METAMORPHOSEN Die Faszination des Wandels

Die Herzog August Bibliothek lud dazu ein, an einem Naturschauspiel teilzunehmen: der Verwandlung von Tieren, Pflanzen und Menschen. Große Veränderungen gehen in Insekten und Menschen vor. Ihr bisheriges Leben ist vorüber. In nur wenigen Minuten wird aus der Puppe ein Schmetterling, die Metamorphose zu einem neuen Wesen beginnt. Eindrucksvolle Bilder erzählen vom Sinn und Ablauf der Metamorphose in der Tierwelt. Während einige Tiere wie Raupen und Kaulquappen nach ihrer Verwandlung kaum wiederzuerkennen sind, machen andere wie Heuschrecken eher eine Verhaltensveränderung durch.

Maria Sibylla Merian (1647-1717) war eine außergewöhnliche Künstlerin und Forscherin, die Raupen, Schmetterlinge und deren Futterpflanzen sammelte, beobachtete und zeichnete. Im Mittelpunkt der Ausstellung standen vor allem die Insektenbücher Merians. Sie begann ihre künstlerische Laufbahn mit der Fertigung von Blumenbildern. Diese Bilder wurden gewöhnlich mit Insektendarstellungen ausgeschmückt. Auf dieser Basis entwickelte Merian ihre für die damalige Zeit neuartige Darstellungsweise: Sie stellte Insekten mit ihrer vollständigen Metamorphose (Raupe, Puppe, Imago) jeweils zusammen mit der Pflanze dar, die der Raupe als Nahrung diente. Insekten sind lange Zeit ein unwürdiges oder gar anrüchiges Thema gewesen. In der Antike hatte man sich wohl nur sehr flüchtig mit ihnen beschäftigt. Die Metamorphose der Schmetterlinge war Aristoteles bereits bekannt, andererseits lehrte er aber die Theorie der Urzeugung, also dass Insekten oft aus unbelebter Materie, aus faulendem Fleisch oder im Körper von Wirbeltieren entstehen. Die Urzeugungstheorie blieb lange Zeit wissenschaftliche Lehrmeinung, und wurde erst durch Franceso Redi 1668 experimentell widerlegt. In der Renaissance blühten alle Wissenschaften wieder auf, und auch die Insektenkunde erhielt durch den Zürcher Universalgelehrten Conrad Gessner (1516-1565) entscheidende Anstöße.

Im Jahr 1705 erschien Merians sogenanntes Surinam-Buch, die „Metamorphosis insectorum Surinamensium“, mit 60 großformatigen, herrlichen Kupferstichen. Merian war als Künstlerin ein ausgesprochener Augenmensch, offen für alles Schöne in der Natur. Getragen von großer Naturfrömmigkeit verstand sie es, ihre Leidenschaft für die Natur mit der Leidenschaft für die Kunst zu verbinden. Maria Sibylla Merian war die „Gegenspielerin“ einer mikroskopierenden, sezierenden, systematisierenden Wissenschaft, für die Ordnung und Genauigkeit alles waren, subjektives Schönheitsempfinden und ökologische Gesamtschau hingegen nichts. Dafür stehen stellvertretend die Namen von Gelehrten wie Marcello Malpighi, Jan Swammerdam, Antoni van Leeuwenhoek und Carl von Linné. Gerade weil sie keine Gelehrte sein wollte, keine großen Theorien aufstellte, konnte Merians Werk auch nicht durch neuere Erkenntnisse überholt werden.

Metamorphose bedeutet allgemein einen Gestaltwandel oder eine Umwandlung. Das Thema ist für die Literatur und die bildende Kunst von großer Bedeutung. Die Ausstellung in der Herzog August Bibliothek wendete sich unter anderem den Verwandlungen in Ovids Metamorphosen zu, in denen sich Menschen auf wunderbare Weise zu Pflanzen und Tieren umformen. Kaum ein Werk eines antiken Dichters hat in der europäischen Kunst und Literatur so deutliche Spuren hinterlassen wie die Dichtung des Ovid (43 v. Chr.-17/18 n. Chr.). In 15 Büchern, die die Zeit von der Weltentstehung bis zur Vergöttlichung des Julius Cäsar umfassen, wird von dem ständigen Wandel berichtet, dem alles Belebte und Unbelebte unterworfen ist, und von dem Anteil, den die Götter daran haben. Ihre Liebschaften und Intrigen bilden einen thematischen Schwerpunkt des Gedichtes. Der Einfluss, den die Metamorphosen seit dem Mittelalter bis in das Zeitalter des Barock und darüber hinaus auf die europäische Kultur ausgeübt haben, ist immens. Jahrhundertelang schöpften Literaten, bildende Künstler und Musiker den Stoff für ihre Werke aus den ovidschen Verwandlungssagen – dabei wurden ihre Motive im Kontext der jeweiligen Epoche mit immer neuen Bedeutungsschattierungen versehen.

Ein großer Teil der ausgestellten Objekte entstammt der Grafischen Sammlung der Herzog August Bibliothek, die bereits von den Herzögen Julius (1528-1589) und Heinrich Julius (1564-1613) gegründet wurde. Zunächst handelt es sich dabei um Grafikfolgen, Reihen von grafischen Blättern, die in Buchform gebunden ihren Platz in der Bibliothek fanden. Seit 2007 ist die Grafische Sammlung gemeinsam mit den Beständen des Kupferstichkabinetts des Herzog Anton Ulrich-Museums Braunschweig in großen Teilen über die Datenbank „Virtuelles Kupferstichkabinett“ online verfügbar.

»Virtuelles Kupferstichkabinett« Druckgrafik der frühen Neuzeit Das »Virtuelle Kupferstichkabinett« ist ein Kooperationsprojekt der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel (HAB) und des Herzog Anton Ulrich-Museums, Kunstmuseum des Landes Niedersachsen, Braunschweig (HAUM). Ziel des Projektes ist die virtuelle Zusammenführung repräsentativer Teile der Grafiksammlungen der beiden Institutionen. Der Schwerpunkt der Auswahl liegt auf Druckgrafik bis zum Jahre 1800, ergänzt seit 2013 um Handzeichnungen. PURL: http://diglib.hab.de/?link=046 www.virtuelles-kupferstichkabinett.de

Die Ausstellung in den musealen Räumen der Bibliotheca Augusta war vom 29. Mai bis 7. August 2016 zu sehen. Den Flyer finden Sie hier.