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CALL FOR PAPERS

 

13. Jahrestreffen des Wolfenbütteler Arbeitskreises für Barockforschung

Die Erschließung des Raumes:
Konstruktion, Imagination und Darstellung von Räumen
und Grenzen im Barockzeitalter

Kongress in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel vom 26.-29. August 2009

Vorbereitung und Leitung des Kongresses: Karin Friedrich (Aberdeen)
in Verbindung mit Patrice Veit (Paris) und Gauvin Bailey (Aberdeen)

Auf die Herausforderung der modernen Globalisierung, durch die eine Definition und Verortung von Räumen und Grenzen immer schwerer fassbar wird, reagieren in jüngster Zeit die Sozial-, Geschichts- und Kulturwissenschaften intensiv mit einer interdisziplinären Erörterung von Raum- und Grenzkonzepten. Parallel zur globalen Entgrenzung ermöglicht die zeitgenössische, mediale Erschließung von Räumen auch ein Eindringen in stark eingegrenzte und private Räume (etwa durch Webcam Technologie und YouTube). Diese Entwicklungen geben Anstoß, das Thema Raum in der Zeit des Barock neu zu befragen, in einer Epoche, in der der von der Antike überlieferte Raumbegriff in der Debatte zwischen Newtons absolutem und Leibniz' relationalem Raumverständnis grundsätzlich in Frage gestellt wurde. Der Konflikt zwischen unveränderbarem Raum als 'leerem Körper' einerseits, und der Fragmentierung von Räumen durch die Kontingenz der Beobachtung und Perspektive andererseits war geprägt von einer Zeit des religiösen und politischen Umbruchs, in der den Menschen die Entdeckung der Neuen Welt und das Wissen um einen neuen, globalen Raum bewusster wurde.
Im Kontext der Diskussion über konstruierte und relationale Raumbegriffe, wobei Räume und Grenzen als vom Menschen ständig neu geschaffene und mit Funktionen besetzte Kategorien definiert werden, ist die dem Barock eigene Spannung zwischen profanen und sakralen Räumen als Analysemuster beson-ders ergiebig. Scheinbar strikt voneinander abgegrenzt, waren die Grenzen zwischen beiden in der Praxis durchlässig, so daß der geheiligte Raum mitten aus dem Profanen heraus erfahren werden konnte, aber auch weltliche Räume oft durch Sakralisierung neue Dimensionen annahmen. Welche Gewichtung erfuhren Sakrales und Profanes in der konfessionellen Neudefinierung von Räumen nach der Reformation? Es soll nach den Folgen der Funktionskonkurrenz, aber auch der Symbiose von profanen und sakralen Elementen gefragt werden. Waren solche Funktionen tatsächlich, wie Martina Löw betont, permanent in den Raum 'eingelagert'? Welche Mechanismen und Strategien unterlagen der Sakralisierung oder Profanisierung von Räumen, und wie wurden solch osmotische Vorgänge im Raum visualisiert?
Das Scheitern der Universalmonarchie und der religiösen Einheit des Abendlandes resultierte in einer neuen Vielfalt von Raumvorstellungen, die oft von experimenteller und temporärer Natur waren. Wie wurde die barocke Welt in fiktiven und imaginären Räumen abgebildet, und welche Rolle spielte die religiö-se, wissenschaftliche und ästhetische Fragmentierung der Barockepoche für neue Entdeckungen wie die bemaßte technische Zeichnung, Entwicklungen in der Optik, oder neue Formen in der Architektur und Gartenkunst? Wie schlug sich diese Vielfalt in der Malerei, in Kunst- und Kuriositätenkabinetten, Laboratorien, Plänen und Skizzen für Opernkulissen und Residenzen sowie in Musikräumen und, musikalisch und architektonisch, in Klangräumen nieder? Experimente mit illusionistischen Räumen, dem Spiegelkabinett oder der camera obscura trugen dazu bei, den Raum der Wirklichkeit zu manipulieren. Welche Berührungspunkte gab es zwischen der Umsetzung innerer Frömmigkeit und Meditation in barocke Inszenierung und Komposition, und der Aufhebung realer visueller Grenzen durch optische Täuschung und Verzerrung? In welchen neuen literarischen Gattungen, etwa dem Roman, fanden sie ihren Niederschlag?
Das theatralische Element imaginärer und experimenteller Räume spiegelt sich auch in der gelehrten Welt des Barock wider. Die Fragmentierung einer humanistischen 'république des lettres' durch religiöse und konstitutionelle Kontroversen geschah in Bibliotheken, Lehrsälen und Akademien, wo das gelehrte Wissen immer wieder versuchte, über die Grenzen solcher Kommunikationsräume hinauszudringen. Welche Schranken wurden der intellektuellen Debatte durch gelehrte Räume gesetzt, und wie wurden diese durch Gelehrtennetzwerke, Emigration und Erschließung neuer Wirkungsräume überwunden?
Alle diese Themen deuten auf den Schwellencharakter der Barockepoche hin. Die Spannung zwischen Vertrautem und Experimentellem, Verweltlichung und Sakralisierung, Imagination und Wirklichkeit fand ihren Höhepunkt im interkulturellen Austausch zwischen der alten und der neuen Welt, in der Überset-zung von Raumvorstellungen über global verortete Grenzen hinweg. Der liminale Charakter der Grenze, des Stehens 'zwischen Kulturen' beeinflusste die Produktion hybrider Konstruktionen des Raums, eines 'Zwischen-Raums' mit völlig neuen Attributen. Dem Moment des kulturellen Übersetzens in einen anderen Raum, der Übertragung in ein anderes Medium oder Milieu gilt die Aufmerksamkeit. Brüche, Fehlübersetzungen, Fremdheit und Alterität sowie Macht- und Universalisierungsansprüche spielen in diesem Transformationsprozess des Übersetzens eine eminent wichtige Rolle. Dieser von der Raum- und Barockforschung besonders vernachlässigte Aspekt barocker Raumexpansion und Raumkomposition verbindet die folgenden vier geplanten Sektionen des Kongresses:

I. Sakrale und profane Räume
II. Imaginierte, inszenierte und experimentelle Räume
III. Vernetzte und fragmentierte Räume der Gelehrsamkeit
IV. Übersetzte und liminale Räume

Es sind insbesondere Beiträge erwünscht, die neue Quellen erschließen und neue Deutungen des Barockraumes und seiner Grenzen ins Bewußtsein bringen. Die Mitwirkung vielfältiger Disziplinen soll neue Anknüpfungspunkte zwischen internationalen Fachleuten zum Barock entstehen lassen.

Für alle Sektionen sowie zu übergreifenden Thematiken werden Anmeldungen für Referate (bis zu 20 Minuten) erbeten. Entsprechende Schreiben (samt Exposés von max. einer Seite mit Angabe des voraussichtl. Abfahrtortes) sind möglichst per E-Mail bis zum 30. Mai 2008 zu richten an

bepler@hab.de

oder:

Geschäftsstelle des Wolfenbütteler Arbeitskreises für Barockforschung,
Dr. Jill Bepler, Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, Postfach 1364,
D-38299 Wolfenbüttel.


Das Anmeldeformular finden Sie hier.

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Zuletzt geändert am 25. März 2008
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