16. September 2026

Gerade diese Aktivitäten eröffnen jedoch einen aufschlussreichen Blick auf die Leitideale und Tugendvorstellungen des bürgerlichen Wolfenbüttels im 19. Jahrhundert. Eine Auseinandersetzung mit diesen Tätigkeiten ermöglicht zugleich eine Annäherung an Anna Vorwerk als Frau, Schulvorsteherin und Nachbarin der Bibliothek – jenseits moderner Zuschreibungen.

Ein aufgrund seiner Komposition aussagekräftiges Gemälde der Reformpädagogin, das im sogenannten Anna-Vorwerk-Haus hängt, führt ins Thema: Es zeigt Vorwerk, die Tochter eines wohlhabenden Juristen aus Königslutter, als fast 40-Jährige. Zu diesem Zeitpunkt wohnte sie bereits seit etlichen Jahren in Wolfenbüttel. Der Maler des Gemäldes, Albert Mirsalis, war Zeichner und Lehrer an dem von Anna Vorwerk errichteten Schulkomplex im Schloss, den sog. Schloßanstalten. Auf den ersten Blick könnte man meinen, Mirsalis hätte für die Darstellung seiner Vorgesetzten, Anna Vorwerk, die Sachlichkeit als Leitmotiv gewählt. Allerdings fällt auch auf, dass eine privilegierte Frau des höheren Bürgertums inszeniert wird, denn bei genauerem Hinsehen springen die goldene, mit Perlen und Edelsteinen besetzte Brosche ebenso wie der üppige Schal ins Auge. Die faltbare Lesehilfe, die Lorgnette, war um 1900 ein modisches Accessoire ebenso wie ein funktionales Instrument. Man nutzte sie für den Opern- und Theaterbesuch. Damit verweist dieses Accessoire, die Lesehilfe, auf die gute Bildung, die Vorwerk erfahren hatte. Und so ist das Gemälde nur auf den ersten Blick recht unscheinbar. Die komplexe Komposition bildet die gehobene, gelebte Bürgerlichkeit der Dargestellten ab.

Ein konstitutives Element bürgerlicher Kultur und Lebensführung des späten 19. Jahrhunderts war das kulturelle Mäzenatentum. Die Gemeinnützigkeit fand nicht zum Selbstzweck statt, auch um 1900 nicht. Die Kulturförderung diente der Sicherung von Akzeptanz und Geltung von Normen über die Grenzen des Bürgertums hinaus. Auch Anna Vorwerk setzte in ihren Schloßanstalten bürgerliche Ideen und Werte durch. Dazu gehörte unter anderem die Schätzung von Ordnung in einem weiteren Sinne des Wortes.

Die geteilten bürgerlichen bzw. auf Bildung und Kultur ausgerichteten Wertvorstellungen waren das verbindende Element zwischen der Familie Vorwerk, die im Schlossplatz 4 (heute Anna-Vorwerk-Haus) wohnte, und der auf der anderen Schlossplatzseite gelegenen Herzoglichen Bibliothek. Eine besondere Beziehung entstand zu Otto von Heinemann, der in den Jahren um 1900 Bibliotheksleiter war. Von Heinemann war 14 Jahre älter als Anna Vorwerk. Vorwerk und von Heinemann stammten beide aus einer protestantischen Beamtenfamilie. Zwar war die Familie von Heinemann 1781 in den Reichsadelsstand erhoben worden, doch verfolgte sie im 19. Jahrhundert keine exklusiv auf eine traditionelle adlige Lebensweise ausgerichtete Heiratsstrategie oder Berufswahl. Dies gilt auch für Otto von Heinemann, der zunächst, bevor er nach Wolfenbüttel ging, eine Tätigkeit als Hauslehrer annahm.

Die Beziehung zwischen der Initiatorin der Schlossanstalten und dem Bibliotheksdirektor drückte sich ganz wesentlich in der gegenseitigen Förderung aus. Von Heinemann unterrichtete 25 Jahre im Schloss. Er engagierte sich als Prüfer und nahm Examen ab, wohl auch, weil dies in einigen Bereichen noch immer eine Männerdomäne war. Vorwerks besondere Leidenschaft galt den Theateraufführungen und Konzerten. Auf dem Programm standen schwerpunktmäßig antike und andere ältere Klassiker, deren Inszenierungen die Geselligkeit beförderten. Dies gilt ferner für die vielen Ausflüge, die von der Schule unternommen wurden. Auch hier verbanden sich Kulturförderung und gehobene Geselligkeit. Von Heinemann nahm rege daran teil und legte dafür zeitweise ganz selbstverständlich die Arbeit an der Bibliothek nieder. Es war nichts Ungewöhnliches, dass die Arbeitsbereiche und Zuständigkeiten so ineinandergriffen.

