15. Oktober 2026

Insbesondere der Pommersche Kunstschrank (1611–1617, Abb. 1) gelangte zu einiger Berühmtheit. Hainhofer hatte das Möbel 1617 selbst bei seinem Auftraggeber Herzog Philipp II. von Pommern-Stettin abgeliefert und darüber einen ausführlichen Reisebericht verfasst.

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Abb. 1: Pommerscher Kunstschrank, 1611–1617, 1945 zerstört, aus: Julius Lessing und Adolf Brüning (Hrsg.): Der Pommersche Kunstschrank. Kgl. Kunstgewerbe-Museum, Berlin 1905

Im Rahmen der seit 2020 an der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel erscheinenden digitalen Edition der Reiseberichte konnte jetzt ein Notenkonvolut im Anhang zu diesem Stettiner Reisebericht zugänglich gemacht werden, das für die musikwissenschaftliche Forschung einige Überraschungen bereithält, da es noch nicht verzeichnet und transkribiert ist.

Die Sammlung von Notenblättern hat bisher nur wenig Aufmerksamkeit erfahren. Lediglich in der grundlegenden Studie von Joachim Lüdtke zu Hainhofers Lautenbüchern findet sie kurze Erwähnung. Lüdtke führt die Komponistennamen auf und erwähnt die Vielsprachigkeit der Zusammenstellung, verzichtet jedoch auf ein Inventar. Die Kompositionen wurden weder im maßgeblichen Fachportal Répertoire International des Sources Musicales (RISM) verzeichnet noch in der musikwissenschaftlichen Forschung zur Kenntnis genommen. Nun sind sie im Hainhofer-Portal erstmals digital zugänglich.

Es handelt sich um einen wahren kulturhistorischen Schatz: Huldigungskompositionen sind in dieser Konzentration in einem Manuskript selten überliefert. Sie geben nicht nur Einblick in die musikalische Selbstinszenierung des kunstsinnigen Agenten Hainhofer, sondern lassen auch erahnen, wie selbstverständlich städtische und höfische Musiker in die diplomatischen Netzwerke der Zeit um 1600 eingebunden waren.

Bislang konnte lediglich eine Parallelüberlieferung festgestellt werden: Das erste Stück, Auxilium meum a Domino, von Christoph Stecher, ist in einer Augsburger Handschrift enthalten, die heute in der Staatsbibliothek in Berlin aufbewahrt wird (Mus. ms. 40028). Wir müssen also davon ausgehen, dass es sich bei den insgesamt 25 Stücken (elf davon sind kurze Kanons) weitgehend um Unica handelt. Textlich basieren viele – aber nicht alle – Sätze auf Gedichten, die 1617 in den in Augsburg gedruckten Carmina gratulatoria abgedruckt wurden. Diese Sammlung wurde anlässlich der Reise Hainhofers nach Stettin 1617 erstellt und ist in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel im selben Band eingebunden, der auch die Kompositionen enthält. Ganz im Stil der Zeit sind die Carmina in zahlreichen Sprachen abgefasst. Nicht nur im erwartbaren Latein, Französisch, Italienisch und Deutsch – es finden sich auch spanische, englische, griechische und hebräische Texte. Das Wolfenbütteler Konvolut spiegelt diese Mehrsprachigkeit. Hier finden sich mehrstimmige Vertonungen deutscher, lateinischer, italienischer, französischer, spanischer, englischer, griechischer und hebräischer Texte. Insbesondere die beiden hebräischen Sätze, die im Notentext in einer Transliteration wiedergegeben sind, dürften für Musikhistoriker*innen von besonderem Interesse sein. Es handelt sich um frühe Beispiele von mehrstimmiger Musik in hebräischer Sprache: Im Jahr 1617 befinden wir uns fünf Jahre vor der Publikation der Ha-schirim ’ascher lischlomo (Lieder Salomons) Salomone Rossis (Venedig 1622/1623).

Eine erste von uns vorgenommene Herstellung der Partitur des Satzes מִי זֶה שֶׁבּוֹאוֹ יֶשׁ שָׁלוֹם (Mi ce schobboo iesch schalom? / Wer ist es, dessen Kommen Frieden bringt?) von Adam Gumpelzhaimer in Partitur (Abb. 2) soll dies veranschaulichen, nicht nur um die kulturhistorische Bedeutung der Sammlung zu unterstreichen, sondern auch um zu demonstrieren, wie die Autoren das Problem des von links nach rechts gelesenen Notentexts und des von rechts nach links gelesenen Hebräischen durch die lateinische Umschrift umgehen.

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Das dreistrophige hebräische Gedicht, in dem es um das Herrscherlob und das Lob Gottes geht, ist in den Carmina gratulatoria enthalten und lautet in Übersetzung durch Maria Revkov (S. 63):

 

  1. Wer ist dieser, bei dessen Kommen Frieden herrscht
    Der Hüter, ein Mann ohne jeden Makel
    Er ist ein Auge für seinen Genossen, für den Fürsten
    Dessen Stärke alles Fleisch erkennt:
  2. Möge Gott den Hüter noch beschützen
    Wie er dich bis hierher gesegnet hat
    Er erhebe zu dir sein Gesicht
    Und über dich öffne er seine Augen
  3. Er gebe zur Ehre des höchsten Fürsten
    All sein Verlangen in Freude
    Auch Stärke stelle er auf seine Pfade
    Seine Seele möge stets im Guten weilen.

