[HAB]: GEDANKEN AM RANDE Marginalien in Bild und Text 800 - 1800

Die Ausstellung richtete den Blick auf die Bedeutung und Funktion von Marginalien in Handschriften, Drucken und Graphiken, die aus einem Jahrtausend europäischer Kulturgeschichte stammen.

[MARGINALIEN] dienen als Dokumentation für historische und gesellschaftliche Zusammenhänge, die am Seitenrand bezeugt werden, aber auch für die Entwicklung verschiedener Disziplinen und intellektueller Errungenschaften aus Kunst, Philologie, Musik, Philosophie oder Naturwissenschaft. Randnotizen reichen vom flüchtigen, unkonventionellen, persönlichen Eindruck von überlieferten Texten und Bildern bis hin zu einzigartigen Zeugnissen von Ausbildungs- und Lernprozessen. Aber auch technische und geistige Entwicklungen, historische Fakten und ihre zeitlich wahrgenommene Relevanz können in Randnotizen auftauchen. Darüber hinaus sind manchmal die Buchobjekte so konzipiert, dass die Grenzen zwischen Rand und Haupttext, zwischen Zentrum und Peripherie, bewusst verwischt und fließend gelassen werden. Der Rand füllt sich und bekommt einen ähnlichen Stellenwert wie die zentral überlieferten Bilder bzw. Texte, bisweilen wird er sogar eigenständig. Marginalien enthalten Querverweise zwischen verschiedenen Gattungen, Disziplinen und Ereignissen, zwischen Kunst und Realität, zwischen Ebene und Metaebene. Sie erweisen sich so als ein hervorragendes Instrument zur sozialhistorischen Forschung, das die üblichen systematischen Quellenanalysen ergänzt und neue Fragestellungen ermöglicht.

Auch wenn ähnliche Vorgehensweisen von Aktualisierung und Kommentierung am Rande quer durch die Jahrhunderte zu beobachten sind, ist doch das Phänomen der Marginalie keinesfalls statisch. Es unterliegt sowohl dem Wandel in der Vorstellung vom Buch als Studien- und Repräsentationsinstrument als auch den künstlerischen Entwicklungen und Moden bei der Dekoration von Textanfängen und ganzen Seiten.

[TEXTE AM RANDE] dienen oft als Hilfsmittel zu Lehr- oder Lernprozessen, zur Kommentierung und Erläuterung des Haupttextes zum Beispiel im Bereich der Theologie, Philosophie, Rechts- oder Naturwissenschaft. Seit dem Frühmittelalter werden dazu Anmerkungen am Rande oder zwischen den Zeilen gemacht, gelegentlich gibt es auch Übersetzungen von Titeln und Fachtermini. Die Arbeit am Text in Form von Marginalien kann Jahrzehnte oder Jahrhunderte nach Entstehung des Buches geschehen: Dadurch sind die Notizen am Rande Zeichen einer lebhaften Auseinandersetzung mit der überlieferten Tradition, beispielsweise im Dienste einer neuen Kirchengeschichtsschreibung, wie im Falle von Matthias Flacius Illyricus. Andererseits konnten Leser und Eigentümer eines Buches den freien Rand immer auch als Raum nutzen, um persönlichen Gedanken, Eindrücke, Lebens- oder Leseerfahrungen festzuhalten, gegebenenfalls auch um Ergänzungen und Aktualisierungen von geschichtlichen Ereignissen zu dokumentieren. Die Marginalie kann sich deshalb dem Text gegenüber als Erweiterung, Präzisierung, aber auch als Korrektur und Verneinung verhalten, wenn die Inhalte für falsch oder veraltet erklärt werden. Im Extremfall kann sich eine Aufzeichnung am Rande auch als Entschlüsselung einer Geheimbotschaft erweisen, wenn zum Beispiel ein Geheimalphabet oder die reellen, intendierten Figuren eines historischen Romans entschlüsselt werden.

[BILDER AM RANDE] bezeugen zum Teil ähnliche Phänomene und Bedürfnisse: Sie stellen Episoden, Begriffe oder Objekte, die im Text genannt werden, zur Erläuterung und zum besseren Verständnis des Textes dar. Sie können aber durch die Möglichkeiten des Mediums Bild zusätzliche Elemente hinzufügen, die der Text allein nicht ausdrücken kann. Damit können sie eigene Interpretationsakzente setzen und neue Inhalte anbieten, wie etwa im illuminierten Codex des Sachsenspiegels. Visuelle Elemente wie Tabellen und Diagramme eignen sich ferner, um naturwissenschaftliche, astronomische oder geographische Zusammenhänge verständlich zu machen, beispielsweise in Texten von Aristoteles oder Isidor von Sevilla. Darüber hinaus können Bilder am Rande auch Gliederungsfunktion haben, damit der Leser die Themen der Textabschnitte sofort erkennen kann. Ab dem 13. Jahrhundert ist eine Verselbständigung von Bildmotiven und Figuren am Rande zu beobachten, oft unabhängig von den jeweiligen Textinhalten. In Stundenbüchern oder Prachthandschriften aus dem 15. Jahrhundert werden die Texte bildlich mit trompe-l’oeuil-Darstellungen oder mit aufwendigen dekorativen und antikisierenden Elementen umrahmt. Oft wird der Rand daher Teil eines optischen Spieles zwischen verschiedenen räumlichen Repräsentationsebenen, bei dem der Buchmaler bewusst den Betrachter bzw. Auftraggeber einbezieht.

In der Ausstellung waren Handschriften und Drucke des Jahrtausends zwischen 800 und 1800 zu sehen. Dicht gefüllte Seiten mittelalterlicher Codices entführten in die Schreibstuben von Klöstern und in die Sammlungen von Königen. Randbemerkungen in Drucken mit gelehrten, frommen und unterhaltsamen Inhalten von der Reformationszeit bis zur Aufklärung veranschaulichten die intensive Auseinandersetzung der Leser mit ihrer Lektüre.

Die Ausstellung war vom 3. Mai bis 15. November 2015 in den musealen Räumen der Herzog August Bibliothek zu sehen. Den Flyer finden Sie hier.