Wolfenbütteler Buchspiegel

Der Wolfenbütteler Buchspiegel: Gesamtansicht

Die Benutzung von Reproduktionen und Sekundärformen von Handschriften und alten Drucken als Ersatz für das Original hat spätestens mit der Einführung der Digitalisierung an Bedeutung gewonnen. Neben klassische analoge schwarz-weisse Mikroformen treten mehr und mehr auch originalgetreue digitale Farbaufnahmen, die z.B. anhand von Tintenfarben auch Aussagen über Schreiberhände oder die Papierbeschaffenheit erlauben. Mit der verbesserten Reproduktionstechnik verbindet sich die Hoffnung insbesondere die Sekundärnutzung des Originals (Überprüfen von Stellen, Vorlage zur editorischen Transkription, etc.) zu reduzieren.

Mit der Zunahme von Direktdigitalisierungen wird das alte Buch besonderen mechanischen Belastungen ausgesetzt, und es hat in der Vergangenheit nicht an Bemühungen gefehlt, buchschonende Aufnahmeverfahren zu entwickeln. Gleichwohl konnten die bisherigen, auf dem Markt erhältlichen Buchwippen entweder aus konservatorischen Gründen oder von der Handhabung her, vor allem im Bereich der Massenreproduktion, nicht überzeugen. Als besonders kritisch muss der Öffnungswinkel des Buches angesehen werden. Buchwippen, die einen Öffnungswinkel von 180° erfordern, führen bei vielen Drucken zu Beschädigungen von Heftung, Bundmaterial, Einbandrücken und Gelenken. Selbst ein Öffnungswinkel von 110° bis maximal 90° bei einseitigen Aufnahmen kann bei einigen Büchern problematisch sein.

Um diesen beiden Aspekten, sowohl der konservatorisch sachgerechten, bestandserhaltenden Reproduktion als auch einer rationellen und ergonomischen Handhabung gerecht zu werden, hat die Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel in Zusammenarbeit mit der Firma Fototechnik Kaiser einen speziellen Buchspiegel mit nur 45° Öffnungswinkel entwickelt, der eine ebenso buchschonende wie effiziente Digitalisierung alter Drucke und Handschriften erlaubt. In dieser Kooperation flossen die konservatorischen, fotografischen und bibliothekarischen Erfahrungen der HAB ebenso ein wie die von Kaiser Fototechnik, der als Hersteller anspruchsvoller fototechnischer Produkte den Hintergruind in Fragen der Entwicklung, Konstruktion und Fertigung lieferte.

Der Buchspiegel wurde speziell vor dem Hintergrund anstehender umfänglicher Digitalisierungskampagnen an der Herzog August Bibliothek entwickelt. Sein hauptsächlicher Einsatzbereich liegt im Bereich alte Drucke, weniger im Bereich Handschriften oder besonders problematischer, fragiler Stücke, die wegen der Besonderheiten von Material und Technik eine andere Herangehensweise, z.B. berührungsfreies Scannen, erfordern. Damit kommen für diesen Buchspiegel mind. 80% aller fraglichen Materialien in Betracht.

Das System arbeitet, wie der Name andeutet, mit einem die aufzunehmende Seite wiedergebenden großflächigen Spiegel, dem eine Glasseite gegenübersteht, und erlaubt einseitige Aufnahmen bis DIN A3. Der prismenförmige Buchspiegel wird von Hand in das Buch gefahren und mit Hilfe eines "Kofferkuligriffes" - die Arretierung erfolgt beim Loslassen - im Buch fixiert. Durch Ausgleichsgewichten erfordert dies kaum Anstrengung und wurde von Testpersonen, die bereits größere Mengen mit dem Buchspiegel digitalisiert haben, als ergonomisch günstig empfunden. Durch das manuelle Einführen behält der Bearbeiter die volle Kontrolle über den Prozess und kann den Druck individuell der Vorlage anpassen. Während der eigentliche Buchspiegel sich nur in vertikaler Richtung bewegen lässt , ist die Auflagefläche für das Buch seitlich leicht zu verschieben . Dadurch gleitet das Buch beim Einfahren des Spiegels mühelos in die richtige Position. Von horizontal einstellbaren Seitenwangen gehalten liegt das Buch mit dem Rücken auf Polstern. Diese gleichen die Gewichtsverlagerung des Buchblockes beim Weiterblättern aus, sodass das Buch stets in der richtigen Position zu liegen kommt.

Das Konzept des Buchspiegels ist weitgehend modular. Welche Kamera oder Scanner bzw. welche Art der Beleuchtung zum Einsatz kommt, ist weitgehend Sache des Anwenders. Die Kamera befindet sich auf einem mit Standardschrauben versehenen Stativ und nimmt das Spiegelbild (!) der Buchseite auf, das naturgemäß seitenverkehrt ist und zurückgespiegelt werden muss (dies kann auch mit analogen Filmen durch Herstellung seitenverkehrter Abzüge erreicht werden). Ein digitales Bild kann ohne Schwierigkeiten mit nahezu jeder beliebigen handelsüblichen Grafiksoftware zurückgespiegelt werden. An der Herzog August Bibliothek sind derzeit One-Shot Kleinbildkameras mit Blitzanlage im Einsatz.

Ein Referenzexemplar des Buchspiegels kann in der Herzog August Bibliothek besichtigt werden. Informationen zum Bezug erhalten Sie über die Seiten der Firma Anagramm.

Kontakt: Dr. Thomas Stäcker