Sammlung "Schöne Literatur des Landes Braunschweig" aus dem Besitz des Archivdirektors Paul Zimmermann (1854-1933. 2300 Titel); ferner die Bibliothek Dr. Karl von Horsten (1855-1926, 460 Titel Zeitgeschichte) und Bibliothek des Schlosses in Braunschweig (etwa 300 Titel Geschichte des 19. Jhs).