Die Herzog August Bibliothek und die Gesellschaft der Freunde der HAB trauern um Manfred Flotho. Der langjährige Präsident des Oberlandesgerichts Braunschweig und Präsident der GdF verstarb im August 2021 in Wolfenbüttel.

Ein Nachruf von Dr. Sabine Solf

Manfred Flotho   1936 – 2021

„daz im recht mag frommen“ (aus dem Sachsenspiegel)

Das Jahr 2021 sollte für die Gesellschaft der Freunde der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel ein Jahr des Feierns sein: vor fünfzig Jahren, am 22. Mai 1971, wurde sie gegründet, u. a. auf Anregung des damaligen Ministerpräsidenten Alfred Kubel, unter der Leitung eines Mannes, der wissenschaftliche Leidenschaft und wirtschaftliches Denken miteinander verband: Dr. Kurt Lindner, Industrieller aus Bamberg, damals stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Hannover-Messe-AG und bedeutender, international anerkannter Jagdhistoriker und besessener, auf diesem Gebiet spezialisierter bibliophiler Sammler. Allein dadurch, daß sich die Pandemie mit ihren Verhaltensregelungen wie Mehltau über die ganze Gesellschaft legte, wurde Feiern im geselligen Kreise unmöglich gemacht.

Stattdessen aber trauert die Gesellschaft und mit ihr die Herzog August Bibliothek um ihren vierten Präsidenten Manfred Flotho, der am 21. August 2021 in Wolfenbüttel gestorben ist. Vor zwanzig Jahren, am 23. November 2001, wählte ihn die Mitgliederversammlung in der Augusteerhalle der Bibliothek zum Präsidenten, ein Amt, das er bis zum 19. November 2015 ausfüllte. Er konnte es übernehmen, weil er in seinem mit großem Erfolg gelebten Beruf als Jurist, zuletzt zehn Jahre lang als Präsident des Oberlandesgerichtes des Bezirks Braunschweig, die Altersgrenze erreicht hatte und nun in eine neue Lebensphase eintrat. Das Oberlandesgericht Braunschweig ist das kleinste und älteste in Niedersachsen und geht in seinem Ursprung auf das im 16. Jahrhundert eingerichtete Wolfenbütteler Hofgericht zurück. Manfred Flotho gelang es, ihm den Bezirk des Landgerichts Göttingen einzugliedern, ein Erfolg gegenüber dem konkurrierenden Oberlandesgericht Celle, der ihn mit Genugtuung erfüllte und im Übrigen die Existenz des Braunschweiger Gerichts sicherte.

Zur Gesellschaft der Freunde kam er zur rechten Zeit. Wenn er gedacht hatte, nach den Anspannungen des Richteramts in die entspannte Atmosphäre einer Bibliothek einzutauchen, so irrte er. Dies Ehrenamt war kein Nebenamt. Wegen eines geplanten Anbaus an das Hauptgebäude waren die Bibliothek und Wolfenbüttel im Aufruhr, der sogar nationale und internationale Wallungen hervorrief. Da war „der gerechte Richter“ (Lessing)   gefragt. Seine ruhige, abwägende Art, sein hoher juristischer Sachverstand und seine leicht ironische Freundlichkeit, hinter der sich unerschütterliche Wertvorstellungen verbargen, wirkten ausgleichend und beruhigten Aufgeregtheiten. Diese Eigenschaften mußten sich in seiner Amtszeit noch häufiger bewähren. Mit Paul Raabe, dem unermüdlichen Ideengeber und Improvisator, war er freundschaftlich verbunden. Er hatte sich dessen Vorstellung von der „bibliotheca illustris“ als Forschungsinstitution zu eigen gemacht, die seinem humanistisch geprägten Bildungsideal entsprach. Dennoch hat er die Auseinandersetzung mit ihm nicht gescheut, wenn es galt, unterschiedliche Meinungen auszugleichen, wofür Paul Raabe ihn sehr schätzte. Er hörte ihm zu.

