Kleine Geschichte der Bibliothek
Als achtes Weltwunder wurde die Herzog
August Bibliothek schon vor gut 300 Jahren gefeiert. Sie
war zur Zeit des Todes von Herzog August 1666 eine der berühmtesten
fürstlichen Büchersammlungen und, was die Zahl
der Drucke anlangt, wohl die größte Bibliothek
der Welt, die Sammlung mittelalterlicher Handschriften gehörte
zu den bedeutendsten in Europa.
In dem kleinen Fürstentum zwischen Harz und Heide hatte
Herzog Julius von Braunschweig-Lüneburg (1528-1589)
in seiner Residenz Wolfenbüttel 1572 für seine
Bibliothek eine "Liberey-Ordnung" erlassen, gleichsam
die Gründungsurkunde der Wolfenbütteler Bibliothek.
Seit seiner Jugend, das älteste nachweisbare Buch seiner
Sammlung geht auf das Jahr 1550 zurück, hatte der gelehrte
Fürst Bücher gesammelt. Von seinem Sohn Heinrich
Julius, der das erste stehende Theater in Deutschland mit
englischen Komödianten in Wolfenbüttel einrichtete
und der sich selbst als Schriftsteller betätigte, um
viele Kostbarkeiten vermehrt, wurde diese "Bibliotheca
Julia" der Grundstock der herzoglichen Bibliothek,
auch wenn sie von Friedrich Ulrich 1618 an die 1576 von
Herzog Julius gegründete Universität Helmstedt
gegeben wurde: die Bücher und Handschriften kehrten
nach Aufhebung der Universität (1810) bereichert um
Universitätsbestände zum grossen Teil nach Wolfenbüttel
zurück.
Doch erst die "Bibliotheca
Augusta" von Herzog August d.J. (1579-1666) [Bild]
begründete den weltweiten Ruhm der Bibliothek zu Wolfenbüttel:
Dieser gelehrte und gebildete, weitgereiste Herzog hatte
von Kindesbeinen an Bücher gesammelt. Nachdem er sehr
spät zur Regierung gelangt war, überführte
er seine umfangreiche Bibliothek von Hitzacker, seinem "Ithaka",
1643/44 nach Wolfenbüttel und richtete das Marstallgebäude
[Bild] in der Dammfestung gegenüber dem Schloss als
Büchersaal ein. Bei seinem Tode umfasste die Bibliothek
rund 35.000 Bände mit 135.000 Titeln, eine unvergleichliche,
auf universellen Sammelprinzipien aufgebaute Bibliothek,
die den ganzen Reichtum der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen
Literatur widerspiegelte. In der Zeit nach August wuchs
die Bibliothek vor allem durch Schenkungen fürstlicher
und gelehrter Sammlungen, weniger durch systematische Ankäufe.
Angesichts dieser Sammlung versteht man, dass der Philosoph
Gottfried Wilhelm Leibniz
[Bild]sich
dem Angebot, an einer solchen Bibliothek im Nebenamte als
Bibliothekar zu wirken, nicht versagte. Sie war für
ihn der Inbegriff der Wissenschaften, Spiegel des gelehrten
Universums. Leibniz war der erste moderne Bibliothekar der
Bibliothek: Er liess erstmals einen alphabetischen Katalog
anlegen, ergänzte konsequent die Bestände um kostbare
Erwerbungen von Handschriften und Drucken und sorgte schließlich
auch für den Neubau der Bibliothek. Diese berühmte
Bibliotheksrotunde [Bild]
,
unter Leitung des Landbaumeisters Herman Korb 1706-1710
während der Regierung von Herzog Anton Ulrich errichtet,
war das erste selbstständige profane Bibliotheksgebäude
in Europa, mit dem später aus statischen Gründen
entfernten Himmelsglobus auf der Dachplattform ein Symbol
für die weltumspannenden Wissenschaften. Viele Gäste
und Gelehrte besuchten die Bibliothek, unter ihnen Voltaire
und Casanova, Mirabeau und Mendelssohn. In den Benutzerbüchern,
die auch ediert vorliegen, finden sich die Autographen von
so illustren Personen wie Georg Forster, der Brüder
von Humboldt, Achim von Armins oder Hoffmanns von Fallersleben.
