Mai-Britt Wiechmann

Ziel meines Promotionsprojektes ist ein doppeltes: Am Beispiel Lübecks und seiner Druckproduktion soll die Wechselbeziehung zwischen der frühen Druckliteratur und ihrem soziokulturellen Umfeld nachgezeichnet und gleichzeitig danach gefragt werden, welche Rolle der Drucker in dieser Beziehung spielte. Lübeck wurde 1474 zum ersten Druckzentrum Norddeutschlands mit einem außergewöhnlich hohen Anteil mittelniederdeutscher religiöser Literatur. Ein Thema sticht dabei besonders hervor, nämlich die Passion Christi, die zu dieser Zeit auch in der städtischen Frömmigkeit besonders präsent war. In dichter Folge erschienen bis 1520 über 50 Drucke, die das Thema auf verschiedene Weise aufgriffen. Ihr Publikum bildete vor allem die laikale Stadtbevölkerung, die sich im späten Mittelalter zunehmend religiös emanzipierte, doch wirkte sie auch über die Stadt hinaus in den gesamten Hanseraum. Auffällig ist der selbstbewusste Umgang der Lübecker Drucker mit ihren Werken: Sie bestimmten nicht nur über die äußere Aufbereitung eines Textes, sondern nahmen auch wesentlichen Einfluss auf dessen Inhalt. Damit traten sie neben die Verfasser der Texte und schrieben sich selbst aktiv in den Diskurs um die städtische Frömmigkeit ein.

Das Projekt zielt auf die Schnittstelle von Materialität, Medialität und Mentalitätsgeschichte, die im gedruckten Buch zusammenkommen. Mit seinem literaturwissenschaftlich-historischen Ansatz bietet es nicht nur einen Beitrag zur niederdeutschen Literaturgeschichte, sondern auch einen ersten Zugriff auf die Wechselbeziehung zwischen Druckliteratur und ihrem Wirkungsumfeld in vorreformatorischer Zeit sowie auf die Einflussmöglichkeiten des Druckers. Das Fallbeispiel Lübeck eröffnet durch seine überregionale Strahlkraft neue Sichtweisen auf die Hanse als kulturelles und literarisches Netzwerk.