 

Die Aufnahme zweier hebräischer Texte in das Musikkorpus dürfte vor allem aus humanistischen Motiven geschehen sein. In Hainhofers Augsburg gab es so gut wie kein jüdisches Leben, denn die jüdische Bevölkerung wurde bereits Mitte des 15. Jahrhunderts aus der Stadt vertrieben. Den hebräischen Text besorgte folgerichtig der Augsburger Protestant Leonhartus Luzius, der später eine Karriere als Theologe machte.

Das Thema der Texte ist fast immer das Lob Philipp Hainhofers oder die Huldigung seines prominenten Auftraggebers des Jahres 1617, Herzog Philipp II. von Pommern-Stettin. Anders als im hier zitierten hebräischen Gedicht wird Hainhofers Name fast immer prominent und mehrfach genannt. Wir haben es also mit einer ganzen Kaskade von Gelegenheitskompositionen zu tun, die allesamt um die Reise Hainhofers nach Stettin und die Übergabe des Kunstschranks und anderer Kunstwerke kreisen.

Zwischen dem als Nr. 6 und dem als Nr. 7 nummerierten Stück finden sich, über die verschiedenen Stimmen verteilt, insgesamt zehn verschiedene Kanons. Zwei davon sind Rätselkanons mit einer zu entschlüsselnden Anweisung (fol. 516r, 520v). Die anderen sind verhältnismäßig schlichte zwei- bis vierstimmige Miniaturen, die nur wenige Takte umfassen. Vertont werden zwei Texte, Soli Deo Gloria und Christo et Rei Publicae. Bei Letzterem handelt es sich um die Devise Philipps II., die auch im Pommerschen Kunstschrank mehrfach Erwähnung findet (fol. 148v, 158r, 170r): „Für Christus und den Staat“. Auch Soli Deo Gloria (Gott allein die Ehre) spielt in der Repräsentationspolitik Philipps II. um das Jahr 1617 eine wichtige Rolle (fol. 252v).

Kurze Kanons sind aber auch Teil des Pommerschen Kunstschranks selbst. Als Bekrönung des Schranks ist der Parnass als Skulptur platziert, zu dessen Füßen eine Nymphe sitzt, die sich mit Pallas Athene unterhält. Zu den Füßen der Göttin liegt ein aufgeschlagenes Buch mit Noten – erneut zwei Kanons (Abb. 3).

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Abb. 3: Parnass, silberne Bekrönung des Pommerschen Kunstschranks, aus: Julius Lessing und Adolf Brüning (Hrsg.): Der Pommersche Kunstschrank. Kgl. Kunstgewerbe-Museum, Berlin 1905.

Sie vertonen die Texte „Dum vivo spero“ (Solange ich lebe, hoffe ich) und „Miscentur tristia laetis“ (Freude und Leid wechseln miteinander ab), deren Notenbild Hainhofer auch in seinem Bericht aufzeichnet (Abb. 4).

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Abb. 4: Zwei Kanons aus der Beschreibung des Pommerschen Kunstschranks, in: Philipp Hainhofer, Reise nach Stettin 1617, Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, Cod. Guelf. 23.2 Aug. 2°, fol. 149v.

Die zwei Miniaturen, die auf den Kunstschrank graviert wurden, sind den zehn Stücken aus dem Notenteil bemerkenswert ähnlich, was freilich zu Spekulationen einlädt. Die Frage, welche Rolle kanonische Vertonungen der Devise Herzog Philipps II. auf der Reise Hainhofers nach Stettin gespielt haben könnten, drängt sich geradezu auf.

Der noch nicht bearbeitete Notenteil der Stettiner Reise von 1617 soll unter der Federführung der Gesellschaft für Bayerische Musikgeschichte in Person von Moritz Kelber, Franz Körndle und Bernhold Schmid vollständig erschlossen und innerhalb der digitalen Hainhofer-Edition als maschinenlesbares Notenmaterial bereitgestellt werden.

 

Titelbild: Philipp Zindelin, „Canzon Inglese“: Vnto you Philip Ainhoffer, most Vertouous, Cod. Guelf. 23.2 Aug. 2°, fol. 477v.

 

Die Autoren

Dr. Moritz Kelber ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Augsburg und bei der Gesellschaft für Bayerische Musikgeschichte. Im Jahr 2016 wurde er an der Universität Augsburg mit einer Studie zur Musik bei den Augsburger Reichstagen im 16. Jahrhundert promoviert.

Prof. Dr. Franz Körndle ist Professor i. R. für Musikwissenschaft an der Universität Augsburg. Er hat zu Kirchenmusik, Jesuitendrama, Tasteninstrumenten des 18. und 19. Jahrhunderts sowie Landesgeschichte publiziert.

Dr. Bernhold Schmid war Mitarbeiter der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, wo er die Orlando di Lasso-Gesamtausgabe mit herausgegeben hat.

Dieser Beitrag erscheint in leicht veränderter Form auch im 91. Band des Jahrbuchs Musik in Bayern (www.gfbm-online.de).