Neukatalogisiert durch Dr. Patrizia Carmassi.

Vorläufige Beschreibung

Halberstadt, Domschatz, Inv.-Nr. 470 (olim M 48)

Evangelium Marci cum glossis

Pergament — 108 Bl. — 23,4 × 15 cm — Frankreich (Paris) — 12. Jh. Mitte

Lagen: II (4). IV-1 (11). 12 IV (106). II-1 (108). Das erste Bifolium diente als Schutzblatt und war ursprünglich leer. Das erste Blatt davon (heute als Blatt 1 foliiert) dient als VS. Letztes Blatt der letzten Lage dient als HS. Lagenbezeichnungen mit römischen Zahlen, sichtbar fol. 11v (I) und fol. 35v (IIII). HS als Blatt 109 foliiert. Moderne Foliierung. Blatt 92 doppelt foliiert (im Folgenden als 92 und 92 bis bezeichnet). Schriftraum: 14-16 × 11,5 cm Drei Spalten. Gelegentlich bei einigen Glossen vier Spalten (z. B. fol. 52r, 56r, 99v). In der Regel 13 Zeilen (Haupttext). Carolino-Gothica. Marginal- und Interlinearglossen von einer zweiten Hand, aber vom selben Skriptorium. Eine zweite zeitgenössische Hand hat zusätzliche Glossen mit hellerer Tinte hinzugefügt. Vermutlich in Hildesheim oder Halberstadt durchgeführte Ergänzungen. Kleinere Buchstaben (Minuskel) in alphabetischer Ordnung (fol. 6r-9v) scheinen die Reihenfolge der Glossen bezeichnet zu haben. Verschiedene Verweiszeichen für die Fortsetzung der Glossen. Nota-Zeichen am Rande (11r, 18r). Einige spätere Ergänzungen von ausgelassenen einzelnen Glossen, z. B. 24r, 49v, 53r, 55r, etc. Auszeichnungsschrift: verzierte Unziale (fol. 8r), die Farben Rot, Blau und Ocker alternierend. 8r: 12,5 cm hohe Schmuckinitiale: I(nitium). Der Grund weist eine Aufteilung in drei rechteckige Felder mit weißem Dreipunktmuster auf. Der Buchstabenkörper ist von zwei goldenen Parallelleisten gebildet, an deren Enden jeweils ein Drachenkopf mit einer goldenen Kugel im Mund steht. Zwischen den beiden vertikalen Zierleisten befinden sich an den Ecken Geflechtknoten in blauer Füllung mit weißen Punkten (Perlstab). Am Buchstabenstamm Rankenbesatzornamentik mit Blättern und Blumen, deren Blätter in der Mitte mit braunen ornamentalen Bändern umgeben sind. Federzeichnung in schwarzer oder brauner Tinte. Farben: Blau, Grün, Ocker, Weiß, Gold. Höchstwahrscheinlich schmückte eine Zierinitiale auch den Beginn des Prologs, heute verloren. Rubrizierung wurde nicht ausgeführt.

Hochmittelalterlicher Originaleinband. Holzdeckel mit braunem Rindleder bezogen, zum Teil beschädigt (Risse, Löcher, abgetragene obere Lederschicht). Verschiedene Einzelstempel, auf dem VD als Teil einer architektonischen Struktur mit Bogen, Dach und Türmen zusammengesetzt. Motive: Mensch, Reiter, Ausrichtung links (EBDB s031333), Mensch, Reiter, Ausrichtung rechts (EBDB s031334), Mensch, Reiter, unter Zinnen (EBDB s031335), Mensch, Reiter, aus Tor ausreitend (EBDB s031336), Bär (EBDB s031337), Rosette, achtblättrig (EBDB s031338), Pfau (EBDB s031339), Flechtwerk (EBDB s031340), Architektur, Kirche (EBDB s031341), Hahn (EBDB s031342), Mensch, Halbfigur, Zwei Krieger (EBDB s031343), Mensch, Halbfigur, Krieger unter einem Bogen (EBDB s03144), Zwei Drachen (EBDB s031345), Fabelwesen (EBDB s031346), Heilige, David (EBDB s031347), Architektur, Turm (EBDB s03148, s03149), Stäbchen, einfach (EBDB s031350), Stäbchen, gebogen. Werkstatt: "Prinz Heinrich-Binder, erste Gruppe" (EBDB w004054), Paris. Spuren von zwei Lederschließen, ursprunglich farbigem Stoff ummantelt. Zwei Löcher auf VD weisen auf die verlorenen Nadeln fürdie Schließen. Zwei alte Signaturschilder auf dem Rücken: … sancti Marci evangelium cum notis. M 48. Spuren einer Kettebefästigung auf dem HD, auch durch Löcher und Risse im HS erkennbar. Ein Faden in zwei Farben als Lesezeichen (original), nun vom Buchblock abgelöst. Zum Einband vgl. Hobson, Geoffrey Dudley, English Bindings before 1500 (Cambridge 1929); Haseloff, Arthur, Der Einband der Hs. des Marcusevangeliums des Harderardus, in Miscellanea Francesco Ehrle. Scritti di storia e paleografia pubblicati in occasione dell'ottantesimo natalizio di Francesco Ehrle = Studi e testi 41 (Città del Vaticano 1924, ND 1973), S. 507-528; Schmidt-Künsemüller, Die abendländischen romanischen Blindstempeleinbände 13, S. 60.

