Christine Lehleiter
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Erbsünde und Fall: Die Frage nach dem Ursprung des Bösen in der Anthropologie der AufklärungDie Beobachtung, die das vorliegende Forschungsvorhaben leitet, ist, dass sich der moralische und der anthropologische Diskurs im 18. Jahrhunderts auf interessante und nie dagewesene Weise verknüpfen: Die Frage nach dem Ursprung des Bösen wird nicht mehr an die Theologie verwiesen, sondern mit Hinblick auf die im 18. Jahrhundert sich neu entwickelnde Anthropologie – mit ihren Subfeldern Ethnographie und Medizin – zu beantworten gesucht. Interessanterweise ist aber gleichzeitig beobachtbar, dass die Hinwendung zur empirischen Anthropologie eine Rückkehr zu tradierten theologischen Erzählstrukturen und Erklärungsmustern – bewusst oder unbewusst – scheinbar befördert und nicht umgekehrt eine Abwendung einleitet. Die Verlegung des Bösen in die Körperlichkeit des Menschen, wie sie von der Anthropologie im Zuge einer zunehmend empirischen und naturwissenschaftlichen Methode propagiert wurde, gewinnt Brisanz angesichts der Tatsache, dass gerade protestantische Strömungen – mit ihrer traditionell engen Bindung an Luthers und Calvins Rezeption der augustinischen Erbsündenlehre – so entscheidend für die Entwicklung der Anthropologie in Deutschland waren. |
