16. Februar 2024

In der für ihn charakteristischen Ästhetik widmet sich Kai Pfankuch auf 144 Buchseiten Themen wie Bewegung, Anatomie, Medizin, Maschinen, Mathematik, Kombinatorik, Unendlichkeit, Zeichen, Schauspiel, Schaulust, Alchemie, Mystik, Mensch, Natur und Herrschaft. Verbunden und durchgängig begleitet werden diese Themen durch den französischen Text der Monadologie, der Einteilung der Welt in einzelne Einheiten, von Gottfried Wilhelm Leibniz. Die Tiefe der zusammengetragenen Inhalte und der dargestellten Motive in „Theatrum Mundi“ erschließt sich erst beim genauen Hinsehen. Wir haben nicht nur hingeschaut, sondern auch nachgefragt:

 

HAB: Wie entstand die Idee zum Buch und wann ist Ihnen das Thema Leibniz begegnet?

Kai Pfankuch: Ein Freund bat mich, seine wissenschaftliche Arbeit über den Naturbegriff in der Philosophie von der Antike bis in die Gegenwart zu lesen. Dies weckte mein Interesse an diesem Thema für ein neues Künstlerbuch. Die Zeit des Barock sparte er aus, was mich neugierig auf die entsprechenden Anschauungen dieser Epoche machte. Bei Leibniz fand ich in seiner Monadologie einen klar umrissenen und für seine Zeit fortschrittlichen Naturbegriff. Leibniz, den ich vorher in erster Linie als Mathematiker und weniger als Philosoph wahrgenommen hatte, faszinierte mich, sodass ich beschloss, von ihm auszugehen. Die weiteren Recherchen führten mich nach Wolfenbüttel, wo ich eine große Fülle von Material zusammentragen konnte.

 

HAB: Was hat Sie bei Ihrer umfangreichen Recherche zum 17. Jahrhundert am meisten überrascht, was war die spannendste Erkenntnis?

Kai Pfankuch: Vor allem hat mich die ungeheure Vielfalt wissenschaftlicher und technischer Erkenntnisse des Zeitalters des Barock überrascht, das ich bislang eher mit überbordendem Dekor assoziiert hatte. Im Bereich der Medizin und Anatomie faszinierte mich die fast manische Besessenheit, dem Geheimnis des Lebens, dem Zusammenhang von Körper und Geist und dem schwer zu fassenden Begriff der Seele auf die Spur zu kommen. Leibniz ist dabei der erste, der den Tieren eine Seele zuspricht, selbst den kleinsten wie der Fliege, die er als Beispiel für die unendliche Komplexität der Natur anführt. Der Unendlichkeitsbegriff, mathematisch wie philosophisch, nimmt in meinem Leibniz-Buch auch einen größeren Raum ein. Weiteres Faszinosum waren die bis dahin mir unbekannten barocken Maschinenbücher von Besson, de Caus, Ramellis und Leupold, die für das Künstlerbuch eine wichtige Inspirationsquelle darstellten. Spannend war ebenfalls, nach Weiterentwicklungen und Analogien der jeweiligen barocken Themen in den Folgezeiten zu suchen und sie aufzunehmen. Das Buch mündet in die symbolische Darstellung digitaler Herrschaft, zu der Leibniz mit der Einführung des binären Systems und der Infinitesimalrechnung einen wichtigen Beitrag geliefert hat.

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Doppelseite 68 aus „Theatrum Mundi: Leibniz‘ Geister“ von Kai Pfankuch

HAB: Die Idee der Wunderkammer diente Ihnen als Basisidee für das Buch. Können Sie das näher erläutern? Auch das Verfahren der Allegorie bezeichnen Sie als grundlegend für das Buch. Was hat es damit auf sich?

Kai Pfankuch: Eine äußerst große Fülle gesammelten Materials verlangt eine schlüssige und bündige Organisation, die über eine bloße Aneinanderreihung hinausreicht. In diesem Fall bot sich Leibniz‘ Idee einer Wunderkammer der Kunst und der Natur als roter Faden und Klammer an. Dieses Museum sollte seine Vorstellung einer prästabilierten Harmonie anschaulich machen und Erkenntnisse vermitteln. So mutet das Buch wie ein Gang durch ein Museum an. Die Allegorie ist nicht nur eine Personifizierung abstrakter Begriffe, sondern darüber hinaus durch eine bestimmte Kombination von Zeichen und Dingen mit Verweischarakter die Generierung eines Sinnes, die einem verdeckten Text folgt. Die Allegorie ist somit Stückwerk, deren Bedeutung den einzelnen Teilen nicht zukommt. Analog hierzu verfahre ich in meinen Büchern mit der Intention, aus der spezifischen Zusammenstellung von Materialien im besten Fall neue Perspektiven zu eröffnen. Darüber hinaus füge ich allegorische Zeichnungen ein, wie zum Beispiel die durch das geschlossene Fenster nach dem vorbeifliegenden Vogel greifende Hand: eine Versinnbildlichung der obsessiven Suche nach dem Sitz des Lebens bei den barocken Anatomen und Medizinern.

