Inkunabeln

Ulrich Boner, Edelstein, Bamberg 1462.
HAB, A: 16.1 Eth. 2° (1)

Unter Inkunabeln oder Wiegendrucken versteht man Bücher und Einblattdrucke, die vor dem Jahr 1501 mit beweglichen Lettern (Metalltypen) hergestellt wurden. Der Erfinder dieser Technik war Johannes Gutenberg, dessen berühmte 42-zeilige Bibel in der Mitte der 1450er Jahre entstand. Inkunabeln stehen am Übergang von der mittelalterlichen Handschrift zum modernen gedruckten Text. Ihre äußere Form ähnelt in den ersten Jahrzehnten stark dem geschriebenen Manuskript. Die Schrift ahmt vielfach Abkürzungen und Buchstabenverbindungen (Ligaturen) der Buchhandschriften nach. Man schätzt, dass bis zum Jahr 1500 etwa 27.000 Ausgaben zum Druck kamen.

Bei dem Wolfenbüttler Inkunabelbestand von 2835 Ausgaben in 3477 Exemplaren (642 Dubletten) handelt es sich um eine mittelgroße, in ihrer Zusammensetzung jedoch einzigartige und qualitativ hochwertige Wiegendrucksammlung. Die Inkunabeln der Herzog August Bibliothek haben bis heute ihren ursprünglichen Platz innerhalb der Sammlungen behalten und sind auf die drei großen Bestandskomplexe des Altbestandes, die Augusteer-Sammlung, Helmstedter Bestand und Mittlere Aufstellung verteilt.

Eine beträchtlich Anzahl der Wiegendrucke gelangte bald nach Einführung der Reformation in Braunschweig-Wolfenbüttel (1569) aus säkularisierten Klöstern und Stiften in die Fürstliche Bibliothek des Herzogs Julius von Braunschweig-Lüneburg. Dessen Sammlung (Bibliotheca Julia) wurde unter seinem Nachfolger Heinrich Julius noch beträchtlich vermehrt, gelangte aber unter dessen Sohn, Friedrich Ulrich, an die Bibliotheca Academiae Juliae in Helmstedt (1618) und ist teils nach der Aufhebung der Universität Helmstedt (1810), teils im Laufe des 19. Jahrhunderts und 1913 , vermehrt insbesondere um Gelehrtenbibliotheken, nach Wolfenbüttel zurückgekehrt.

Maßgeblich war die Sammlungsaktivität von Herzog August dem Jüngeren (1579–1666). Für seine Bibliotheca Augusta erwarb er in jahrzehntelanger systematischer Sammeltätigkeit auch rund 2000 Inkunabeln. Ihre buch- und kulturgeschichtlich wertvollen Ausgaben bilden heute den Kern des Wolfenbüttler Wiegendruckbestandes. Reiche Ergänzungen der Augusteer-Bestände erfuhr die herzogliche Bibliothek seit dem 18. Jahrhundert v. a. durch Zugänge aus fürstlichem Besitz, die in die Mittlere Aufstellung eingeflossen sind.

Die große Mehrzahl der Drucke (75%) entstammt deutschsprachigen Regionen, mit den Hauptdruckorten Straßburg (491), Köln (434), Leipzig (372), Basel (301), Nürnberg (273) und Augsburg (131). Bei den italienischen Inkunabeln (607) liegt Venedig, als die bedeutendste europäische Druckerstadt des Jahrhunderts, mit 387 Exemplaren weit an der Spitze; es folgen Rom mit 61 und Bologna mit 51 Exemplaren. Der altniederländische Anteil der Sammlung (190; Deventer 95, Antwerpen 24, Löwen 22) entspricht etwa der geographischen Lage des Wolfenbütteler Standorts; 40 der 163 Inkunabelausgaben sind in Belgien/Holland selbst nicht mehr nachzuweisen. Die 80 Erzeugnisse französischer Pressen stammen überwiegend aus Paris (37) und Lyon (31).

Neben den Zimelien der Gutenbergzeit (wie die B 36, der unikale Druck von Boners Edelstein oder die Ablassbriefe) haben weitere kostbare Inkunabeldrucke dazu beigetragen, den Ruf der Wolfenbütteler Sammlung zu begründen. Von diesen seien hier genannt der Ulmer Aesop (um 1476; GW 351), Franscisci Columnae Hypnerotomachia Poliphili (Aldus 1499; GW 7223), die Genfer Mélusine von 1478 (franz. Pendant zu Boners Edelstein), Reynke des Vos (niederdeutsch, Lübeck 1498, Hain 13887), endlich die Schedelsche Weltchronik in fünf Ausgaben (Nürnberg 1493 bzw. Augsburg 1496-1500). Unter sachlichen Gesichtspunkten finden sich zahlreiche Erstausgaben Klassischer Texte der europäischen Literatur (editio princeps: u.a. Aristophanes: Comoediae, Venedig 1498; Euclides: Elementa geometricae, lat., Venedig 1482, Tacitus: Opera, Venedig um 1473). Nicht weniger Aufmerksamkeit verdienen bibliographische Rarissima und Unika, wie die Drucke von Hans Folz, lateinische und deutschsprachige Prognostika sowie Sammelbände, die eine größere Zahl Kleindrucke zusammenführen. Gehäuft treten theologische Drucke auf, darunter besonders häufig Predigtsammlungen. Auch die enzyklopädische Werke, Literatur der artes liberales, mechanicae und magicae sind vertreten und spiegeln in hervorragender Weise die europäische Literatur- und Geistesgeschichte des 15. Jahrhunderts.

Im Digitalisierungsprojekt Verteilte Digitale Inkunabelbibliothek (vdIb) wurden knapp 700 Exemplare des Wolfenbüttlere Bestandes insbesondere der Erscheinungsjahre ab 1484 digitalisiert und im Internet frei zugänglich gemacht. Sie sind über den OPAC oder das vdIb-Portal recherchierbar. Die Titelaufnahmen sämtlicher Wolfenbütteler Inkunabeln sind im OPAC recherchierbar. Die Rumpfdigitalisate der noch nicht digitalisierten Titel folgen darin dem Katalog von Wolfgang Borm, Incunabula Guelferbytana (IG), 1990 (OPAC).

Weblinks

Gesamtkatalog der Wiegendrucke: http://www.gesamtkatalogderwiegendrucke.de/
Incunabula Short Title Cataogue der British Library: http://www.bl.uk/catalogues/istc/index.html
Bestandsnachweise für Inkunabeln in deutschen Bibliotheken: http://www.inka.uni-tuebingen.de/