Expansive Frömmigkeit
Raumerschließung im Unterstützernetzwerk der protestantischen Indienmission (1730-1770)
Die erste dauerhafte protestantische Mission, 1706 im dänischen Handelsstützpunkt Tranquebar, heute Taragambadi, in Südindien begründet, wurde vom dänischen Königshof getragen, von der englischen Society for Promoting Christian Knowlegde (SPCK) und einem bürgerlich-adeligen, pietistisch-lutherischen Netzwerk im Alten Reich. Dieses Netzwerk wurde im Wesentlichen von den Franckeschen Stiftungen in Halle aufgebaut und koordiniert.
Ziel des Projektes ist es, die Genese und Aktivitäten des bislang nicht erforschten frommen Halleschen Netzwerkes der Unterstützenden zwischen 1730 und 1770, dem Zeitraum des Direktorats von Gotthilf August Francke (1696-1769), herauszuarbeiten. Der angesprochene Personenkreis, der zugleich die werbende Missionszeitschrift Hallesche Berichte bezog, bildete sich zunächst aus dem Reichsadel und den Funktionseliten des Alten Reiches, wie dem Militäradel, dem hohen Beamtentum und der hohen Geistlichkeit. Im Laufe der Untersuchungszeit veränderte sich der Kreis Interessierter jedoch, indem breitere gesellschaftliche Gruppen integriert wurden. Ein engeres Netzwerk von Mäzeninnen und Mäzenen stand mit dem unermüdlich arbeitenden Netzwerker Gotthilf August Francke im engen Briefkontakt und nahm nicht nur an der finanziellen wie praktischen Ausgestaltung der Mission regen Anteil, sondern gestaltete diese auch aktiv.
Die Arbeit des Netzwerkes berührt zentrale Aspekte gesellschaftlicher Transformation im 18. Jahrhundert und es zeigt, wie sich gesellschaftlicher Wandel unter Beteiligung der alten Eliten vollzieht. Der Einfluss des Missionsnetzwerkes soll mit Hilfe der Kategorie Raum als eine vierfache Raumerschließung untersucht werden: 1. der eschatologische Raum mit seiner pietistisch-chiliastischen Grundierung des "Reiches Gottes" als Motor missionarischer Expansion; 2. der vergesellschaftende Raum mit einer dreifachen, das heißt ständisch, innerprotestantisch sowie reformorientiert grenzüberschreitenden Stoßrichtung; 3. der Raum des sozialen und pädagogischen Handelns mit Spendenaufkommen und Projekten in Indien wie im Alten Reich; 4. der mediale Raum mit Missionswerbung, Information und dem "berichteten" indischen Raum.
Kontakt: Prof. Dr. Ulrike Gleixner
Tel. 05331/808-246, Fax: -277
