Gia Toussaint

Gebetsspuren. Bucharchäologie und persönliche Frömmigkeit

Das mittelalterliche Gebetbuch ist ein offenes (Kunst)werk. Ausgelöst durch den Dialog mit dem Codex und vollzogen durch den betenden Nutzer, unterliegt es nach seiner Fertigstellung einem Veränderungsprozess. Zahlreiche materiell fassbare Gebetsspuren geben Auskunft darüber, was, wie oft und in welcher Weise gebetet, angeschaut und berührt wurde. Gebetsspuren sind so individuell wie Handschrift und Besitzer. Sie berichten von subjektiven Präferenzen und Praktiken, kurz: von der subjektiven Aneignung als Ausweis persönlicher Frömmigkeit. Die Benutzerspuren sind vielfältig und additiv; sie können sich im gesamten Codex befinden (Innendeckel, Vorsatz, Leerseiten, auf beschrifteten/illuminierten Seiten: interlinear, marginal). Ihre Positionierung und ihr Zusammenwirken mit dem ursprünglichen Zustand der Handschrift können signifikante Aufschlüsse über individuelle Aneignungsprozesse und Frömmigkeitspraxis bieten.