2. Juli 2024

Im Jahr 1692 erscheint bei Hieronymus Friedrich Hoffmann in Celle unter den Initialen „J. M.“ ein Werk mit dem Titel „Die bey dem Hause Braunschweig-Lüneburg anjetzo übliche Bereit-Kunst“ (Abb. 1a).
Eine Ausgabe Johann Colers „Chronologia et syncrotema papatus“ erscheint 1700 bei Andreas Grimm in Corbach.
Anonym und mit dem fiktiven Impressum „In Deutschland“ erscheint 1679 eine Ausgabe von „Newe[n] uberauß artige[n] und Anmuhtige[n] poßirliche[n] Historien“.
1717 bringen Rudolf und Gerard Wetstein in Amsterdam eine 19-bändige Gesamtausgabe der Werke der Mystikerin Antoinette Bourignon (1616-1680) auf den Markt.

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Abb 1a: Titelblatt „Bereit-Kunst“ von 1692 – Titelauflage zur Ausgabe von 1685 (HAB N 210.4° Helmst.)

Diese Aufzählung ließe sich (fast) beliebig fortsetzen – aber was ist die Gemeinsamkeit dieser Ausgaben? Um es kurz zu sagen: Alle Werke waren vorher schon mal publiziert worden.
Das ist auf den ersten Blick nicht bemerkenswert, denn selbstverständlich wurden Bücher, die sich gut verkaufen ließen, häufig neu aufgelegt. Neuauflagen mussten jedoch in der Zeit des Handsatzes, also des Drucks mit beweglichen Lettern, neu gesetzt werden, denn die Druckformen (der „Satz“) wurden nach dem Druck der Auflage wieder aufgelöst, das heißt, die Lettern wurden wieder zurück in den Setzkasten gelegt, um später erneut verwendet zu werden (was als „typografischer Kreislauf“ bezeichnet wird). Neuauflagen unterscheiden sich deshalb prinzipiell von der früheren Auflage, auch wenn sich die Drucker*innen (bzw. die Setzer*innen) häufig die Mühe machten, die Neuauflage zeilengetreu– im Jargon der Buchdrucker*innen: „Männchen auf Männchen“ – zu setzen (Abb. 2).

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Abb. 2: Beispiel für einen (fast) zeilengetreuen Nachdruck. Welcher Druck die Vorlage war und welcher der Nachdruck, ist nicht zu bestimmen. Links: Blatt A2a aus VD17 23:288190M (HAB 152.10 Eth. (7)). Rechts: Blatt A2a aus VD17 39:119767G (HAB 153.14 Eth. (9)).

Wie sieht es nun aber bei den oben genannten Titeln aus? Die „Bereit-Kunst“ erschien zum ersten Mal 1685 unter dem Titel „Lüneburgische neu eröffnete Manege oder Reit-Schule“ als Werk von Johann Misselhorn bei Andreas Holwein in Celle (Abb. 1b) und erneut 1687 mit einer gestempelten Ergänzung: „Verlegts Hieronymus Friederich Hoffmann“ (Abb. 1c). Colers „Chronologia“ waren bereits 1675 unter demselben Titel erschienen, und die „Curiösen Discurse“ 1674 unter dem Titel „Theatri historici pontificio-catholici, centuriae duae. Das ist: Zwey-hundert bäpst-catholische Lehr-Geschichte“ in „Freystadt“ – mit Nennung des Autors, Christoph Meander. Bourignons Werkausgabe war bereits 1686 bei Hendrik Wetstein veröffentlicht worden.

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Abb. 1b: Titelblatt der Erstausgabe der „Reit-Schule“ (HAB Hn 277)
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Abb. 1c: Ausschnitt des Titelblatts der 2. Ausgabe der Reitschule. Die letzte Ziffer des Erscheinungsjahrs ist mit einem Stempel in 1687 geändert. Zusätzlich aufgestempelt: Der Name des Verlegers (HAB Hn 276)

Bei einem Blick in die Texte zeigen sich gewisse Auffälligkeiten. Nicht nur der Wortlaut der Texte ist jeweils identisch – sondern auch der „Satz“.
Wie kann das sein, da doch eine Neuauflage einen Neusatz erfordert?
Die Erklärung ist einfach: Die Verleger der späteren Ausgaben hatten die Restexemplare der früheren Ausgaben verwendet, und sie erneut auf den Markt gebracht. Dazu brauchten sie nur ein neues Titelblatt (manchmal auch mit einer neuen Vorrede oder einer neuen Widmung) für die bereits vorliegende Ausgabe anzufertigen, das alte Titelblatt zu entfernen und das neue Titelblatt einzukleben – fertig war die neue Ausgabe, die aufgrund dieses Prozesses auch als „Titelauflage“ oder „Titelausgabe“ bezeichnet wird.
Um von diesen fast betrügerischen „Neuauflagen“ abzulenken, wurden – wie in zwei der vorgestellten Ausgaben – neue Titel erfunden. Diese Praxis ist nicht selten im Buchdruck der Frühen Neuzeit – und bislang sind bei weitem nicht alle Titelauflagen identifiziert worden.

Die Gesamtausgabe der Bourignon-Werke bietet noch ein weiteres cleveres Verfahren zur Nachnutzung von unverkauften Restauflagen: Henrik Wetstein hatte 1686 offensichtlich die zwischen 1669 und 1684 bei Pieter Arendsz publizierten französischen Einzelausgaben übernommen. Um diese besser verkaufen zu können, schlug er einen anderen Weg ein: Er bot die Einzelausgaben als komplettes Paket an. Dazu ließ er lediglich einen zusätzlichen Titelbogen mit einem Gesamttitel „Toutes les oeuvres de Mde. Antoinette Bourignon“ und seinem Impressum drucken, „Se trouvent a Amsterdam, chez Henry Wetstein, 1686", sowie je ein zusätzliches, undatiertes Titelblatt für jeden Band mit dem Titel „Les oeuvres de Mlle. Antoinette Bourignon Contenues En Dix-Neuf Volumes" und mit einer Bandzählung, „Volume I.“ – „Volume XIX.“ (Abb. 3). Die alten Einzelausgaben ließ er unverändert. Ohne großen Aufwand war so eine neue „Ausgabe" entstanden, die in der Gesamtheit vermutlich besser zu vermarkten gewesen ist als die Einzelbände. Zumindest sind die Einzelwerke von Bourignon deutlich seltener überliefert, als die Gesamtausgabe. Wetsteins Mühen scheinen trotzdem nicht den gewünschten Erfolg gehabt zu haben – sonst wäre die Titelauflage gut 30 Jahre später nicht nötig geworden.

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Abb. 3a-c: Die drei Titelseiten aus dem 1. Band der "Oeuvres": links das Gesamttitelblatt von 1686, in der Mitte das Titelblatt zum 1. Band von 1686, rechts das Titelblatt des Drucks von 1683. (HAB 738.21 Theol.)

Notabene: Bei einigen Versuchen, Ladenhüter zu verkaufen, sind betrügerische Absichten im Spiel, besonders, wenn die Titelauflage unter einem anderen Titel oder sogar unter einem anderen Namen erscheint. Und auch wenn ein Werk vorgibt, in mehreren Auflagen erschienen zu sein, muss das kein Hinweis auf eine erfolgreiche Publikation sein – manchmal ist auch genau das Gegenteil der Fall!


Titelbild: Gesamttitelblatt aus dem 1. Band des „Les oeuvres de Mlle. Antoinette Bourignon Contenues En Dix-Neuf Volumes“ von 1686 (HAB 738.21 Theol.)

 

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