Herkunft: Frankreich (Paris), höchstwahrscheinlich Sankt Viktor. Vgl. Roehrig Kaufmann, Virginia, The Halberstadt glossed Mark, Parisian book painting of the 1130's to the 1150's and the Augustinian Abbey of St. Victor, in Ullmann, Ernst, (Hg.), Halberstadt - Studien zu Dom und Liebfrauenkirche = Abhandlungen der sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig. Philologisch-historische Klasse 74,2 (Berlin 1997), S. 144-186, mit Abbildungen, S. 185; Stammberger, Ralf W., Die Halberstädter Glosse zum Matthäus-Evangelium und zum Buch Josua. Zur Wiederentdeckung der Handschrift Halberstadt, Domgymnasium 47 aus der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts, in Recherches de Théologie et Philosophie médiévales 68 (2001), S. 29. — Der Codex gehörte zu der Bibliothek der Stiftskirche Unserer Lieben Frau zu Halberstadt, als Geschenk von Harderadus, canonicus in der Bischofskirche S. Maria zu Hildesheim (vgl. fol. 4v). Er ist in der Zeit 1151-1179 urkundlich in Hildesheim belegt, zuerst als diaconus (bis 1173), dann als presbiter. Vgl. Urkundenbuch des Hochstifts Hildesheim und seiner Bischöfe, ed. Karl Janicke = Publicationen aus den k. Preußischen Staatsarchiven 1 (Leipzig 1896), 275 (1151), 280 (1152), 296 (1155), 332 (1162), 334 (1163), 337 (1166), 343 (1167), 365 (1173), 370 (1175), 389 (1179), 393 (1179). Der Titel magister ist mit einem Studienaufenthalt in Paris, in Verbindung zu setzen. Weitere Handschriften gehörten zu dieser Schenkung. Dieselbe Hand schrieb einen ähnlichen Besitzvermerk im Buch Josua mit Glossen (heute Hildesheim, Dommuseum, L 1998-14, Leihgabe der Ernst von Siemens-Stiftung): Liber Iosue sanctę Marię in Halvarstat quem contulit magister Harderadus canonicus Hildesemensis. In die sancti Gregorii obiit. Zu dieser Handschrift, ursprünglich mit einem glossierten Mt-Evangelium gebunden, vgl. Schmidt (1878), 47, S. 23; Knapp, Ulrich (Hg.), Buch und Bild im Mittelalter. Katalog der Ausstellung der Manuskripte des Domschatzes zu Hildesheim im Dom-Museum, Hildesheim 1999 (Hildesheim 1999), Kat.-Nr. 2, S. 38-39; Wolter-von dem Knesebeck, Harald, Glossierter Josua des Harderadus, in Brandt, Abglanz des Himmels, S. 130; Stammberger, Ralf W., Die Halberstädter Glosse zum Matthäus-Evangelium und zum Buch Josua. Zur Wiederentdeckung der Handschrift Halberstadt, Domgymnasium 47 aus der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts, in Recherches de Théologie et Philosophie médiévales 68 (2001), S. 18-33; Carmassi, ** Ein Liber Iudicum cum glossis (olim M 39), gebunden mit einem Buch Iob, trug eine ähnliche Schenkungsnotiz: vgl. Schmidt (1878), 39, S. 21. Heute ist die Handschrift in St. Petersburg: Mittelalterliche deutsche Handschriften in St. Petersburg, S. 193 (Signatur: St. Petersburg, Russische Nationalbibliothek, F. 955 op. 2 Nr. 17). Auf fol. 109r (= HS) Inventarvermerk: Dieser Codex enthält 109 Blatt Sept. 1962 G. Eckardt.

Schmidt (1878), 48, S. 23. — Manuscripta ... Lieben Frauen Stifts-Bibliothek, 51, S. 117. — Krämer, Handschriftenerbe, S. 312. — Roehrig Kaufmann, Virginia, The Halberstadt glossed Mark, Parisian book painting of the 1130's to the 1150's and the Augustinian Abbey of St. Victor, in Ullmann, Ernst, (Hg.), Halberstadt - Studien zu Dom und Liebfrauenkirche = Abhandlungen der sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig. Philologisch-historische Klasse 74,2 (Berlin 1997), S. 144-186, mit Abbildungen. — Wolter-von dem Knesebeck, Harald, "Die Weisheit hat sich ein Haus gebaut": Bilder, Buchkunst und Buchkultur in Hildesheim während des 12. Jahrhunderts, in Brandt, Abglanz des Himmels, S. 103-104. — Tischler, Matthias, Dal Bec a San Vittore: l'aspetto delle bibbie 'neomonastiche' e 'vittorine', in Cherubini, Paolo (ed.), Forme e modelli della tradizione manoscritta della Bibbia = Littera antiqua 13 (Città del Vaticano 2005), S. 393. — Carmassi, Patrizia - Corbach, Almuth, Kat.-Nr. 51. Markusevangeliummit Glossen, in Der heilige Schatz, S. 182-183, mit zwei Abb. — Tischler, Matthias, Dekonstruktion eines Mythos. Saint-Victor und die ältesten Sammlungen glossierter Bibelhandschriften im 12. und frühen 13. Jahrhundert, in Berndt, Rainer (Hg.), Bibel und Exegese in der Abtei Saint-Victor zu Paris. Form und Funktion eines Grundtextes im europäischen Rahmen = Corpus Victorinum. Instrumenta 3 (Münster 2009), S. 35-68, S. 46-47, 59. — Carmassi, Patrizia, Kat.-Nr. 56. Markus-Evangelium mit Glossen, in Schätze im Himmel, S. 395-398. — Corbach, Almuth, Der Einband, in Schätze im Himmel, S. 398-400. — Tischler, Matthias, **in Schätze im Himmel, S. ** — Carmassi, Die Orte der Bücher, S. **.

