03.01.2022

Wir haben Dr. Sandra Simon und Dr. Sven Limbeck gefragt, wer eigentlich bestimmt, welche Bücher für die HAB angekauft werden und auf Basis welcher Kriterien diese Entscheidungen getroffen werden. Sandra Simon, Koordinatorin der Fachreferate, sagt:

„Die HAB ist eine Forschungsbibliothek mit Schwerpunkten in der Mittelalter- und Frühneuzeitforschung. Der Grundstock der Bibliothek ist der historische Bestand, der seit inzwischen fast 450 Jahren in Wolfenbüttel gepflegt und punktuell ergänzt wird. Für die Forschung an und mit den historischen Beständen wird ein großer Bestand an Forschungsliteratur bereitgestellt und stetig erweitert.

Für die Entscheidung, welche Medien für die HAB gekauft werden, sind Fachreferentinnen und Fachreferenten zuständig.

Fachreferent*innen sind Personen mit einem wissenschaftlichen Studienabschluss, die in der Regel über eine bibliothekarische Zusatzausbildung verfügen und für die Medienauswahl (Bücher, Zeitschriften, Datenbanken, E-Ressourcen) in der Bibliothek zuständig sind. In der HAB sind derzeit 17 Fachreferent*innen für 28 Fachreferate zuständig und werden von 13 Bibliothekar*innen in der Medienbearbeitung unterstützt. Die drei größten Fächer sind die Geschichte, die Germanistik sowie die Theologie.

Für ihre Entscheidungen, welche Medien gekauft werden sollen, stehen den Fachreferent*innen verschiedene Hilfsmittel zur Verfügung. Dies sind Bibliographien wie die Deutsche Nationalbibliographie und die British National Bibliography, Verlagsankündigungen, aber auch Neuerscheinungsverzeichnisse des Buchhandels, die auf das jeweilige Fachreferat zugeschnitten werden können. Darüber hinaus können Rezensionszeitschriften, social media sowie Mailinglisten von Fachgesellschaften die Fachreferatsarbeit zum einen im Hinblick auf Neuerscheinungen, zum anderen aber auch im Hinblick auf einen Überblick über aktuelle Forschungsthemen unterstützen. Des Weiteren wird die Fachreferatsarbeit durch Anschaffungswünsche der Nutzer*innen der HAB, die an gerichtet werden können, ergänzt.

Neben den genannten Hilfsmitteln orientieren sich die Fachreferent*innen bei ihren Entscheidungen an den allgemeinen Erwerbungskriterien der HAB, d.h. Medien mit Bezug zu den Sammelschwerpunkten in der Mittelalter- und Frühneuzeitforschung sowie dem 18. Jahrhundert werden möglichst umfassend erworben. Medien, die über diesen engen Zuschnitt hinausgehen, werden berücksichtigt, allerdings erfolgt hier eine strenge Auswahl.

Alle Fachreferent*innen entscheiden im Rahmen dieser allgemeinen sowie der für die eigenen Fächer fachspezifischen Erwerbungskriterien eigenständig über die Erwerbung von gedruckten und elektronischen Büchern. Über Erwerbungen, die Folgekosten nach sich ziehen, d.h. jährlich zu zahlende Lizenzgebühren bei Datenbanken oder Abonnementkosten bei Zeitschriften, entscheiden alle Fachreferent*innen gemeinsam.

Insgesamt wird der Bestand an Forschungsliteratur der HAB durch die kontinuierliche Fachreferatsarbeit jährlich um ca. 8.500 Bücher sowie einige Datenbanken und Zeitschriften erweitert.“


Sven Limbeck ist als Fachreferent unter anderem für das Fachreferat Musikwissenschaft zuständig.

Erwerbungen im Fach Musikwissenschaft sollen das Fach in seiner ganzen systematischen Breite und historischen Tiefe berücksichtigen.

„Die Herzog August Bibliothek ist eine Bibliothek mit einem bedeutenden musikalischen Altbestand. Er reicht bei den mittelalterlichen Handschriften bis an die frühesten Anfänge der Aufzeichnung von Musik zurück, umfasst einige der bedeutendsten Quellen der mittelalterlichen Polyphonie und verfügt nicht zuletzt über einzigartige Bestände bei frühbarocken Meistern wie Michael Praetorius und Heinrich Schütz. Daher liegt der Schwerpunkt bei der Forschungsliteratur natürlich auf der historischen Musikwissenschaft, die für das Mittelalter (einstimmige und mehrstimmige Musik) und die Frühe Neuzeit (insbesondere die evangelische Kirchenmusik, die Vokalpolyphonie, das ganze Barockzeitalter, die Oper bis zur Vorklassik) auch in ihrer Internationalität möglichst vollständig vorhanden sein sollte. Bei den systematischen Teildisziplinen, etwa Notationskunde, Musiktheorie, Instrumentenkunde oder Genderforschung, gilt Entsprechendes.

Umgekehrt spielt beispielsweise die musiksoziologische oder -pädagogische Literatur, wenn sie keine historische Ausrichtung hat, für uns kaum eine Rolle. Grundlagenwerke (Nachschlagewerke, Handbücher, Biographien, grundlegende musikanalytische und kulturwissenschaftliche Monographien und Sammelbände) werden in möglichster Breite auch für die jüngere Musikgeschichte,  d h. zu Komponist*innen vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, angeschafft. Hierzu zählen etwa auch ausgewählte Titel über Jazz und populäre Musik (z. B. Bob Dylan, David Bowie u.a.) oder Rezeptionsphänomene – wer sich mit dem Nachleben der deutschen Literatur des Mittelalters beschäftigt, braucht irgendwann die Literatur über Richard Wagner…

Notenausgaben zählen zu den wichtigsten Quellen sowohl des praktischen Musizierens wie auch der musikwissenschaftlichen Forschung. Wir beziehen deshalb die historisch-kritischen Gesamtausgaben der musikalischen Überlieferung des europäischen Mittelalters, die Editionscorpora und Werkausgaben der Komponisten des 16. bis 18. Jahrhunderts vollständig sowie eine Auswahl vieler bedeutender Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts. Musikpraktische Ausgaben finden insbesondere dann Berücksichtigung, wenn kritische Ausgaben ganz fehlen oder ihnen Quellen der Herzog August Bibliothek zugrunde liegen.“