BILDER LESEN. Deutsche Buchmalerei des 15. Jahrunderts

Die Herzog August Bibliothek besitzt rund 2800 mittelalterliche Handschriften. Der größte Teil davon stammt aus dem 15. Jahrhundert, der Zeit einer Medienexplosion, in der die Illustration von Büchern neue Dimensionen annimmt. Nie zuvor wurden so viele Handschriften geschrieben und illuminiert. Wie wurden Welt und Mensch damals ins Bild gesetzt?

Die Ausstellung präsentierte erstmals eine Auswahl besonders aussagekräftiger oder kunstvoller Handschriften aus dieser Zeit stilistischer und technischer Innovation. Sie stammen aus Schreibstuben norddeutscher Klöster und Ateliers süddeutscher Handelsstädte wie Augsburg und Nürnberg und wurden für wohlhabende Auftraggeberinnen und Auftraggeber aus Adel, Bürgertum und Geistlichkeit geschaffen. Leuchtende Miniaturen und Federzeichnungen in zarten Aquarellfarben illustrieren Abenteuergeschichten, Wissens- und Erbauungsliteratur, Bücher für das private Gebet oder den Gottesdienst in der Gemeinschaft. In den Bildern begegnet man ritterlichen Helden und listigen Kriegern, Märtyrern und Mystikern und immer wieder Gestalten und Ereignissen aus der Bibel. Text und Bild stehen stets in engstem Bezug zueinander. Mögen sich die Texte heute einem leichten Verständnis widersetzen, laden die Bilder noch immer unmittelbar zur Lektüre ein. Sie eröffnen den Zugang zur faszinierenden Lebenswelt der Menschen am Vorabend der Reformation.

Bücher für den Gottesdienst wurden oft mit Anfangsbuchstaben verziert, die biblische Szenen oder Heilige enthalten. Der bildliche Schmuck von Messbüchern bestand in der Regel aus einer ganzseitigen Darstellung der Kreuzigung Christi. Mehrere solcher Blätter waren der Ausstellung nebeneinander zu sehen, darunter ein neu erworbenes Fragment, das aus dem Kloster Marienrode bei Hildesheim stammt.

Gebet- und Andachtsbücher sowie mystische Texte bilden einen großen Teil der spätmittelalterlichen Buchproduktion. Viele Exemplare aus diesem Bereich sind mit Buchmalerei geschmückt, um den Leser auch durch Bilder zu einer vertieften Frömmigkeit zu bewegen. Besonders das Nachempfinden der Leiden Christi oder der christlichen Märtyrer war ein Ziel der Versenkung in diese Text und Bilder. Die wiederholte Meditation von zentralen Ereignissen der Heilsgeschichte diente der Annäherung der menschlichen Seele an Gott.

Auch Wissensliteratur wurde vielfach illustriert, um den Stoffdurch Bilder besser vermitteln zu können. Naturkundliche Werke und Kriegslisten sind Beispiele für diese Textsorte. Belehrende Absichten verfolgen auch moralisierende Werke, etwa Fabel- und Schachbücher. Die Illustrationen in einer Fabelsammlung fanden bereits das besondere Interesse Lessings während seiner Zeit als Bibliothekar in Wolfenbüttel. Ebenso wurden historische Werke mit Buchmalerei versehen und enthalten zum Beispiel Stammbäume zur Veranschaulichung verwandtschaftlicher Zusammenhänge.

Erzählende Literatur in Form von Romanen oder anderen epischen Texten sollte sowohl unterhalten als auch belehren. Die Illustration dieser Texte versetzt uns unmittelbar in die Welt des Rittertums und legendärer Helden. Die Darstellungen kriegerischer Ereignisse enthalten immer wieder auch detailreiche Genreszenen aus dem Alltagsleben.

 

Die Ausstellung, die vom 22. November 2015 bis zum 22. Mai 2016 präsentiert wurde, war Teil einer Ausstellungsserie, die der mitteleuropäischen Buchmalerei des 15. Jahrhunderts gewidmet war und 2015/2016 in Deutschland, Österreich und der Schweiz stattfand. Weitere Ausstellungsorte waren Karlsruhe, Leipzig, Nürnberg, Zittau, Graz, Klosterneuburg, Linz, Salzburg und Luzern. Sehen Sie hier den Flyer.

Der reich bebilderte Katalog zur Ausstellung umfasst 64 Seiten und ist für 14,80 € in der Herzog August Bibliothek erhältlich. Die Kataloge zu allen zehn Ausstellungen zusammen sind in der Herzog August Bibliothek und im Buchhandel erhältlich: 10 Ausstellungskataloge im dekrorativen Schuber. Fadengeheftete Broschur. Je 64 durchgehend farbige Seiten, insgesamt 640 Seiten. ISBN 978-3- 905924-43-5, 128,00 €.