20. Juli 2026

Wer den Malerbuchsaal der Herzog August Bibliothek (HAB) zum ersten Mal betritt, wird nach dem überwältigenden Anblick der Augusteerhalle mit ihren historischen Bücherschätzen in Elfenbein- und Brauntönen von leuchtend bunten Farben überrascht: In den Vitrinen und Regalen lagern Buchbinderkassetten in unterschiedlichsten Größen, Farben und Dekoren – jede einzelne ein kleines Kunstwerk für sich, denn die Überzüge sind so individuell gestaltet wie die Künstlerbücher, die sie bergen. Entworfen und angefertigt wurden sie von dem Restaurator und Buchbinder Adolf Flach (1926–2011).

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Blick in den Malerbuchsaal (Foto: Katharina Mähler)

Flach wurde in Kassel geboren und wuchs im nordhessischen Homberg (Efze) auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann er eine Buchbinderlehre. Vielleicht trug auch seine angeborene Schwerhörigkeit dazu bei, dass er einen besonders geschärften Blick für Farbe und Struktur entwickelte. So entdeckte er früh sein Interesse an Buntpapieren. Dabei handelt es sich um handgefertigte, mit unterschiedlichen Färbe- und Drucktechniken gestaltete Überzugspapiere für Bucheinbände, Kassetten und andere Behältnisse. Während seiner Studienjahre an der Offenbacher Werkkunstschule vertiefte er seine Kenntnisse in Einbandgestaltung, Kalligrafie und Typografie. Der künstlerische Leiter des Insel-Verlags, Gotthard de Beauclair, wurde auf Flachs Arbeiten aufmerksam und erwarb einige Buntpapiere als Vorlagen für Einbände der Insel-Bücherei. Bei bundesweiten Wettbewerben wurden Flachs Bucheinbände und Buntpapiere mehrfach ausgezeichnet.

Nach mehreren Anstellungen arbeitete er als Werkstattleiter bei der bekannten Schrift- und Buchgestalterin Eva Aschoff in Freiburg. Dort legte er auch seine Meisterprüfung im Buchbindehandwerk ab. Im Jahr 1960 kam Flach schließlich an die Herzog August Bibliothek, deren damaliger Direktor Erhart Kästner den lang geplanten Aufbau einer Restaurierungswerkstatt verwirklichen konnte – zu einer Zeit, als Restaurierung als eigenständiges Fachgebiet in Bibliotheken noch kaum etabliert war.

Kästner erkannte das Potenzial des erfahrenen Buchbinders und schickte ihn in der Anfangszeit zur Ergänzung seiner Fachkenntnisse unter anderem an das renommierte Institut für Buch- und Handschriftenrestaurierung der Bayerischen Staatsbibliothek in München. Schon bald entwickelte Flach eigene, wegweisende Restaurierungsmethoden. So entschied er sich beispielsweise bei der Restaurierung des bereits mehrfach überarbeiteten Reichenauer Perikopenbuchs für eine Reduktion auf die erhaltenen originalen Elemente des mittelalterlichen Einbands, statt einen vermeintlich ursprünglichen Zustand zu rekonstruieren. Die dafür entwickelte klebstofffreie Bindetechnik erfüllt die Kriterien eines Konservierungseinbands und hat noch heute Bestand. Sie ist Ausdruck eines damals noch ungewöhnlichen Restaurierungsverständnisses, das nicht nur die Authentizität des überlieferten Textes, sondern die Materialität des gesamten Buches als historisches Artefakt in den Mittelpunkt stellte.

Im Jahr 1965 kam mit der Restauratorin Gerta Frantzen willkommene Verstärkung an die HAB, sodass sich Flach mehr und mehr auf die von Kästner aufgebaute Malerbuchsammlung konzentrieren konnte. Da viele der französischen ‚livres de peintre‘ damals ungebunden in losen Lagen erschienen, entwickelte Flach ein innovatives Aufbewahrungssystem mit liegender Lagerung in maßgefertigten Buchbinderkassetten spezieller Bauart. Im Schaudepot des Malerbuchsaals sind somit Schutz und Präsentation miteinander verknüpft.

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Buchbinderkassetten für Malerbücher von Georges Braque (Foto: Katharina Mähler)

Für die Überzüge der Kassetten gestaltete er Papiere in unzähligen Variationen, die häufig in ihren Farben und Strukturen Bezug auf die Bildsprache der Künstler*innen nehmen. Jedem Künstler und jeder Künstlerin ordnete Flach ein eigenes Design zu, sodass sich etwa die Bücher von Georges Braque schon von außen an der smaragdgrünen, fein gemaserten Struktur ihres Marmorpapiers erkennen lassen.

In den ersten Jahren arbeitete Flach häufig mit dieser Technik, da sich damit auch große Papierbögen effizient herstellen lassen. Doch schon bald experimentierte er mit verschiedensten grafischen Techniken, mit Kleisterfarben, Monotypie, Linoldruck sowie Mischtechniken mit Reservage, Stempel- und Materialdruck.

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Buchbinderkassetten für Malerbücher von Georges Braque (Foto: Katharina Mähler)

So entstand im Laufe der Jahre ein einzigartiges Ensemble aus hunderten individuell gestalteten Kassetten. Bis heute prägt dieses farbige Gestaltungskonzept den Malerbuchsaal und veranschaulicht die enge Verknüpfung von Konservierungsauftrag, handwerklicher Präzision und künstlerischer Gestaltung.

In diesem Ambiente richtete Flach die ständig wechselnden Ausstellungen von Maler- bzw. Künstlerbüchern ein und schuf handgeschriebene, außergewöhnliche Plakate, die von seiner kalligrafischen Meisterschaft zeugen.

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Ausstellungsplakat von Adolf Flach, 1972 (Foto: Katharina Mähler)

Auch an anderen Stellen in der Bibliothek wird Flachs feiner Gestaltungssinn offenbar. Typografisch geprägt durch seine Studienjahre in Offenbach, wählte Flach für die Rückenschilder von Malerbuchkassetten und modernen Einbänden die gleichermaßen elegante wie gut lesbare Schrift ‚Palatino‘ des Schriftgestalters Hermann Zapf aus. Bereits am Eingang der Bibliotheca Augusta begegnet diese Schrift den Besucher*innen der HAB und weist ihnen in dezenten Messingbuchstaben an den Glastüren den Weg.

Mit den Jahren wuchs Flachs Expertise in Sachen Maler- bzw. Künstlerbücher, sodass Erhart Kästners Nachfolger Paul Raabe ihn nicht nur mit der Konzeption zahlreicher Ausstellungen und Erarbeitung von Katalogen beauftragte, sondern ihn auch bei Neuerwerbungen als Berater hinzuzog. Flach schätzte den direkten Kontakt und Austausch mit den Künstler*innen sehr, die sich wiederum beeindruckt von seinen Arbeiten zeigten. Denn auch in dienstfreien Stunden und nach seinem Ausscheiden aus der HAB im Jahr 1989 widmete sich Flach der Gestaltung von Bucheinbänden und Schriftblättern mit Lyrik zeitgenössischer Dichter*innen. 1996 wurden sie in einer Einzelausstellung – natürlich im Malerbuchsaal der HAB – präsentiert. Zum 100. Geburtstag Adolf Flachs lohnt sich ein erneuter Blick auf sein Werk und auf eine Persönlichkeit, welche die Herzog August Bibliothek über Jahrzehnte geprägt und ihr unverwechselbares Erscheinungsbild mitgestaltet hat.

Titelbild: Adolf Flach, 1996 (Foto: Katharina Mähler)