Wolfenbüttel, 05. November 2026

Anders als bei herkömmlichen Handschriftenkatalogen richtet sich die Gliederung nicht nach den heutigen Signaturen, sondern nach den Entstehungsorten und -regionen der Bücher. Dadurch können Handschriften aus einzelnen Skriptorien gemeinsam betrachtet und kunsthistorisch miteinander verglichen werden. Die Beschreibungen im Textband werden durch einen reich bebilderten Tafelband ergänzt.

Eine besondere Rolle spielen dabei 68 Handschriften aus dem elsässischen Kloster Weißenburg, deren Initialschmuck erstmals zusammenhängend kunsthistorisch untersucht wurde. Neben bekannten Zeugnissen mittelalterlicher Buchkunst präsentiert der Katalog auch weniger erforschte Stücke, darunter einen bislang in der Forschung unbekannten Psalter aus dem Kloster Tegernsee. Zwei reich illustrierte Handschriften römischer Feldmesskunst aus der Spätantike und der Karolingerzeit geben zudem Einblicke in die Wissensvermittlung durch Zeichnungen, Malereien und Diagramme.

Der Katalog wurde von Dr. Stefanie Westphal bearbeitet und mit Unterstützung der Ernst von Siemens Kunst Stiftung gedruckt. „Wir konnten bereits mehrfach illuminierte Handschriften wie das Psalter-Brevier aus Laon für das Museum Schnütgen oder den St. Marienthaler Psalter für die SLUB Dresden erwerben und wissen genau, wie wichtig die wissenschaftliche, kunsthistorische Erschließung illuminierter Handschriften ist. Dass die rund 2.800 mittelalterlichen Codices der Herzog August Bibliothek, deren Beschreibungen oft noch aus dem 19. Jahrhundert stammten, nun in einem Bestandskatalog neu erfasst wurden, schafft eine wichtige Grundlage für künftige Forschung“, freut sich Dr. Martin Hoernes, Generalsekretär der Ernst von Siemens Kunststiftung.

„Die illuminierten Handschriften der Herzog August Bibliothek. Teil 1: 6. bis 11. Jahrhundert“ bildet den Auftakt zu einer neuen Reihe, die der kunsthistorischen Erschließung der illuminierten Handschriften der Herzog August Bibliothek gewidmet ist. In weiteren Bänden sollen die Handschriften des 12., 13. und 14. Jahrhunderts folgen. Das Projekt wurde bis 2023 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert und anschließend in Eigenleistung fortgesetzt. Laut Dr. Christian Heitzmann, Leiter der Abteilung Historische Sammlungen und Bestandserhaltung, ist dieser Katalog ein Meilenstein: „Erstmals werden alle frühmittelalterlichen Handschriften der HAB kunsthistorisch erschlossen und eingeordnet. Für viele Stücke ist es die erste ausführliche moderne Beschreibung. Die kunst- und bibliotheksgeschichtliche Forschung wird damit auf eine ganz neue Grundlage gestellt und erfährt eine Vielzahl von Anregungen zu weiteren Studien. Wir freuen uns, dass diese Erschließung in einem Folgeprojekt fortgesetzt werden kann.“  Die nun folgende Projektphase zur Katalogisierung der illuminierten Handschriften des 12. Jahrhunderts wird ab 2027 durch die Förderung durch das Land Niedersachsen ermöglicht.


Abbildung: Cod. Guelf. 426 Helmst., fol. 87r; Evangeliar, Corvey, 10. Jh., Ende (Katalog-Nr. 2, Abb. 12).