Beldan Sezen wird sich mit freiwilliger und unfreiwilliger Isolation auseinandersetzen. In ihrer Projektskizze heißt es: „Räumliche Beschränkungen können freiwillig sein und sind oft unfreiwillig. Gefangenschaft und Isolation als Form der Bestrafung. Isolation als eine Form des Rückzugs – entweder als Raum zum Nachdenken und Lernen oder als Raum, in dem einer als der „Andere“ unter vielen leben soll.“ Als Beispiel soll eine Auseinandersetzung mit Anton Wilhelm Amo dienen, der zu Beginn des 18. Jahrhunderts im Kindesalter an den Hof der Herzöge von Braunschweig-Wolfenbüttel kam und als erster europäischer Philosoph afrikanischer Herkunft gilt. Für die Umsetzung plant die Künstlerin ein begehbares Buch nach ihrem Konzept des “Solitary Confinement” – der Verwandlung eines flachen Buches in einen kubischen Raum.

In ihrer prägnanten graphischen Ausdrucksfähigkeit spricht Beldan Sezen ein breites Publikum an. Sie repräsentiert Offenheit und Vielfalt, vermag auf gesellschaftliche, politische Themen aufmerksam zu machen und möchte mit ihrer Kunst dem „Ungesagten“ Raum und Stimme verleihen. Mit ihrem Projektvorhaben wird sie die Dialektik von persönlich/politisch, außen/innen, Fläche/Tiefe, Illustration/Abstraktion ausloten.

Beldan Sezen, geboren 1967 in Wiesbaden, lebt und arbeitet in New York und Amsterdam. Ihre künstlerischen Arbeiten finden sich in zahlreichen renommierten Museum in den USA, den Niederlanden und Deutschland. Die HAB hat bereits zwei ihrer Arbeiten im Bestand: Wetrocities (Malerbücher 69.FM 6) und To keep that bit of physical distance (Malerbücher 69.2° 5).

Für den Künstlerbuchpreis 2022 lagen insgesamt 25 Bewerbungen vor, davon zwölf aus dem Ausland. Neben den stark vertretenen USA gab es auch Bewerbungen aus Belgien, Canada, Australien und den Niederlanden.

Die Künstlerbuchsammlung der HAB wurde in den 1950er Jahren mit zeitgenössischen Werken großer französischer Maler, den livres de peintre, begründet. Malerbücher und Pressendrucke bilden das Profil der international anerkannten Sammlung, die sich an der europäischen Buchkunst orientiert. Bis heute haben sich Künstler*innen immer wieder aufs Neue dem Künstlerbuch genähert und sowohl auf traditionelle als auch experimentelle Weise die Grenzen des Mediums ausgelotet.

Im Hinblick auf die Geschichte und die Entwicklung der Sammlung haben die Herzog August Bibliothek und die Curt Mast Jägermeister Stiftung erstmals für das Jahr 2018 den Preis für Buchkunst ausgelobt, der gleichzeitig das Engagement von Sabine Solf für die Belange der Bibliothek und ihre Stiftungen ehren soll. Als Kunsthistorikerin begleitete sie den Aufbau der Sammlung und hielt Kontakt zu den Künstler*innen.

Die Entscheidung über die Preisvergabe erfolgte durch eine Jury, der Dr. Sabine Solf, Wolfenbüttel (Vorsitzende), Prof. Dr. Peter Burschel, Direktor der Herzog August Bibliothek, Manja Puschnerus, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Curt Mast Jägermeister Stiftung, Dr. Stefan Soltek, bis 2021 Leiter des Klingspor-Museums Offenbach, Nikoline Kästner, Papierrestauratorin, und Dr. Johannes Mangei, Stellvertretender Direktor der Herzog August Bibliothek, angehören.