Der Forschungsverbund »Nützliche Bibliotheken« untersucht die Transformation repräsentativer Büchersammlungen in Einrichtungen der wissenschaftlichen Dienstleistung während des »langen 18. Jahrhunderts«. Das Ziel des in drei Teilprojekte gegliederten Verbunds besteht in der Erschließung und Analyse von Wissenstechniken der Bibliothek und der ihnen zugrundeliegenden Rationalität vor dem Hintergrund des zeittypischen Nützlichkeitsparadigmas und der damit verbundenen Erkenntnisinteressen. Untersucht werden sollen die großen und kleinen Wissenstechniken der Bibliothek, also all jene teils traditionellen, teils innovativen Verfahren, die auf die eine oder andere Weise die Informationsversorgung einer zunehmend heterogenen Nutzerschaft regelten.

Den Kern des Verbunds bilden mit der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel, der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek – Niedersächsische Landesbibliothek in Hannover und der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen drei historisch bedeutende Bibliotheken, die sich in Bestand, Struktur und Funktion zwar deutlich voneinander unterscheiden, zugleich aber territorial, dynastisch und institutionengeschichtlich eng miteinander verbunden waren. Alle drei Bibliotheken verfügen über einen außergewöhnlich dichten Bestand an Quellen zur bibliothekarischen Arbeit und den institutionellen Abläufen im 18. Jahrhundert. Diese besondere Situation erlaubt eine komparative Forschungsperspektive, in der wissenstechnische Entwicklungen in ihren lokalen Bedingungen erkennbar werden.

Gegenstand der Teilprojekte sind Praktiken, Akteure und Bestände, die im 18. Jahrhundert an der Konstitution spezifischer Wissensräume in den jeweiligen Bibliotheken beteiligt waren. Zu untersuchen sind relevante Tendenzen der Automatisierung und Standardisierung von Verfahren der Beschaffung, Bereitstellung und Verknüpfung von Informationen als Teil der Transformation von Bibliotheken zu Zentren neuzeitlichen Wissensmanagements – und wie diese sich zu den epistemischen Idealen der Aufklärungsbewegung sowie deren Realisierungen in den unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen verhielten. Dabei soll die intensive Quellenarbeit auch zur kritischen Revision etablierter wissens- und wissenschaftshistorischer Narrative beitragen.

Teilprojekt 1 (Wolfenbüttel): »Norm und Nutzen: Transformationen gelehrter Wissenspraktiken in der Wolfenbütteler Hofbibliothek im 18. Jahrhundert«

Das an der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel (HAB) situierte Teilprojekt soll die Nutzungspraxis der Bibliothek herausarbeiten. Dabei ist zu betrachten, wie sich die Wissenstechniken der Bibliothek zu den Arbeitstechniken ihrer Nutzer*innen verhielten. So ist etwa nach Momenten der Abstimmung und Anpassung wie auch des Konfligierens zu fragen. Zu unterscheiden ist in diesem Zusammenhang zwischen den in Bibliotheksordnungen formulierten Regeln der Benutzung und den tatsächlichen Praktiken, die diese Regeln (vom Personal übersehen oder geduldet) mitunter eigensinnig auslegten oder unterliefen. Durch diese und andere Perspektiven werden die Anpassungsdynamiken der wissenstechnischen Infrastruktur greifbar, die langfristig die bibliothekarische Praxis modellieren. So ist etwa in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine zunehmende Liberalität der Ausleihpolitik erkennbar: Bücher und Handschriften konnten über die Stadtgrenzen Wolfenbüttels entliehen werden. Erste Überlegungen zur Transformation der Hofbibliothek in eine ›historische Bibliothek‹ entstanden als Reaktion auf die Gründung der Göttinger Universität und deren Bibliothek. Zugleich veränderte sich die Zusammensetzung der Gruppe der Nutzer*innen durch internationale Studenten aus Göttingen. Entsprechend sind auch mögliche Folgen der von diesem Personenkreis ausgehenden Ansprüche an die Funktionalität der bibliothekarischen Infrastruktur zu berücksichtigen.

Als Quellengrundlage für die Erforschung der Nutzungspraxis und der ihr zugrundeliegenden Prinzipien bietet sich neben den Instruktionen vor allem der erhaltene bibliothekarische Briefwechsel an. Die HAB besitzt viele Akten des dienstlichen Briefverkehrs, von dem zu erwarten ist, dass er vertiefte Einblicke in den Arbeitsalltag gewährt, in seiner Gesamtheit aber auch einen Eindruck von den Anforderungen des Transformationsprozesses im Untersuchungszeitraum vermittelt. Weiterhin sind Besucher- und Ausleihbücher sowie der Bestand an Leihscheinen und Quittungen einzubeziehen, um die für den Untersuchungszeitraum typischen Nutzer*innengruppen und deren fachliche Zugehörigkeit zu identifizieren. In der HAB sind die Ausleihbücher seit 1664 erhalten und wurden in einer modernen Edition vorgelegt. Diese geben Auskunft über das Ausleihverhalten der Angehörigen des Hofes und der Stadtbürger. Über die auswärtigen Besucher*innen und Benutzer*innen informiert das seit 1667 durchgängig geführte Gästebuch, das neuerdings auch digitalisiert vorliegt. Weiterhin sind Selbstzeugnisse, Briefe sowie Reiseberichte in Hinblick auf die Nutzung bibliothekarischer Wissenstechniken sowie deren materielle Umstände auszuwerten. Dabei soll ein besonderes Augenmerk auf der Kritik an Bibliotheken und ihrem Personal liegen, insofern daraus gleichermaßen Aufschlüsse über Ideale und konkrete Nutzungsszenarien zu gewinnen sind.

In der Projektlaufzeit soll eine Qualifikationsschrift (Dissertation) oder eine vergleichbare wissenschaftliche Forschungsarbeit entstehen. Der inhaltliche Austausch der Mitarbeiter*innen der drei Teilprojekte wird durch regelmäßige Treffen sowie jährliche Arbeitsgespräche (Workshops) gefördert. In der Mitte der Förderphase soll eine internationale Tagung stattfinden. Zum Ende der Laufzeit sollen Ergebnisse in Form einer Ausstellung präsentiert werden. Der/die Wissenschaftliche Mitarbeiter*in im Teilprojekt wird in seiner/ihrer Tätigkeit von einer Wissenschaftlichen Hilfskraft sowie Fachpersonal unterstützt. Die wissenschaftliche Betreuung wird durch die Mitglieder der Verbundarbeitsgruppe sowie die Kooperationspartner des Forschungsverbunds gewährleistet.

 

Finanzierung durch: Gefördert vom Land Niedersachsen im Rahmen des Förderprogramms zukunft.niedersachsen

Laufzeit: 1. Juli 2026 – 30. Juni 2030

Beteiligte Personen (Projektbeteiligte):

Georg-August-Universität Göttingen

Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen

Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek – Niedersächsische Landesbibliothek Hannover

Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel

 

Titelbild: Der Unpartheyische Bibliothecarius 1 (1713), Frontispiz. HAB: M: Ea 72.