Frédérique Renno

Modernisierung und Europäisierung des deutschsprachigen Liedes um 1600

Weitreichende Veränderungen sowie ästhetische Neuorientierungen zeichneten sich an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert sowohl in der Literatur als auch in der Musik ab. Tendenzen der volkssprachigen Kunstlyrik (Emanzipation von der neulateinischen Poesie) wie auch Entwicklungen des Sololieds (Ablösung von der mehrstimmigen Vokalpolyphonie) begannen bereits im 16. Jahrhundert, blieben aber im Schatten von Opitz, dessen programmatische Reformen im Buch von der deutschen Poeterey 1624 zu einem epochemachenden Ereignis stilisiert wurden. Lyrik und Lied lassen sich um 1600 kaum voneinander trennen, da Lyrik in dieser Zeit in der Regel sangbar ist und entscheidend durch das weltliche Lied beeinflusst wird.

Der maßgebliche Beitrag des Liedes zum ästhetischen Wandel und zur Modernisierung der deutschsprachigen Lyrik (thematologische Erweiterung, Regulierungstendenzen in Metrik und Formen, Satzstruktur mit Tendenz zur Homophonie, italienischer Einfluss, Tanzsätze, musiko-literarische Kooperation etc.) soll anhand eines Analysekorpus von rund 5100 Liedern in etwa 225 gedruckten Liedsammlungen zwischen 1550 und 1650 nachgezeichnet werden. Vor dem Hintergrund dieser breiten Quellenbasis sollen in der interdisziplinär angelegten Studie die Lieder aus zehn ausgewählten Anthologien des deutschsprachigen Raums sowohl musik- als auch literatur­wissenschaftlich analysiert werden, um so den Beitrag des weltlichen Liedes zur Modernisierung und Europäisierung der deutschen Literatur angemessen zu würdigen.