Der Präsident der Gesellschaft der Freunde ist von Amts wegen Vorstandsvorsitzender der beiden nachwuchsfördernden Stiftungen, die zwei Ehrenmitglieder des Vorstands gegründet haben: Dr. Günther Findel und Ministerialdirigent a. D. Dr. h.c. Rolf Schneider. Beide durch den Krieg aus ihrer Heimat vertrieben – aus Schlesien der eine, aus Pommern der andere - , bauten in Niedersachsen ein neues Leben auf und erinnerten sich des Neubeginns. Manfred Flotho übernahm diese Aufgabe voller Neugier. Die auf den Beständen der Bibliothek basierenden Fragestellungen der Doktoranden aus den unterschiedlichsten – meist europäischen – Ländern faszinierten ihn, wobei er immer die zeitgemäße Relevanz oder die Anwendbarkeit auf unsere Zeit suchte, was mitunter zu kritischen Diskussionen mit den Mitgliedern des Auswahlausschusses führen konnte, Vertretern der rein wissenschaftlichen Forschung. Er genoß die Treffen mit den Stipendiaten im Anschluß an Auswahlsitzungen, anfangs im Restaurant des Leibnizhauses, später in der elegant restaurierten Küche des Anna-Vorwerk-Hauses.

Damit sind wir bei einem Thema, das die Gesellschaft der Freunde seit der Gründung des Forschungsprogramms im Januar 1975 begleitet: das Anna-Vorwerk-Haus am Schloßplatz als Zentrale des Stipendienprogramms, erster Anlaufpunkt, Orientierungsort für die Stipendiaten: seine Verwaltung, Erhalt, Restaurierung, Finanzierung. Die Aktenordner der Diskussionen, Entwürfe, Anträge füllen Regale, bis …. ein Antrag an die Wüstenrot-Stiftung in Stuttgart Erfolg hatte und die Restaurierung des Hauses von Grund auf in Angriff genommen werden konnte. Wer einmal damit befaßt war, ein denkmalgeschütztes Haus zu restaurieren, weiß, welche Unwägbarkeiten damit verbunden sind. Alle, die mit dem Stipendienprogramm zu tun hatten, waren gefordert; Manfred Flotho war die Galionsfigur, der „Frontmann“, der schließlich glücklich am 26. Juni 2013 das in neuem Glanz leuchtende alte Haus seinen Nutzern zurückgeben konnte.

Ein ungelöstes Problem, um nicht zu sagen, ein Geburtsfehler, des so erfolgreichen Stipendienprogramms, das auch bei der Evaluierung der Bibliothek durch die Wissenschaftliche Kommission Niedersachsen als Kern und Wesensbestimmung der Bibliothek betont wurde, ist die Unterbringung der Gäste. Es ist hier nicht der Ort darzulegen, wie es dazu kam, daß die Gesellschaft der Freunde die Verwaltung der beiden Gästehäuser übernehmen mußte. Auch hier bemühte sich der Präsident Manfred Flotho um Lösungen, ohne jedoch bei der Landesregierung Unterstützung zu finden. Es ist und bleibt ein untragbarer Zustand, daß eine ehrenamtlich arbeitende private Gesellschaft eine Landesaufgabe wahrnimmt.

Ein Herzensanliegen waren ihm die Schülerseminare, die Schulklassen in Begleitung ihrer Lehrer in die Arbeitsmöglichkeiten der Bibliothek einführen und die Schüler zu selbständigem Recherchieren anleiten. Besonders kämpfte er für die Erhaltung des Austausches mit Weimar. Hier war seine Partnerin Annette Seemann, die Vorsitzende der Freundesgesellschaft der Herzogin Anna Amalia Bibliothek, mit der die Herzog August Bibliothek über Jahre und politische Systeme hinweg in vielfachen Programmen partnerschaftlich verbunden ist.

Er ist ein Kind des Zonenrandgebietes. Die Öffnung der deutsch-deutschen Grenze gehörte zu den überwältigenden Erlebnissen seines Lebens. In Schladen am Harz, dessen Geschichte eng mit der ottonischen Kaiserpfalz Werla verbunden ist, am 28. August 1936 geboren, fühlte er sich Niedersachsen verbunden und setzte sich immer wieder besonders für die Geschichte und Kultur des alten Landes Braunschweig ein. Sein Engagement für die Helmstedter Universitätstage und das Juleum, diesen außergewöhnlichen Bau der Weserrernaissance, erklärt sich gewiß aus dem Wunsch nach auch geistiger Wiederbelebung dieses Landstrichs und den Anschluß an seine Geschichte, die unmittelbar mit der Geschichte der Herzog August Bibliothek verbunden ist.

