Musiksammlung

Die Musiksammlung der Herzog August Bibliothek umfasst Handschriften und Drucke, die vom 9. Jahrhundert bis in die Gegenwart reichen, wobei die Schwerpunkte im Mittelalter und der frühen Neuzeit liegen. Die Musiksammlung im engeren Sinne beinhaltet die geschlossen aufgestellten Bestände, die ausschließlich Musikalien und Musiktheorie enthalten. Das sind die Musikdrucke mit dem Bestandteil „Musica“ in der Signatur und der Handschriftenfonds „Musica-Handschriften“ (Mus.-Hdschr.), beide in ihrer heutigen Form erst um 1890 aus älteren Beständen gebildet. Daran gliedert sich noch die umfangreiche Librettosammlung an. Diese Musiksammlung enthält aber nicht alle Musikalien und musikalisch relevanten Handschriften und Bücher der Herzog August Bibliothek, die noch in großem Umfang über alle anderen Bestandsgruppen verteilt sind. Musiksammlung in einem weiteren Sinne meint all diejenigen Bestände, die von musikhistorischer Relevanz sind (Musikalien, Musiktheorie, Liturgica, Gesangbücher, Libretti, Musikhistoriographie etc.).

Literatur

  • Ulrich Konrad/Adalbert Roth/Martin Staehelin: Musikalischer Lustgarten. Kostbare Zeugnisse der Musikgeschichte, Wolfenbüttel 1985 (Ausstellungskataloge der Herzog August Bibliothek 47).

  • Hans Haase, Alte Musik, in: Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, Braunschweig 1989 (museum), S. 74-81

  • verklingend und ewig. Tausend Jahre Musikgedächtnis 800-1800, hg. v. Susanne Rode-Breymann und Sven Limbeck, Wolfenbüttel 2011 (Ausstellungskataloge der Herzog August Bibliothek 94)

  • Sven Limbeck, Monteverdi zu Braunschweig-Wolfenbüttel? Philipp Hainhofer als Agent für Musikalien von Herzog August d.J., in: Wolfenbütteler Barock-Nachrichten 41 (2014), S. 69-79

  • Sven Limbeck, Schichtung und Profil. Die Musiksammlung der Herzog August Bibliothek und ihre Provenienzen, in: Musiksammlungen in den Regionalbibliotheken Deutschlands, Österreichs und der Schweiz, hg. von Ludger Syré (ZfBB Sonderbd. 116), Frankfurt a.M. 2015, S. 375-389

Musikhandschriften

Musikhandschriften finden sich in den Handschriftengruppen Helmstadienses, Augustei, Gudiani, Blankenburgenses und Novissimi. Einzig die ausschließlich neuzeitliche Notenmanuskripte umfassende Gruppe „Musica-Handschriften“ ist fachlich geschlossen und wurde 1890 von Emil Vogel gesondert verzeichnet.

Chronologisch bildet die Sammlung das gesamte Spektrum der europäischen Musikgeschichte von der Einstimmigkeit bis zur Vorklassik ab. Sie beginnt mit neumierten Liturgika des 9. Jahrhunderts, führt über die frühe Pariser Polyphonie und die franko-flämische Polyphonie zur geistlichen und weltlichen Musik in Renaissance, Barock und Vorklassik. Herausragende mittelalterliche Stücke sind beispielsweise das Mindener Graduale (1008 Helmst.), die beiden Handschriften „W1“ und „W2“ mit dem Repertoire der frühen Polyphonie der Kathedrale Notre Dame zu Paris (628 Helmst. und 1099 Helmst.), der Wolfenbütteler Chansonnier (287 Extrav.), das Chorbuch Wilhelms IV. von Bayern (A Aug. 2°). Zu den bedeutsamen Musikhandschriften der frühen Neuzeit zählen u. a. die Lautentabulaturen Philipp Hainhofers (18.718.8 Aug. 2°), das Partiturbuch des Jakob Ludwig (34.7 Aug. 2°), die Erstfassung der Johannes-Passion von Heinrich Schütz (1.11.1 Aug. 2°) oder eine Partitur von Georg Friedrich Händels Oper „Siroe“ (110 Mus.-Hdschr.)

Verzeichnung

  • Die Musikhandschriften, die sich nicht im Fonds „Musica-Handschriften“ befinden, sind im Rahmen der sukzessiven Katalogisierung der Handschriftenbestände der Herzog August Bibliothek erschlossen [Handschriftendatenbank].

  • Emil Vogel: Die Handschriften nebst den älteren Druckwerken der Musik-Abtheilung der Herzogl. Bibliothek zu Wolfenbüttel, Wolfenbüttel 1890 (Die Handschriften der Herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel, Abt. 8).

  • Répertoire international des sources musicales = Internationales Quellenlexikon der Musik, Ser. A,2: Manuscrits musicaux après 1600 = Music manuscripts after 1600. Cataloque thèmatique = Thematic catalogue, 16., kumulierte Ausg., 2 CD-ROMs., 1 Beil., München 2008 [RISM-OPAC].