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Doppelseite 46 aus „Theatrum Mundi: Leibniz‘ Geister“ von Kai Pfankuch

HAB: Das Buch hat 144 Seiten, bestehend aus 12 Buchlagen, die jeweils unterschiedlichen Begriffen und Themen gewidmet sind. Was gibt da die Buchstruktur vor – der formale Aufbau oder der Inhalt? Wie ist Ihre Vorgehensweise bei der Auswahl des Materials und dessen Anordnung?

Kai Pfankuch: Die Anordnung der verschiedenen Themen und Begriffe folgt deren innerem Zusammenhang. Beginnend mit einem zentralen Gegenstand philosophischen Interesses des Barock, der Bewegung, die nach ihren inhaltlichen Aspekten aufgeschlüsselt wird, ergibt sich so eine assoziative Kette ausgewählter Bereiche. Jeder Bereich enthält im Ansatz schon den folgenden, wodurch sich fließende Übergänge und keine harten Zäsuren ergeben.
Die Auswahl des im Einzelnen zugeordneten Materials richtet sich im Wesentlichen nach dem Bestreben, ein möglichst dichtes atmosphärisches Bild des jeweiligen Themas zu erzielen.

 

HAB: Eine kleine, und doch sehr auffällige Besonderheit in diesem Buch sind die Vignetten, die Ausstanzungen aus dem Sternenhimmel zeigen. Was steckt dahinter? Darüber hinaus hat auch das binäre System eine wichtige Bedeutung – sowohl für Leibniz als auch für Sie – Sie nutzen es sogar zur Darstellung der Seitenzahlen. Können Sie das näher erläutern?

Kai Pfankuch: Die Vignetten sind vom in der Monadologie wiederholt gebrauchten Begriff der Entelechie geprägt, einem Synonym der Monade göttlichen Ursprungs, der alles entspringt. Die Entelechie ist die Form, die sich im Stofflichen realisiert. In den Vignetten öffnet sich so der Blick durch Ausschnitte von Formen des Lebendigen hindurch auf den Sternenhimmel als Sinnbild eines universellen Prinzips. Soweit möglich beziehen sich die Motive direkt auf den durchgehenden Text von Leibniz.

Da Leibniz das binäre System eingeführt hat, war es naheliegend, es für die Darstellung der Seitenziffern zu benutzen. Als Anspielung auf das in der Monadologie häufig betonte Göttliche habe ich die Nullen und Einsen nicht in Reihe geschrieben, sondern sie in Dreiecksform gebracht.

HAB: Sie sagen, der Mensch bilde in der digitalen Welt eine Leerstelle. Können Sie das weiter ausführen? Wie hängt das mit den Schriften Leibniz' zusammen? Geben diese für Sie noch wichtige Denkimpulse für die moderne Gesellschaft?

Kai Pfankuch: Bei dieser Aussage handelt es sich um den vorläufigen Ausdruck eines kulturellen Unbehagens gegenüber einer möglichen 'toten' Evolution von intelligenten Maschinen. Ihr seelenloses Wesen beruht auf unzähligen, sich selbst generierenden Rechen-Algorithmen. Bei der hochentwickelten KI handelt es sich um ein emergentes System, dessen Ergebnisse sich nicht genau vorhersagen lassen. Somit entsteht das Paradox der Verlustkontrolle in der Absicht des Menschen, mit der Maschine völlige Kontrolle auszuüben.
Leibniz' Vorstellung einer prästabilierten Harmonie [einer vorherbestimmten Einheit], die von Voltaire angesichts allen Übels in der Welt in seiner Candide spöttisch aufgegriffen wird, enthält aber durchaus einen Denkimpuls für unsere Zeit, die zerstörerisch mit den natürlichen Ressourcen umgeht. Eben zu begreifen, wie alles Lebendige miteinander zusammenhängt und damit die empfindlichen Regelkreise der Natur nicht unwiderruflich zu stören.

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Doppelseite 40 aus „Theatrum Mundi: Leibniz‘ Geister“ von Kai Pfankuch

Titelbild: Doppelseite 2 aus „Theatrum Mundi: Leibniz‘ Geister“ von Kai Pfankuch

PURL: http://diglib.hab.de/?link=181


Alexandra Serjogin

Serjogin war bis einschließlich 2023 stellvertrende Pressesprecherin der Herzog August Bibliothek. Gemeinsam mit Sarah Janke und Prof. Dr. Peter Burschel brachte sie 2023 mit „Der Rote Faden“ ein Buch zu den Künstlerbüchern der HAB heraus.

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