Meine Damen und Herren,
in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 brannten in ganz Deutschland die Synagogen. Jüdinnen und Juden wurden gedemütigt, misshandelt, vergewaltigt, verhaftet und ermordet. Geschäfte und Wohnungen wurden verwüstet. Offener Protest blieb fast vollständig aus. Von wenigen couragierten Frauen und Männern abgesehen, blieben die Deutschen stumm.

Auch in Wolfenbüttel ging die Synagoge in Flammen auf, die 1893 im Beisein der Stadtgesellschaft feierlich eingeweiht worden war. (Sie wissen es: kaum hundert Meter von hier.) Angehörige der SS hatten sie in Brand gesteckt. Auch in Wolfenbüttel wurden jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger in dieser Nacht geschlagen, beraubt und eingesperrt; auch hier drangen SS-Männer und ihre Helfer gewaltsam in jüdische Geschäfte und Wohnungen ein. Die männlichen Juden wurden erst in Wolfenbüttel inhaftiert und dann zumindest vorübergehend im Konzentrationslager Buchenwald. Im Januar 1939 forderte die Stadt Wolfenbüttel die jüdische Gemeinde auf, die Mauerreste ihrer niedergebrannten Synagoge abtragen zu lassen.

Der 9. November 1938 war gewiss nicht der Beginn der Verfolgung – aber doch das für alle sichtbare Menetekel der in den kommenden Jahren mit aller Konsequenz durchgeführten völligen Entrechtung und schließlich Vernichtung der Juden in Deutschland und in Europa. Mindestens 40 Jüdinnen und Juden aus Wolfenbüttel, die 1942 und 1943 in das Warschauer Ghetto und in die Konzentrationslager Auschwitz und Theresienstadt deportiert wurden, fielen dem Völkermord zum Opfer.

Meine Damen und Herren,
ich spreche heute als Direktor der Herzog August Bibliothek zu Ihnen und damit als Repräsentant einer Institution, die seit 1933 dazu beizutragen hatte und dazu beitrug, die „Bildungsabsichten“ des nationalsozialistischen Regimes umzusetzen: sei es in Form der Anschaffung von völkischer, vor allem von antisemitischer Literatur – bei gleichzeitiger Entfernung von sogenanntem „undeutschen“ oder „schädlichen“ oder „unerwünschten“ Schrifttum; sei es in Form der Beteiligung an einschlägigen bibliothekarischen oder auch musealen Projekten.

Um es in aller Deutlichkeit zu sagen: Die Geschichte der Herzog August Bibliothek zwischen 1933 und 1945 ist immer noch ein Desiderat – und wird erst seit kurzem adäquat untersucht, wie etwa die Erwerbungen der Bibliothek seit 1933 im Rahmen eines NS-Raubgut-Projekts, das vom „Deutschen Zentrum Kulturgutverluste“ in Magdeburg gefördert wird. Erste Restitutionen sind erfolgt.

Doch bleiben Fragen, viele Fragen. So wissen wir noch immer zu wenig über die Verwendung des sogenannten „Dublettenfonds“; oder über die Praxis der „Sekretierung“ verbotener Literatur; oder über die vielfältigen Anfragen parteiamtlicher oder parteinaher Stellen zur „Ahnen- und Sippenforschung“; oder auch über die Rolle der Bibliothek in einer Kleinstadt, in der 1922 (bekanntlich) die erste NSDAP-Ortsgruppe des Landes Braunschweig gegründet wurde.

Um die Frage nach der Rolle der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel beispielhaft zu verdeutlichen: Im Juni 1943 quittierte die Bibliothek der „Dienststelle für die Einziehung von Vermögenswerten“ des Finanzamtes Wolfenbüttel den Erhalt eines Buches aus dem Jahr 1777. Sein Titel: „Lessing, Mendelsohn, Risbeck, Goeze, ein Totengespräch“. Besitzer war der ehemalige Stadtverordnete und Oberlehrer Gustav Eichengrün gewesen. Der 79-jährige Eichengrün war im März 1943 aus Wolfenbüttel nach Theresienstadt deportiert worden, wo er noch im April desselben Jahres umkam, wie auch seine drei Jahre jüngere Frau wenige Monate später.