Anders als seine drei Vorgänger im Präsidentenamt war er ein Bürger der Stadt Wolfenbüttel, der die wöchentlichen Verpflichtungen im Rotary-Club genauso ernst nahm wie die Freitagstreffen seines Tennisclubs. Er war tief verwurzelt in der Stadt, für deren Belange er sich einsetzte, nicht ohne auch konstruktive Kritik zu üben, wenn es darum ging, seinen Anspruch an das kulturelle Profil der historischen Stadt zu vertreten. So konnte er die Mitglieder der Gesellschaft, die im weiteren Umkreis von Wolfenbüttel leben, in besonderer Weise aktivieren. Kraft seiner Persönlichkeit, seiner Menschlichkeit und seiner Überzeugungen schuf er innerhalb der weit verstreuen über 700 Mitglieder gleichsam einen inneren Kreis, der mit Begeisterung an den Veranstaltungen und den von ihm liebevoll geplanten Reisen teilnehmen konnte. Vor allem bei den Reisen, die meist in Bibliotheken endeten, die mit der Herzog August Bibliothek verbunden waren, entfaltete sich der ganze Charme, den er ausstrahlen konnte, wenn er z. B. abends nach dem Abendessen den Tag damit beschloß, literarische Texte vorzulesen, die im Zusammenhang mit dem Thema der Reise standen. Nicht nur dabei war immer seine Frau an seiner Seite, die ihm in besonderer Weise sekundieren konnte, da sie, lange bevor er Präsident der Gesellschaft wurde, zu den Gründungsmitgliedern der „Bibliothessen“ der Herzog August Bibliothek gehörte, einer Gruppe von ehrenamtlich wirkenden Damen, die nach dem Muster der „docents“ der amerikanischen Partnerbibliotheken durch die Bibliothek führen und ihre Ziele und Programme vermitteln.

Er nahm regen Anteil am Leben der Bibliothek, nahm, wann immer möglich, Teil an deren öffentlichen Veranstaltungen und identifizierte sich mit deren Themen. So fand er einen neuen persönlichen Zugang zur Rechtsgeschichte, als die illuminierten Handschriften des Sachsenspiegels in der Bibliothek ausgestellt waren, deren Restaurierungswerkstatt die im Krieg durch Wassereinwirkung schwer geschädigte Dresdner Handschrift wieder lesbar gemacht hatte (das begann damals noch als eine deutsch-deutsche Zusammenarbeit über die Grenze hinweg).

Sein Kulturverständnis, seine Liebe zur Musik, zur Literatur, zu den bildenden Künsten, sein Interesse an Menschen und ihren Geschichten ließen ihn sich in der Bibliothek zu Hause fühlen. Bei den Veranstaltungen war er in der Augusteerhalle eine Präsenz, die im Mittelpunkt stand; man identifizierte ihn nicht mehr in erster Linie als Präsident a. D. des OLG Braunschweig, sondern als Präsident der GdF der HAB Wolfenbüttel. Er fehlt. Die Gesellschaft der Freunde und die Herzog August Bibliothek bleiben ihm in Dankbarkeit und Hochachtung verbunden.

Prof. Dr. Peter Burschel, Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel
Dr. Sabine Solf, Gesellschaft der Freunde der HAB
Dr. Ulf Kapahnke, Gesellschaft der Freunde der HAB

Dr. Günther Findel-Stiftung:

Förderung der Wissenschaften durch die Gewährung von Stipendien an akademische Nachwuchskräfte, die während der Förderdauer die Herzog August Bibliothek zum Mittelpunkt ihrer Forschungsaufgabe machen.

Dem Kuratorium gehören an: Dr. Gillian Bepler (Wolfenbüttel); Dr. Katharina Biegger (Berlin); Professor Dr. Peter Burschel (Wolfenbüttel); Dr. Ulf Kapahnke (Wolfenbüttel); Professor Dr. Alexander Košenina (Hannover); Florian Rehm (Wolfenbüttel); Professor Dr. Thomas Scharff (Braunschweig); York Steifensand (Braunschweig); Ehrenmitglied: Dr. Sabine Solf (Wolfenbüttel).

Das Kuratorium wird durch einen Auswahlausschuss beraten: Dr. Katharina Biegger (Berlin); als Geschäftsführerin, Dr. Elizabeth Harding (Wolfenbüttel); als Vorsitzender, Professor Dr. Alexander Košenina (Hannover); Professor Dr. Thomas Scharff (Braunschweig).