Auf VS (fol. 1), und fol. 2r-v einzelne Glossen zum Evangelium (12. Jh.), wahrscheinlich in Hildesheim oder Halberstadt nachgetragen. 1: Quinque milia quae pasta erant quinque panibus significant eos qui adhuc habitu saeculari positi sunt … ; 2r: Ex testimoniis quattuor evangeliorum et epistola Augustini (!) [recte: Hieronymi] contra Helvidium. Sancta Maria mater domini et Maria mater Iacobi ... (der Name Maria ist durch Majuskelschrift hervorgehoben); Ut autem sciatis quia (Mc 2,10) … ; Si dicatur Christus pronunciasse haec verba ita legetur vos dubitatis me posse dimittere peccata … ; Quasi evangelista dixerit Ipsi dubitant eum posse dimittere peccata … ; 2v: Preceperat deus iudeis in lege patrem et matrem honorare … ; O iuvenes vovere quantumcumque sitis pauperes … ; Hic due vite proponuntur activa et contemplativa … .

3r-4r leer.

4v Besitzvermerk (Ende des 12. Jhs.): Marcus sanctę Marię in Halvarstat quem contulit magister Harderadus canonicus Hild(esemensis).

5r-7v Prolog. Wegen eines fehlenden Blattes beginnt er abrupt mit den Worten: Italia scripsit ostendens in eo quid et … . autem incrementum prestat deus est. Stegmüller RB, 607.

8r-106r Evangelium Marci cum glossis. Weitgehend übereinstimmend mit der Glossa ordinaria. Vgl. Biblia sacra cum glossa ordinaria ... Tomus Quintus (Antverpiae 1634), Sp. 481-662; PL 114, Sp. 179-244. Stegmüller** Genannte Autoren: Ieronimus, Beda (meistens abgekürzt: Ier, B). Gelegentlich Vermerk all[egorice]. Verschiedene korrespondierende Zeichen weisen auf die Fortsetzung einer Glosse in einer anderen Spalte hin.

106v-108v leer.


Abgekürzt zitierte Literatur

Brandt, Abglanz des HimmelsAbglanz des Himmels. Romanik in Hildesheim (Katalog zur Ausstellung des Dom-Museums Hildesheim). Hrsg. von Brandt, Michael. Regensburg, 2001.
Der heilige SchatzHarald Meller - Mundt, Ingo - Schmuhl, Boje E. Hans (Hg.), Der Heilige Schatz im Dom zu Halberstadt (Regensburg 2008).
EBDBEinbanddatenbank http://www.hist-einband.de/.
Krämer, HandschriftenerbeKrämer, Sigrid, Handschriftenerbe des deutschen Mittelalters, 1–3 = Mittelalterliche Bibliothekskataloge Deutschlands und der Schweiz, Ergänzungsband 1 (München 1989–1990).
Manuscripta ... Lieben Frauen Stifts-BibliothekManuscripta, welche in der Lieben Frauen Stifts-Bibliothek zu Halberstadt befindlich sind, in Neue Mitteilungen aus dem Gebiet historisch-antiquarischer Forschungen 12 (Halle 1868), S. 107-125.
PLMigne, Jacques Paul, Patrologiae cursus completus. Series Latina (Paris 1878–1890).
Schätze im HimmelMüller, Monika E. (Hg.), Schätze im Himmel. Bücher auf Erde. Mittelalterliche Handschriften aus Hildesheim = Ausstellungskataloge der Herzog August Bibliothek 93 (Wolfenbüttel 2010).
Schmidt (1878)Schmidt, Gustav, Königliches Dom-Gymnasium zu Halberstadt. Oster-Programm 1878 (Halberstadt 1878).
Schmidt-Künsemüller, Die abendländischen romanischen BlindstempeleinbändeSchmidt-Künsemüller, Friedrich Adolf: Die abendländischen romanischen Blindstempeleinbände = Denkmäler der Buchkunst 6. Stuttgart, 1985.
Stegmüller RBStegmüller, Friedrich, Repertorium biblicum medii aevi, 1–11 (Madrid 1950–1980).

Personen-, Orts- und Sachregister