Genealogische Wälder.
Wissensordnungen und Darstellungsformen in Universalgenealogien
aus dem Alten Reich des 17. Jahrhunderts
Projektbeschreibung
Die
politische, soziale und kulturelle Ordnung im frühneuzeitlichen
Europa wurde ganz wesentlich von den einzelnen Fürstenhäusern
und ihrer dynastischen Verflechtung bestimmt. Die zeitgenössische
Genealogie bildete diese Struktur ab und avancierte damit
zu einer für die Herrschafts- und Funktionseliten unerlässlichen
Leitwissenschaft, die eine unübersehbare Menge von
Bildern und Texten hervorbrachte, in denen die Abstammungs-
und Verwandtschaftsverhältnisse des europäischen
(Hoch-)Adels thematisiert wurden. Das Projekt untersucht
einen Teilbereich dieser von der bisherigen Forschung weitgehend
vernachlässigten Literatur, nämlich die im ausgehenden
16. Jahrhundert entstehende und im 17. Jahrhundert anwachsende
Gattung der universalen Handbücher, welche die genealogischen
Daten der meisten oder wichtigsten Fürstenhäuser
in gedruckter Form verzeichneten. Für das Alte Reich,
auf das sich das Vorhaben beschränkt, ergibt sich ein
Corpus von bis zu 70 oft mehrbändigen Kompendien.
Doch entspringt diese Auswahl nicht nur pragmatischen, sondern
auch methodischen Erwägungen. Denn während die
partikularen Genealogien einzelner Dynastien von Informationsknappheit
geprägt waren und die sich ergebenden Lücken mit
fiktiven, mythischen Ahnen füllten, bestand das gegenteilige
Problem der Universalgenealogien im Informationsüberfluss.
Deshalb stellten sich die Fragen der Selektion, Systematik,
Darstellung und Vermittlung genealogischen Wissens hier
in besonderer Schärfe. Erschwerend kommt hinzu, dass
die Organisation des Materials in diesen typographischen
Datenspeichern nicht allein nach dem Gesichtspunkt der Benutzerfreundlichkeit
vorgenommen werden konnte, da der Gliederung stets auch
politische Implikationen eingeschrieben waren, etwa Rangzumessungen
an einzelne fürstliche Häuser. Wissens- und Herrschaftsordnung
waren also eng miteinander verschränkt.
Das Forschungsvorhaben konzentriert sich auf die formalen,
paratextuellen und inhaltlichen Merkmale sowie die Funktionsgeschichte
der einschlägigen Druckschriften. Es geht dabei von
der These aus, dass das Genre im Laufe des 17. Jahrhunderts
eine Entwicklung erfuhr, die eng mit der allgemeinen Geschichte
verknüpft war und schlagwortartig als Weg vom repräsentativen
Folianten zum handlichen Nachschlagewerk, von der fürstlichen
Gedächtnispflege zur aktuellen Information und von
der Genealogie zur integralen Staatenkunde umrissen werden
kann.



