Die europäische Bibeltragödie und das deutsche Trauerspiel
Mit den Anfängen der Rezeption der aristotelischen Poetik im 16. Jahrhundert begannen zahlreiche europäische Dramatiker, über die Möglichkeiten der Synthese von Bibel und Tragödie nachzudenken. Jacob Pontanus etwa fasste in seiner Institutio Poetica 1594 die Struktur der griechischen Tragödie zusammen und bezog die aristotelische Wirkungspoetik auf seine jesuitischen Anliegen. Schon davor waren erste Versuche erschienen, die Tragödie mittels biblischer Stoffe zu christianisieren. Deutlich wird das in Tragödien, die sich mit der Tötung der Tochter Jeftahs aus dem Buch Richter auseinandersetzen; Abrahams Bereitschaft, Isaak zu opfern, galt nicht nur Pontanus als tragisch. In den großen europäischen Literaturen finden sich fast überall Versuche, heidnisch-antike Dramenpoetik und biblische Erzählungen zu harmonisieren. Lediglich im deutschen lutherischen Sprachraum konnte sich diese Tendenz nicht durchsetzen. Das Forschungsvorhaben zielt darauf, die Geschichte der europäischen Bibeltragödie sowie deren Rezeption in Gestalt von Übersetzungen im deutschen Sprachraum zu rekonstruieren und sodann zu überlegen, warum die deutsche Literatur im 17. Jahrhundert keine eigenen Bibeltragödien vorgelegt hat.
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