Parallel zu ihrer Arbeit an der Entwicklung der Anstalten setzte sich Anna Vorwerk für die Förderung der Bibliothek ein. Sie besuchte die Sammlung mehrfach in Begleitung. Ein Zeitungsartikel, den Vorwerk verfasste und in dem sie die Bibliothek vorstellte, dokumentiert diese Schwerpunktsetzung eindrücklich: Der Artikel entstand, nachdem kurz zuvor der wilhelminische Großbau errichtet worden war, der, wie viele seiner Zeit, dem neuen Trend der Stahlkonstruktion folgte. Durch den industriellen Fortschritt des 19. Jahrhunderts hatte sich Metall als dominierendes Material in der Architektur durchgesetzt. Stahlgebäude standen für den Beginn einer neuen Ära im Bauwesen. Kurz vor der Bibliothek war etwa der Eiffelturm errichtet worden.

Für Anna Vorwerk war die Entscheidung des Bibliotheksleiters von Heinemann Baustahl einzusetzen, ein Beleg für dessen Fortschrittlichkeit, ja dessen Fähigkeit, mit modernen Mitteln die Traditionen der Bibliothek zu sichern. In dem Zeitungsbeitrag heißt es: „Einen ganz andern Charakter, wenn auch ebenfalls im Geist der Hochrenaissance gehalten, trägt die neue Bibliothek. Aus dem dauerhaftesten Material errichtet, in ihren tragenden Teilen nur aus Stein, in ihren ruhenden aus Stein oder Eisen hergestellt, liegt ihr die Gefahr frühen Verfalles oder gewaltsamer Zerstörung durch Feuer gänzlich fern. Doch das edlere Material hat auch edlere Formen erzeugt.“ „Herr von H[einemann]“, so fährt sie fort, würde „Euch vielleicht in liebenswürdiger Weise erläutern, wie geschickt jeder Büchersaal durch einen gußeisernen, durchbrochenen Fußboden in zwei Stockwerke geteilt ist, so daß nun alle Bücher ohne Leiter oben und unten leicht zu erfassen sind; er würde Euch wohl auch sein schönes, holzgetäfeltes Arbeitszimmer […], das Zimmer der Handschriften und der Kupferstiche, sowie das Lesezimmer zeigen – aber dazu müßtet Ihr hier sein.“

Dieser Aufsatz beschreibt Otto von Heinemann als profilierten Bibliotheksleiter und bedeutenden Bauherrn. Er wirbt für den nach Vorwerks Auffassung Modernität und Tradition verbindenden Kulturstandort Wolfenbüttel insgesamt – ein Standort, in dessen Zentrum Vorwerk und von Heinemann gemeinsam standen. Durch ihr gemeinsames Wirken trugen sie dazu bei, die von ihnen vertretenen Wert- und Normvorstellungen in Bezug auf Kultur und Bildung gesellschaftliche Sichtbarkeit und Geltung zu verleihen.

Auch das Anna-Vorwerk-Haus war ein wesentlicher Schauplatz dieser Kultur. 1977 erwarb der Freundeskreis der Bibliothek das Gebäude und vermietet es seither an die Herzog August Bibliothek. Das Gebäude wurde als Treffpunkt für das internationale Gast- und Stipendienprogramm der Bibliothek eingerichtet. Studienräume mit Arbeitsplätzen für Stipendiat*innen und Gastwissenschaftler*innen, ein Vortragsraum und ein an den Garten angrenzender Speisesaal machten und machen das Anna-Vorwerk-Haus weiterhin zum wissenschaftlichen und geselligen internationalen Forum der Bibliothek. Dass die Bibliothek für ihr Gastprogramm in diesem Gebäude in den 1970er Jahren eine Heimat fand, ist eigentlich nur ein glücklicher Zufall. Dennoch lohnt es sich, Anna Vorwerks Wirken zum Ausgangspunkt für eine Reflexion über die Bibliothek und ihre gesellschaftliche Rolle zu nehmen. Lässt sich die Herzog August Bibliothek in eine von Anna Vorwerk geprägte Tradition stellen? Worin bestehen Kontinuitäten, wo Brüche? Vorwerks kulturelles und bildungspolitisches Engagement beruhte auf einer privilegierten sozialen Stellung und wurde durch weitreichende Netzwerke ermöglicht. Sie setzte sich für die Förderung von Frauen ein und trug zugleich zur Festigung und gesellschaftlichen Anerkennung zentraler Werte und Normen des Bürgertums bei. Auch die Herzog August Bibliothek versteht sich heute als Akteurin der Kultur- und Bildungsförderung und engagiert sich für Teilhabe und Gleichstellung. Der Anspruch, zu einer offenen Gemeinschaft beizutragen, setzt jedoch die kritische Reflexion der eigenen Voraussetzungen voraus. Die Beschäftigung mit Anna Vorwerk und Otto von Heinemann schärft den Blick, sowohl für historische Privilegien als auch für die Netzwerke, die solche Vorrechte ermöglichen, stabilisieren und weitergeben.

 

Quelle: Anna Vorwerk: o. T., in: Blätter aus dem Schlosse 1 (Oktober 1887), S. 2–7.

Titelbild: Albert Mirsalis: Porträt Anna Vorwerk, Wolfenbüttel, 1879 (HAB, Inv.-Nr. B 152)