 

Rolf und Ursula Schneider-Stiftung:

Förderung der Geschichtswissenschaften durch die Gewährung von Stipendien an akademische Nachwuchskräfte, die während der Förderungsdauer die Herzog August Bibliothek zum Mittelpunkt ihrer Forschungsaufgabe machen.

Dem Kuratorium gehören an: Dr. Gillian Bepler (Wolfenbüttel); Dr. Katharina Biegger (Berlin); Professor Dr. Peter Burschel (Wolfenbüttel); Dr. Ulf Kapahnke (Wolfenbüttel); Professor Dr. Alexander Košenina (Hannover); Florian Rehm (Wolfenbüttel); Professor Dr. Thomas Scharff (Braunschweig); York Steifensand (Braunschweig); Ehrenmitglied: Dr. Sabine Solf (Wolfenbüttel).

Das Kuratorium wird durch einen Auswahlausschuss beraten: Dr. Katharina Biegger (Berlin); als Geschäftsführerin, Dr. Elizabeth Harding (Wolfenbüttel); als Vorsitzender, Professor Dr. Alexander Košenina (Hannover); Professor Dr. Thomas Scharff (Braunschweig).

 

Van Runset-Stiftung:

Förderung der Aufklärungsforschung an der Herzog August Bibliothek unter besonderer Berücksichtigung der französischen Aufklärung.

Dem Kuratorium gehören an: Dr. Gabriele Ball (Göttingen); Dr. Gillian Bepler (Wolfenbüttel); Professor Dr. Peter Burschel (Wolfenbüttel); Dr. Ulf Kapahnke (Wolfenbüttel); Stefan Riecher (Braunschweig).

 

Familie Wittchow-Aschoff-Stiftung:

finanzielle Unterstützung der Herzog August Bibliothek beim Ankauf, der Rekonstruktion und der Erhaltung alter und kostbarer Bücher und Landkarten.

Dem Vorstand der Stiftung gehören an: Professor Dr. Peter Burschel (Wolfenbüttel); Sarah Janke (Wolfenbüttel); Dr. Ulf Kapahnke (Wolfenbüttel); Stefan Riecher (Braunschweig).

 

Anneliese Speith-Stiftung:

Förderung des Erhalts der kostbaren Buch- und Handschriftenbestände.

Dem Vorstand der Stiftung gehören an: Professor Dr. Peter Burschel (Wolfenbüttel); Dr. Christian Heitzmann (Wolfenbüttel); Dr. Ulf Kapahnke (Wolfenbüttel); Stefan Riecher (Braunschweig).

 

Dauer-Gedächtnis-Stiftung:

Förderung von Gedächtniskonzerten, deren musikalisches Repertoire vor 1914 komponiert wurde.

Dem Kuratorium gehören an: Professor Dr. Peter Burschel (Wolfenbüttel); Antje Dauer (Braunschweig); Christopher Dauer (Eslohe); Sarah Janke (Wolfenbüttel); Dr. Ulf Kapahnke (Wolfenbüttel).

 


Weitere Unterstützung erfährt die Bibliothek durch ihre Freundeskreise:

 

Gesellschaft der Freunde der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel e. V. (GdF):

Mehr Informationen zur GdF finden Sie hier.

American Friends of the Herzog August Bibliothek:

The aim of the society is to support the work of the library and encourage use of its resources, especially among early career researchers from the US. The IRS requires the group to aid the HAB by spending the money gathered through memberships and gifts on the library's behalf in the United States.

Membership: Annual board meetings of the AFHAB take place each fall during the Sixteenth Century Studies Conference. Comments and suggestions are invited at any time. You can send an e-mail to any of the officers of the society. Annual membership dues are $ 50, though larger gifts are also welcome and very gratefully received. All memberships and gifts are fully tax-deductible and should be sent to American Friends of the HAB, Professor Lynne Tatlock, Washington University, Department of German, Box 1104, St Louis, MO 63130-4899, USA using our membership form. Apart from the tax credit, benefits to members include: regular information about the Library and its facilities and a 25% reduction in price on most of the Herzog August Bibliothek's scholarly publications. We hope that many more American scholars and visitors to the Library will become members of this society and give their support to the important work which the collections of the HAB make possible.

In the download area on the right (see above) you can find a number of relevant documents from the society.

 


Zusammen mit den Stiftungen bietet die Herzog August Bibliothek für Doktorand*innen verschiedene Fördermöglichkeiten für die wissenschaftliche Arbeit mit den Bibliotheksbeständen an. Mehr...