Nach Leibniz war unter anderem auch Gotthold Ephraim
Lessing [Bild]
von
1770 bis zu seinem Tode 1781 hauptamtlicher Bibliothekar
in Wolfenbüttel. Lessing hat, wiewohl er mangels eines
ausreichenden Etats nicht viel zuerwerben konnte, vieles
von den Schätzen der herzoglichen Bibliothek zutage
gefördert und der gelehrten Welt bekannt gemacht. Seine
theologischen Auseinandersetzungen standen im Zusammenhang
mit der Veröffentlichung der "Fragmente eines
Wolfenbüttelschen Ungenannten", deren Verfasser
Hermann Samuel Reimarus war und die Lessing als Wolfenbütteler
Fundstücke ausgegeben hatte. In Wolfenbüttel enstanden
die Dramen "Emilia Galotti" und "Nathan der
Weise".
Schon zu Lebzeiten Lessings deutet sich die dunkle Zeit
an, die die Bibliothek zu überstehen hatte. Die einst
blühende Residenzstadt geriet durch den Fortzug des
Hofes nach Braunschweig 1753 immer weiter ins Hintertreffen.
Die Bibliothek verblasste im Schatten der jungen und aufstrebenden
Universität Göttingen. Die Herrschaft der Franzosen
unter Napoleons Bruder Jerome führte beinahe zu ihrer
Auflösung. Die im Umkreis der bürgerlichen Revolution
von 1848 aufkeimenden Hoffnungen, die Wolfenbütteler
Bibliothek könne in den Rang einer deutschen Nationalbibliothek
erhoben werden, erfüllten sich nicht.
Als dann 1884-1887 der wilhelminische Neubau [Bild]
am Schlossplatz entstand, der die alte Rotunde ersetzte,
mochte man an eine neue Blütezeit der Bibliothek denken.
Doch die prächtige, ohne Bücher konzipierte Halle
im Zentrum des Bauwerks war eine Umkehrung der einstigen
Zugänglichkeit: das Gebäude atmete weit mehr den
Geist der zeittypischen Prachtentfaltung und des Pompes,
als es die Vermittlung und Bewahrung von Wissenschaft und
Kultur zu befördern vermochte. Auch die Umgestaltung
zu einer Landesbibliothek 1918 brachte keinen positiven
Wandel. Die Bibliothek stand - im Schatten moderner Bibliotheken
- im Abseits. Immerhin dürfte es gerade dieser Randlage
zu danken gewesen sein, dass sie den letzten Krieg ohne
Schaden überstand.
1950 berief man Erhart Kästner nach Wolfenbüttel.
Auf seine Initiative wurde die Bibliotheca Augusta seit
dem Jahr 1960 durch das Braunschweiger Architekturbüro
Kraemer umgebaut. Er betrieb auch die Rückgabe des
Lessinghauses [Bild], das
1968 wieder an die Bibliothek fiel.
Kästner setzte neue Akzente für die Bibliothek
und gestaltete sie nach seinem Ideal einer "bibliotheca
illustris" um. Er war es auch, der die heute berühmte
Malerbuchsammlung mit vielen kostbaren Stücken von
Picasso bis Miro begründete.
Im Jahre 1968 übernahm Paul Raabe das Direktorat
und schlug einen neuen Weg des Ausbaus und der Öffnung
der Bibliothek zu einer europäischen Studien- und Forschungsstätte
für das Mittelalter und die frühe Neuzeit ein.
Begünstigt durch die guten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen
des Landes, erlebte die Bibliothek einen bedeutenden Aufschwung.
Die Erwerbungsmittel wurden substantiell erhöht, der
Personalstamm der Bibliothek aufgestockt; besonders wichtig
für die spätere Entwicklung war die Etatisierung
des Stipendien- und Forschungsprogramms, die Einrichtung
einer Publikationsabteilung und die Entwicklung eines Schülerprogrammes.
Die Einbeziehung des Zeughauses [Bild]
und dessen Ausbau zu einem modernen Katalogzentrum konsolidierte
die Funktion der Bibliothek als außeruniversitärer
Forschungseinrichtung. In jüngerer Zeit kam noch der
Kornspeicher zum Ensemble, dessen Ausbau, ebenso wie die
Erweiterung der Bibliotheca Augusta um einen neuen Lesesaal,
Räume für die Digitalisierungs- und Fotowerkstatt
sowie Restaurierungswerkstatt, bevorsteht und hoffentlich
bald erfolgt.
Seit 1989 ist die Herzog August Bibliothek unmittelbar dem
Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft
und Kultur unterstellt. National und international genießt
sie heute eine hohe Reputation als Sammlung, als innovative
Bibliothek und Forschungsstätte. Ihren Gästen
und Nutzern bietet sie ein umfangreiches und vielfältiges
wissenschaftliches
und kulturelles
Programm.
Das Portal www.wortvorort.de bietet Ihnen die Möglichkeit, zahlreiche literarische Spuren im Braunschweiger Land zu erkunden, die an die wechselvolle Epoche zwischen Spätrenaissance und Hochbarock erinnern.



