20. Oktober 2023

 

Immerhin bedingt das Material den Gegenstand und beim Buch die Grenze zwischen Buchrealität und einer außerhalb des Buches befindlichen Realität. Als konstitutiv für den Buchkörper ist folglich die Wahl des Materials als ebenso bedeutsam zu erachten wie die Gestaltung des Buches, die Strukturierung der Seitensequenzen und das Zusammenspiel von Text und Bild. Bereits die Differenzierung nach Bild- und Textbänden zeigt, dass die Abstimmung der Darstellung mit dem Papier von Belang ist. Bilder erscheinen auf gestrichenen Papieren, also solchen, bei denen der Pulp – das Gemisch aus Wasser und Fasern – durch eine nachträgliche Beschichtung zurückgedrängt wird, prägnanter, Details erscheinen schärfer und klarer. Bei Vorherrschen von Text hingegen stört zu glattes Papier, weil es Reflexe hervorbringt, die den Lesefluss stören. Angesichts der Auswirkungen, die allein die Qualität des Papiers zeigt, wird deutlich welche Ausmaße materielle Eigenschaften haben. Im Einzelfall stimulieren sie über den Sehsinn hinaus weitere Sinne. Nicht zuletzt wird in Literatur und Popkultur immer wieder an den Geruch erinnert, der von Büchern ausgehen kann und der – wie in der vielzitierten Episode des Genusses eines Madelaines bei Marcel Proust – tiefliegende Erinnerungen wecken kann. Ähnlich verhält es sich mit Klängen. Auch diese wecken Erinnerungen und rufen Assoziationen hervor und so verwundert es nicht, wenn sich das Künstlerbuch auch seiner klanglichen Qualitäten besinnt, die wiederum das Material hervorbringt.

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Robbin Ami Silverberg: Rondo (2009)

Der Buchraum als Klangraum

Robbin Ami Silverbergs Buch Rondo (2009) ist gezielt auf akustische Wirkung hin angelegt. Dem Buch liegt eine der sogenannten Ein-Minuten-Geschichten von István Örkény zugrunde. In diesen erstmals 1967 veröffentlichten Kurzgeschichten erfasst Örkény augenblickshafte Episoden des Alltags, deren Banalität er wortgewaltig aufbricht. So auch die Tätigkeit der Schreibkraft Mrs. Wolf, deren Eintönigkeit lautmalerisch durch Wortwiederholungen in ein Klangwerk überhöht wird, das unmittelbar Resonanz in der Gestaltung von Silverberg erfährt. Zur Inszenierung über die Seiten hin wählt Silverberg verschiedene Papiersorten, deren jede beim Umblättern ein eigenes Geräusch verursacht. Da Silverberg, um den Wiederholungen typografisch zu entsprechen, den Text über viele Seiten streckt, werden die Rezipient*innen bei der Lektüre unweigerlich in den Klangraum des Buches einbezogen und bald mehr von dem Rascheln und Knistern des Papieres gefangen genommen als von dem, was sich vor ihren Augen ereignet. Das Klappern der Schreibmaschinentasten, das zunächst in der Typografie sein visuelles Äquivalent findet, scheint sich bald ganz auf den akustischen Sinn zu verlagern – und das umso mehr, als auch die Künstlerin die unmittelbare akustische Erfahrung mitbedenkt, indem sie András Dés zu einer Klangperformance einlädt, die letzterer einzig mit den Papieren ihres Buches ausführt. Die Klangspur fügt Silverberg schließlich ergänzend ihrer Arbeit auf einer DVD bei.

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Robbin Ami Silverberg: Rondo (2009)

Oberflächenstruktur als organischer Raum

Doch keineswegs muss sich die Materialsprache immer lautlich äußern. Gerade beim Künstlerbuch verbinden sich materialsprachliche Komponenten weit mehr mit visuellen und haptischen Erfahrungen. Doch auch hier zielen die Eigenschaften des Materials auf eine Vermittlung, die über das Offensichtliche hinausgeht. Die Wirkung ist umso verblüffender, je einfacher die Mittel sind.

Wirksam wird sie bei dem von Frauke Otto konzipierten Buch Der Panther (1999) nach dem Gedicht Rainer Maria Rilkes, das ob dieses Bezugs schnell an ein bibliophiles Buch denken lässt. Dies ist es zwar auf seine Weise – durch die Wahl des Materials bricht es aber zugleich sichtbar mit der Bibliophilentradition. Verwendet werden nämlich gebrauchte Teefilter, deren Spuren ein fleckiges Muster entstehen lassen. Sie nun bewirken eine verblüffende Raumwirkung, die sich beim Blättern mehr und mehr gegen die Gleichförmigkeit der Seiten durchsetzt, um schließlich dem Eindruck von Bewegung zu weichen. Ausgelöst wird diese Sensation durch eine weitere Struktur, die sich über die unregelmäßigen Teeflecken legt. Es sind die Kanten, an denen die einzelnen Teefilter aneinanderstoßen. Sie formieren sich zu Gitterstäben, hinter denen sich der Panther auf und ab bewegt. Auch wenn das Tier selbst an keiner Stelle in Erscheinung tritt, ist es in den beiden sich überlagernden unterschiedlichen Strukturen gegenwärtig. Die Gitterstäbe des Käfigs, die faktisch durch das Raster der Papiere gegeben sind, werden zur Schwelle, an der zwei Welten aufeinandertreffen, ohne sich zu verbinden. Wo das Material einen den Realraum des Werkes erweiternden Klangraum schuf, entsteht eine räumliche Grenze, die den Betrachter*innen ihre ambivalente Rolle als Teilhaber und Betrachter am Werk verdeutlicht.

Beide Beispiele zeigen, wie sich Material sinnstiftend in die Gesamtaussage einbringt und damit nochmals unterstrichen wird, wie sehr beim Künstlerbuch die einzelnen Komponenten einen unauflösbaren Zusammenhang bedingen.


Titelbild: Robbin Ami Silverberg: Rondo (2009)


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Die Autorin

Viola Hildebrand-Schat ist freie Kunsthistorikerin. In ihrer Forschungstätigkeit widmet sie sich dem Künstlerbuch, was sie von Februar bis Mai 2023 mit einer Förderung des Landes Niedersachsen an die Herzog August Bibliothek führte. Zudem ist sie als apl. Professorin an der Goethe-Universität Frankfurt am Main tätig.

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