Intellektuelle Netzwerke. Frühneuzeitliche Gelehrtenbibliotheken als Wissens- und Kommunikationsräume

„Abriß vnd verzeichnus deß orts VDENHEIM und deren gelegenheit“ (Ausschnitt), 1618, Köln, Kupferstich/gravierter Text,
in: Franz und Abraham Hogenberg: Geschichtsblätter, Faksimile-Ausgabe, Nördlingen 1983, Blattdatierung: 15.6.1618.

Teilprojekt im Forschungsverbund Marbach Weimar Wolfenbüttel (MWW)

An der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel geht es im Rahmen des (zweigeteilten) Teilprojektes um die Gelehrten Leonhard Christoph Sturm (1669–1719) und Johann Gottfried Lakemacher (1695–1736). Sturm war Architekturtheoretiker, aktiver Teilnehmer am theologischen Diskurs und Professor für Mathematik und Baukunst an höheren Bildungseinrichtungen, u.a. an der Ritterakademie Rudolph-Antoniana in Wolfenbüttel. Mit der Untersuchung seiner Bibliothek und heterogener, mit ihm in Zusammenhang stehender Quellen und Medien (Briefe, Maschinenzeichnungen, Buchausleihen aus der herzoglichen Bibliothek, Rechnungen, Dienstkorrespondenz, Vorlesungsprotokolle, Zitate) fragt das Projekt nach den Wechselwirkungen zwischen dem sammlungsähnlichen Materialbestand und dem schriftstellerischen wie praktischen Output Sturms. Es wird das Netzwerk des Wissens und der Gelehrsamkeit rekonstruiert, in dem Sturm agierte und das ihn mit den Zeitgenossen verband. Die Vermessung des Wissenskosmos von Leonhard Christoph Sturm erfolgt mit Methoden der Digital Humanities, wobei Impulse für die Erforschung einer Semantikbestimmung und Rekonstruktion von heterogenen Sammlungen erwartet werden.

Lakemacher kann als typischer Vertreter der Helmstedter Professorenschaft gelten, seine Bibliothek darf als repräsentativ für die Büchersammlung eines zeitgenössischen Professors und Gelehrten gelten. Die sich aus dem Verkauf der Bücher Lakemachers (ca. 2.000 bibliographische Einheiten in ca. 3.000 Bänden) ergebenden Fragen und Erkenntnisse stehen im Mittelpunkt. Denn die Dynamik der Sammlung manifestiert sich im Ableben des Besitzers, im dadurch hervortretenden Eigenleben der Bücher, d.h. ihrer erneuten Zirkulation und Wanderschaft, nämlich zu neuen Besitzern. So sollen die Bedingungen professoralen Bücherbesitzes im Umfeld der Universität Helmstedt und die Wanderwege von Büchern erforscht werden. Der überlieferte durchschossene Auktionskatalog, inkl. Verkaufsprotokoll, dient als primärer Untersuchungsgegenstand, insofern er soliden Zugang zum Verkaufsablauf und zu den Schicksalen der Bücher bietet. Die Praktik des Erwerbs und die Auflösung der Büchersammlung, mithin die Dynamik privaten Bücherbesitzes, dienen als Datenrepositorium, anhand dessen mit Hilfe digitaler Methoden normative Regeln und soziale, ökonomische und intellektuelle Faktoren aufgeschlüsselt, kollationiert und visualisiert werden.


Finanzierung: Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des MWW-Verbundes
Laufzeit: März 2019 – Februar 2024
Bearbeiter: Dr. Jörn Münkner, Katrin Schmidt
Digital Humanities-Unterstützung: Timo Steyer
Tel. 05331-808-124, Fax -277