Eine Stadt versinkt ... unter Bildern – Venedig in den Künstlerbüchern der Herzog August Bibliothek

Vom 11. Juni bis zum 6. September 2009 im Malerbuchsaal der Herzog August Bibliothek

Venedig versinkt in der Lagune – nicht aufgrund des steigenden Meeresspiegels, sondern, wie der venezianische Schriftsteller Tiziano Scarpa meint, unter der schieren Last der seit Jahrhunderten auf die Stadt projizierten Bilder. Die Künstlerbuchausstellung der Herzog August Bibliothek griff diese Thematik unter dem Titel: „Eine Stadt versinkt ... unter Bildern“ auf.

Sind die im Rahmen dieser Ausstellung versammelten Buchkünstler in der Lagune von Venedig angekommen? Oder sind sie in den auf der Stadt abgelagerten Sedimentschichten von Bedeutungen stecken geblieben? Reproduzieren sie nur die allzu bekannten Klischees über die Inselstadt? Oder gelingt es ihnen, eine subjektive Perspektive auf Venedig einzunehmen und in ungehörter Weise über jene Stadt zu sprechen, über die „schon alles gesagt ist und das Gegenteil auch“? Kurzum: Blicken sie durchs offene Fenster auf Venedig? Oder nehmen sie es gebrochen im Spiegel jener Texte wahr, auf deren Seiten sie die Stadt noch vor ihrer Ankunft in der Lagune bereits durchwandert haben?

Eine Annäherung an diese Fragen versuchte die Ausstellung durch die Konfrontation ausgewählter Venedig-Entwürfe aus den Malerbuchbeständen der Herzog August Bibliothek. So traf etwa das Venedig der Braunschweiger Künstler Rainer Gottlieb Mordmüller und Gerd Winner auf das Venedig der Wahlvenezianer Friedrich Danielis und Clemens-Tobias Lange. Als Referenzpunkt des Vergleichs diente dabei das seiner Heimatstadt gewidmete und aus täglichen Spaziergängen kondensierte buchgrafische Hauptwerk des 1990 verstorbenen Venezianers Giuseppe Santomaso, eines bedeutenden Vertreters des europäischen Informel, das in dieser Geschlossenheit erstmals in Deutschland zu sehen war.

Der Begriff Malerbuch (oder auch Künstlerbuch) ist die Übersetzung des französischen „Livre de peintre“. Er bezeichnet Texte mit Illustrationen von Künstlern des 20. Jahrhunderts, die oft sehr frei assoziativ mit der Vorlage umgehen. Aus der Verbindung von Text und Bild entsteht ein neues Kunstwerk. Erhart Kästner begründete die bedeutende Wolfenbütteler Sammlung 1955 als zeitgenössisches Gegenstück zu den historischen Beständen. Die Sammlung umfasst insgesamt weit über 3000 Stücke. Zu den bekanntesten europäischen und amerikanischen Künstlern, die in der Sammlung der Herzog August Bibliothek vertreten sind, gehören Arp, Beckmann, Bonnard, Braque, Chagall, Dalí, Derain, Dine, Dubuffet, Ernst, Hockney, Johns, Maillol, Miró, Matisse, Motherwell, Laurens, Léger, Picasso, Rauschenberg, Tàpies und Wols. Im Malerbuchkabinett der Bibliotheca Augusta wird ständig eine wechselnde Auswahl von Malerbüchern gezeigt.