Frühneuzeitliche Gelehrtenbibliotheken

Johann Heinrich Linck (1674–1734) in seinen Sammlungen
(HAB: Portr. A 12556)


Teilprojekt des Forschungsprojektes „Autorenbibliotheken: Materialität – Wissensordnung – Performanz” im Forschungsverbund Marbach – Weimar – Wolfenbüttel

Die Bibliothek eines frühneuzeitlichen Gelehrten war ein Ort kreativer Tätigkeit, des alltäglichen Lesens und Schreibens, des Sammelns und Exzerpierens, der Naturbeobachtung und der philologischen Forschung. Die Texte und Briefe von Theologen und Medizinern, Philosophen und Juristen entstanden in und mit ihren Bibliotheken, hier wurde Erkenntnis erarbeitet, von hier aus wurde kommuniziert. Somit sind Gelehrtenbibliotheken und ihre Provenienzen wertvolle Quellen für die Wissens-, Ideen-, Buch- und Personengeschichte.

Da Gelehrtenbibliotheken nach dem Ableben der Besitzer meist verkauft und zerstreut wurden, sind Auktionskataloge oft die einzigen Quellen, die Auskunft über den ursprünglichen Bücherbesitz sowie die Lese- und Forschungsinteressen von Gelehrten geben. Privatbibliotheken enthielten häufig auch Naturalien, wissenschaftliche Instrumente und Kunstgegenstände, die man zusammen mit den Büchern auktionierte. Verkaufskataloge sind allerdings nur eine Momentaufnahme eines konkreten Büchernachlasses. Zu- und Abgänge dokumentieren sie in den wenigsten Fällen, die Katalogsystematik bildet folglich nicht zwangsläufig authentische Sammlungen und Wissensordnungen ab.

In der Herzog August Bibliothek ist die Sammlung von rund 450 niederländischen Auktionskatalogen aus dem 17. und 18. Jahrhundert besonders wertvoll. Die Büchernachlasse von Professoren an der Universität Helmstedt bieten ebenfalls eine reiche Quelle und ebenso verdienen fürstliche Büchersammlungen Beachtung, in die u. a. bedeutende Privat- und Gelehrtenbibliotheken eingegangen sind. Aus diesem Fundus werden aussagekräftige Kataloge inhaltlich erschlossen. Projektziel ist die detaillierte digitale Darstellung ausgewählter Gelehrtenbibliotheken und ihrer Bezüge zu Namen, Orten und Sachen. Das Erkenntnisinteresse gilt den Brüchen und Konstanten in der Wissensgeschichte, naturphilosophischen und philologischen Tatsachenkulturen.

Die Erschließung der Bibliothek des Mathematikers und Chiliasten Benedikt Bahnsen (Amsterdam 1670) ist weit vorangeschritten, mit der Auswertung des Briefverkehrs zwischen Bahnsen und Herzog August d. J. als flankierender Quelle wurde begonnen. Als weitere, in Tiefe zu erschließende Gelehrtenbibliothek wurde die Büchersammlung des Architekturtheoretikers und Radikalpietisten Leonhard Christoph Sturm (1719) ausgewählt. Für die erfassten Titel ist ein Visualisierungstool als Webpräsentation entwickelt worden, das der strukturierten Darstellung und Recherche der Sammlungen dient. Ca. 30 Auktionskataloge werden zudem als repräsentatives Teilkorpus image- und mittels OCR volltextdigitalisiert und mit strukturellen Metadaten zur Navigation versehen.

 

Projektinformation: http://www.mww-forschung.de



Finanzierung: Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des MWW-Verbundes
Laufzeit: April 2014 – August 2018
Bearbeiter: Dr. Jörn Münkner, Jaqueline Krone
Digital Humanities-Unterstützung: Timo Steyer
Tel. 05331-808-124, -268, Fax -277