Dr. Leonard Polonsky sieht in der Digitalisierung die einzigartige Chance, wertvolle, historisch bedeutende Schriftstücke vor dem Verfall oder einer Zerstörung zu schützen, während sie gleichzeitig frei zugänglich gemacht werden: „Digitization enables us to secure all of this material and of course make it broadly available. It’s an opportunity you can’t resist“. Mit diesem Ziel wurden im ersten Jahr des Projekts in der HAB bereits etwa 60 Handschriften aus niedersächsischen Klöstern digitalisiert, von denen 34 auf der Webseite des Projekts schon heute öffentlich zugänglich sind.

Ein besonders schmuckreiches Beispiel hierfür ist das Missale Cod. Guelf. 35 Helmst. aus dem Lüchtenhof, dem Haus der Hildesheimer Fraterherren (s.o.). Dieses Messbuch aus dem Jahre 1462 wurde von den Fraterherren für den Eigengebrauch im Lüchtenhof hergestellt, wie ein Eintrag auf der Innenseite des Vorderdeckels belegt. Die hohen Kosten für diese Pergamenthandschrift wurden wahrscheinlich von Henning von Reden und seiner Ehefrau Ilse Barner gestiftet, deren kniende Figuren samt Wappen unter dem Kanonbild dargestellt sind. Die Familie von Reden zählte zum niedersächsischen Uradel und ihre Mitglieder spielten im Bistum Hildesheim eine bedeutende Rolle.

Neben elf Initialen mit Miniaturen- und Goldschmuck ist dieses Kanonbild die künstlerisch anspruchsvollste Seite in dem Codex. Es zeigt, wie üblich, Maria und Johannes unter dem Kreuz Christi. Der Rahmen ist durch die Symbole der vier Evangelisten geschmückt und das Bild leitet zum eucharistischen Hochgebet über, mit dem der Priester den Opfertod Christi in der Messfeier vergegenwärtigt.

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Fol. 128r des Missale Cod. Guelf. 35 Helmst.

Eine Initiale schmückt den Textanfang auf der gegenüberliegenden Seite, auf der eine Geschichte aus dem Buch Exodus dargestellt ist: Mose lässt eine eherne Schlange aufhängen, die das Volk Israel in der Wüste vor den Bissen von Giftschlangen schützen soll. Die mittelalterliche Bibelauslegung sah darin eine prophetische Andeutung auf die erlösende Kraft des Kreuzes.

Alle 529 Aufnahmen der Blätter dieser Handschrift sind auf der Webseite des Projekts in extrem hoher Auflösung anzusehen.

Die Digitalisierung von Handschriften wie dieser ermöglicht einer breiten Öffentlichkeit den Zugang zu wertvollem Kulturgut und ergänzt gleichzeitig die Forschung der HAB an den Beständen niedersächsischer Klosterbibliotheken des späten Mittelalters. In den kommenden Monaten werden wir an dieser Stelle weiter über den Fortgang des Projekts berichten.

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