Der Forschungsverbund „Lost in Archives“ (gefördert durch das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt, Förderlinie Innovative Frauen im Fokus) widmet sich unsichtbaren Frauen im 18. und 19. Jahrhundert mit besonderen Schwerpunkten in der Literaturkritik, der Militärliteratur und dem Theaterwesen, indem wir ihre Spuren nachverfolgen und in zahlreichen Archiven nach Hinweisen, Werken und Kontexten suchen.

Ein besonderer Fund des vergangenen Jahres betrifft die Schriftstellerin Amalie von Liebhaber. Sie wurde 1781 in Wolfenbüttel geboren und verstarb 1845 in Berlin. In der Zwischenzeit war sie an vielen Standorten, um sich in Dramentheorie und Theaterpraxis weiterzubilden, korrespondierte u. a mit Goethe, Eckermann, Tieck und verfasste über ein Dutzend Dramen – mindestens eines davon wurde auch aufgeführt. Erst die Suche im Archiv hat all diese Spuren wieder sichtbar gemacht. Dafür waren Recherchen in Leipzig, Berlin und Marbach, Düsseldorf, Wolfenbüttel, Weimar und Braunschweig ausschlaggebend – dabei konnten wir einen spektakulären Fund machen: Zehn Dramenmanuskripte von Amalie von Liebhaber sind noch erhalten!

Für diese Trauerspiele bediente sie sich einer großen Bandbreite an Stoffen, die beispielhaft für verschiedene Moden ihrer Zeit herhalten können. So verfasste sie Römerdramen (Octavianus Augustus oder Tiberius Nero, Arria und Pätus), adaptierte Geschichten aus den Märchen von 1001-Nacht (Abassa oder Die Barmeciden), schöpfte Inspiration aus der (portugiesischen) Geschichte (Don Sebastian, Die Erhebung des Hauses Braganza) und „[ringt] nach dem Herrlichen” in ihrer zweiteiligen Nibelungendramatisierung (Siegfrieds Todt, Die Königin der Hunnen).

Heute kennt Amalie von Liebhaber niemand: Es gibt keinen Wikipedia-Eintrag, keine Bilder von ihr, keine Forschung zu und keine Ausgaben oder Editionen von ihren Werken. Im 19./20. Jh. wurde sie durchaus in Lexikonartikeln gelistet. Dabei kann man jedoch beobachten, wie sich die Artikel über die Zeit immer weiter verknappen und das Interesse an ihr merklich nachlässt. Zu ihren Lebzeiten gibt es zum einen mehrere (durchaus positive) Rezensionen zu Amalie von Liebhabers Werken. In meinem Vortrag werde ich diese mittlerweile Unbekannte, die zu ihrer Zeit äußerst produktiv, gut vernetzt und höchst mobil war, vorstellen und ihr Werk in Auszügen besprechen.

Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
Info zum Link über Ansprechpartnerin.


Bildunterschrift: Brief von Amalie von Liebhaber an Friedrich Vieweg vom 05.06.1828, Universitätsarchiv der Universität Braunschweig, UABS V1_L65