Repräsentation als Problem der Literatur seit Beginn
der Frühen Neuzeit
Projektbeschreibung (Langfassung)
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Mit Francesco Robortellos erstem gedruckten Kommentar zur Aristotelischen Poetik von 1548 wird eine Erwartung an die Literatur verbindlich, die den Wahrheitsanspruch der Literatur neu legitimiert, sie aber in der Nachfolge zunehmend vor Probleme stellt: Literatur soll repräsentieren (bildlich darstellen, veranschaulichen, nachahmen), und zwar sowohl menschliche Handlungen als auch Bewegungen als auch Beseeltes wie Unbeseeltes. Zum Problem wird diese Erwartung einer Vergegenwärtigung und Versinnbildlichung im Medium der Literatur aus zwei Gründen: Indem sie davon ausgeht, dass nur das in der Vorstellung Gegebene Gegenstand der Repräsentation sei, entfallen Fiktion und Imagination, und was sich nicht in der Vorstellung findet, lässt sich auch nicht darstellen. Die Literatur selbst hat sich an diese Erwartung nicht gehalten, sich dafür aber den bereits von Platon formulierten Vorwurf neuerlich eingehandelt, sie lüge zu viel - ein Vorwurf, der in der sogenannten gegenwärtigen Krise der Repräsentation neue Aktualität erhalten hat. Mit dem Begriff crise de la représentation wird ein Phänomen benannt, das in der seit den 1960ern einsetzenden Gegenwartsdiskussion eine zentrale Rolle spielt. Wie so oft bei derartigen diagnostizierten bewusstseinsphilosophischen Phänomenen wird, um sie zu erklären, danach gefragt, wann diese Krise begann und was sie verursacht hat. So wurde festgestellt, dass sie nicht erst in der Moderne, sondern bereits im ausgehenden 18. Jahrhundert einsetzte, und als Ursache wird sprachphilosophische Skepsis genannt. Im Rahmen des Arbeitsschwerpunktes "Was ist Literatur? Historische und systematische Perspektiven" geht es um den Nachweis, dass der Zweifel, es bestehe eine Korrespondenz zwischen Repräsentant / Zeichen und Repräsentiertem / Bezeichnetem, zwischen Aussage und äußerem Gegenstand, bereits in der Frühen Neuzeit, befördert durch den seinerzeit lebhaft rezipierten Phyrronismus, virulent ist und die Literatur diesen Zweifel in ihren poetologischen Selbstaussagen thematisiert. Dabei zeigt sich, daß schon die Literatur der Frühen Neuzeit durch die der Sprache eigenen rhetorischen Mittel die Konstruiertheit ihres Weltentwurfs markiert. Wahrheit' literarischer Darstellung kann unter dieser Voraussetzung nur heißen, ihre Sprachlichkeit ernst zu nehmen, und das wiederum heißt: Literatur zu verstehen als einen fortwährenden Akt des Benennens von etwas, das selbst weder eindeutig noch objektiv noch inhaltlich fest und bestimmt ist. Unter dieser Voraussetzung erzeugt Literatur mit Hilfe von Sprache (utopische) Möglichkeitswelten, spielt experimentell verschiedene Versuche der Sinnstiftung durch - ein Prozeß, der weder abschließbar ist noch je den Bereich des Kontingenten überschreitet. Dass in der Literatur der Frühen Neuzeit Gott, göttliche Gerechtigkeit und Gnade, Unsterblichkeit der Seele und ewige Seligkeit noch als feste Größen gesetzt sind, steht dazu nicht im Widerspruch. Die Literatur gibt keine Antwort auf die Fragen, ob es Gott oder die Unsterblichkeit der Seele, ja eine eigenständige seelische Kraft des Menschen überhaupt gibt. Stattdessen stellt sie dar, wie und ob überhaupt sie als Punkte nicht kontingenter Orientierung in der Erfahrung vorkommen und für die Lebenspraxis relevant sind. Literatur der Frühen Neuzeit in ihrer Sprachlichkeit unternimmt den Versuch der Sinnstiftung unter der hypothetischen Voraussetzung, daß die Kontingenz nicht absolut ist. Das Thema "Repräsentation
als Problem der Literatur seit der Frühen Neuzeit"
ist Forschungsgegenstand des Arbeitsschwerpunktes
"Was ist Literatur? Historische und systematische
Perspektiven" in den Jahren 2006 und 2007. (1) Vgl. den Sammelband Claudia Benthien, Hans Rudolf
Velten (Hg.): Germanistik als Kulturwissenschaft.
Eine Einführung in neue Theoriekonzepte, Reinbek
bei Hamburg 2002, bes. S. 69 ff. Bearbeiterin: PD Dr. Ulrike Zeuch |