Musikdrucke

Die separate Aufstellung der Musikdrucke ist ein bibliothekarisches Konstrukt des 19. und 20. Jahrhunderts. Die drei hauptsächlichen Segmente, die den Altbestand der Herzog August Bibliothek bilden, spiegeln sich in der Musiksammlung wider: Die Bibliothek der Universität Helmstedt [Sammlungsbeschreibung Helmstedter], die Bibliothek Herzog Augusts d. J. von Braunschweig und Lüneburg [Sammlungsbeschreibung Augusteer] und die „Mittlere Aufstellung“ [Sammlungsbeschreibung Mittlere Aufstellung] der Herzoglichen Bibliothek. Besondere Schwerpunkte sind die Werke von Michael Praetorius und Heinrich Schütz, dazu etliche Unica der frühen Kammermusik des 17. Jahrhunderts, Gesangbücher mit Noten und theoretische Werke des 16. und 17. Jahrhunderts sowie zahlreiche Tabulaturen für Tasten- und Zupfinstrumente.

Verzeichnung:

  • Musik. Alte Drucke bis etwa 1750, beschrieben v. Wolfgang Schmieder unter Mitarb. v. Gisela Hartwieg, Frankfurt a. M. 1967 (Kataloge der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel 12-13).

  • OPAC [im Aufbau, direkt zur Suche]

  • Daniela Garbe: Das Musikalienrepertoire von St. Stephani zu Helmstedt. Ein Bestand an Drucken und Handschriften des 17. Jahrhunderts, Wiesbaden 1998 (Wolfenbütteler Arbeiten zur Barockforschung 33).

  • Libretti. Verzeichnis der bis 1800 erschienenen Textbücher, zusammengest. v. Eberhard Thiel unter Mitarb. v. Gisela Rohr, Frankfurt a. M. 1970 (Kataloge der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel 14).

Augusteer: Die ältesten Musikdrucke sind Teil der Sammlung Herzog Augusts des Jüngeren (Augusteer). Bei den ca. 500 Musikdrucken mit dem Signaturbestandteil „Musica“ handelt es sich um gleichermaßen musikpraktische wie musiktheoretische Literatur, deren Erwerb vornehmlich durch das Angebot auf dem Buchmarkt geleitet wurde. Auch in den anderen Abteilungen der Augusteischen Bibliothek befinden sich Musikdrucke, beispielsweise als Teil von Sammelbänden in den Gruppen Arithmetica, Ethica, Geometrica, Grammatica, Historica, Medica, Physica, Poetica, Quodlibetica, Rhetorica und Theologica.

Helmstedter: Bei den Titeln mit dem Signaturbestandteil „Musica Helmst[adiensia]“, ursprünglich Teil der Signaturengruppe N (Mathematica) der Universitätsbibliothek Helmstedt, handelt es sich größtenteils um musiktheoretische und -pädagogische Schriften des 16. bis 18. Jahrhunderts, überwiegend aus dem Besitz des in Halberstadt tätigen Organisten und Musiktheoretikers Johann Caspar Trost. Innerhalb des Helmstedter Bestandes finden sich Musikalien außerdem in den theologischen (Signaturengruppen A-K sowie S), philosophischen (O) und literarischen (P) Abteilungen.

Mittlere Aufstellung: Ein Teil der musikpraktischen Werke vornehmlich des 18. und 19. Jahrhunderts trägt die Signatur „Un“ innerhalb der Mittleren Aufstellung, darunter befinden sich auch Ausgaben des 20. Jahrhunderts. Ein anderer, die bis ca. 1760/70 erschienenen Werke umfassender Teil erhielt bei der Bildung der Musiksammlung um 1890 die Signatur „Musica div[ersa]“. Überdies enthalten die Signaturengruppen Li (neulateinische Literatur), Lo (deutsche Literatur), Th (Homiletik), Ti (Liturgik) und Tl (Gesangbücher) Musikalien.

Zu diesen drei Hauptsegmenten kommen zwei kleinere Bestände: Die Handschriften und Drucke umfassende Musikaliensammlung der Cantorey Sancti Stephani zu Helmstedt („Musica Steph[ani]“) wurde 1960 geschlossen von der Herzog August Bibliothek erworben. Sie besteht aus geistlicher Musik des 17. Jahrhunderts, die im Gottesdienst der als Universitätskirche genutzten Kirche St. Stephani erklang. Der Bestand „Musica coll[ectoris] inc[erti]“ ist ungeklärter Herkunft und beinhaltet vor allem Werke des 16. und 17. Jahrhunderts.

Die Herzog August Bibliothek besitzt außer diesen Musikdrucken im engeren Sinne eine überaus reiche Sammlung von Textbüchern des Musiktheaters, die z. T. separat (Signaturengruppe „Textb.“), z. T. über den allgemeinen Bestand verteilt aufgestellt ist. Die rund 1700 Titel (Dubletten nicht eingerechnet) sind seit 1970 in einem gedruckten Katalog erschlossen.