Da das „Totengespräch“ in der Herzog August Bibliothek nicht mehr vorhanden ist, liegt die Vermutung nahe, dass es zu jenen elf Büchern gehörte, die der damalige Direktor der Bibliothek am 5. November 1948 an die jüdische Gemeinde in Wolfenbüttel zurückgab. In einem Schreiben des Direktors heißt es, die Bücher seien „in Verwahrung gehalten“ worden. Wenige Tage später – am 11. November 1948, fast genau zehn Jahre nach der Pogromnacht also – fand eine weitere Rückgabe statt: Vier Torarollen, eine Megilla und weitere „religiöse Gegenstände“ wurden restituiert. Sie waren nach der Plünderung und Zerstörung der Synagoge – wohl auf Anweisung der Gauleitung – in die Bibliothek gelangt.

Meine Damen und Herren,
spätestens seit dem Anschlag auf die Synagoge in Halle am 9. Oktober 2019 wissen wir, wie gefährdet jüdisches Leben in Deutschland wieder ist – und nicht nur in Deutschland, wie uns vorgestern einmal mehr vor Augen geführt wurde. Fast täglich werden wir Zeuginnen und Zeugen des Miteinanders von antisemitischer Invektive und physischer Gewalt. Seit dem 7. Oktober 2023 können wir beobachten, wie Antisemitismus wieder zu einer sozialen Praxis und zu einem kulturellen Code geworden ist – und wie er sich dabei nicht zuletzt auch als „Israelkritik“ rechtsstaatlich zu legitimieren versucht. Der Journalist Jürgen Kaube hat vor einigen Wochen in der FAZ nachdrücklich davor gewarnt, Antisemitismus als Meinungsfreiheit zu verstehen.

So erschreckend, so verstörend, so einschüchternd diese Entwicklung ist, wir können, wir müssen ihr entgegentreten. Als wir in der Herzog August Bibliothek darüber nachdachten, was zu tun sei, um in Zeiten wie diesen unserem Verständnis von wissenschaftlicher Offenheit, kritischer Reflexion und dialogischer Kontroverse Gehör zu verschaffen, erinnerten wir uns daran, wie der berühmte Theaterregisseur Erwin Piscator den „Nathan“ aus dem amerikanischen Exil zurück nach Deutschland brachte. Tief enttäuscht über die „Kalte Schulter“ seiner Landsleute, zögerte Piscator 1952 bei der Wahl des Stoffs seiner ersten Inszenierung nach der Rückkehr keinen Augenblick. Es musste Lessings „Nathan der Weise“ sein. Nicht als eine Art Wiedergutmachungsstück, sondern als „Bekenntnistheater“. Lessings „Dichtung“, so Piscator, „ist Belehrung“. Auf die Frage einer Jugendfreundin "Warum wählst Du Nathan?" antwortete Piscator "Weil Ihr – die Deutschen – so viele Juden umgebracht habt.“ Nathan nach Auschwitz.

Lessings Nathan war und ist auch unsere Wahl, ist die Wahl der HAB. Der Satz „Es genügt, ein Mensch zu heißen“, den Lessing Nathan sagen lässt, begleitet uns und unsere Veranstaltungen, weil er auf den Punkt bringt, dass jede Form von Antisemitismus, dass jede Form von Intoleranz immer auf die Würde des Menschen zielt – und damit auf uns alle. Wenn dieser Satz auch die jüdische Lesereihe begleitet, ja, trägt, die heute Abend beginnt, dann deshalb, weil er Vielstimmigkeit ermöglicht oder doch ermöglichen soll, wenn nicht regelrecht einfordert.

Eine Vielstimmigkeit, die immer auch jene Toten, jene Ermordeten einschließt, derer wir heute gedenken.



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