Zwei gute Gründe motivieren das Forschungsprogramm Religion & Emotion an der Herzog August Bibliothek. Zum einen verweist der große Altbestand der Bibliothek auf die religiösen Traditionen Europas und zum anderen ist unsere post-säkulare Gegenwart in zunehmender Weise mit den gesellschaftlichen Dynamiken des Religiösen konfrontiert. Der Forschungsschwerpunkt basiert auf kulturwissenschaftlichen Zugängen unter Einschluss von Ethnologie und Anthropologie; die Entstehung und Wirkungsweise religiöser Emotionen bilden den Gegenstand. Mittels einer praxeologischen Perspektive stehen die Medien religiöser Vermittlung, die Materialität und der Körper im Zentrum der Untersuchung. Fragen zur Rolle der materiellen Kultur für die Prägung religiöser Emotion, zum Zusammenhang zwischen persönlichen und sozialen Aneignungen, zum Aufeinandertreffen verschiedener Religionen und zum Mobilisierungspotential von Religion umreißen das Forschungsprogramm.

Der affective turn in der Erforschung von Religion hat eine Reihe langlebiger Dichotomien aufgegeben – den Leib-Seele Dualismus, die Trennung von rationalem Denken und irrationalem Fühlen, die Opposition von Geist und Materie – zugunsten eines Verständnisses, in dem Psyche und Körper sich unter Beteiligung der Gesellschaft wechselseitig formen. Die begriffliche Prägung des doing emotions umreißt in programmatischer Weise, dass Gefühle mittels Praktiken erzeugt und aufgerufen werden. Emotionen sind aus dieser Perspektive weniger etwas, was wir haben, als etwas, was wir tun. Nach religiösen Emotionen zu fragen, heißt daher nach den zugrundeliegenden Emotionspraktiken zu suchen. Dazu gehören etwa sich wiederholende Körperpraktiken, das Benennen von Gefühlen, der Umgang mit religiösen Objekten oder Bildern. Emotionen sind nicht individuell einzigartig sondern sozialen Ursprungs in dem Sinne, dass Menschen ein Gefühlsvokabular und -repertoire vorfinden, in das sie hineinwachsen, das sie adaptieren und modifizieren.

Religion wird hier als eine Praxis der Vermittlung gefasst, in der Medien und Materialität die zentrale Rolle für die Ausrichtung und Erlebbarkeit des Transzendentalen spielen. Für die Untersuchung können verschiedenste Medien einbezogen werden: Worte, Texte, Bilder, Klänge, Artefakte und Körper. Alles, was der Vermittlung zum Imaginären dient, kann als Medium bezeichnet werden. Bilder etwa, deren Betrachtung in religiöse Traditionen eingebettet ist, formen und kommunizieren Religion ebenso wie die Affektsemantik in Gebetstexten Verhaltens- und Gefühlsweisen vermittelt. Insbesondere die Materialität der Religion ist in das Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Leitend ist die Annahme, dass Objekte und ihr Gebrauch, ihre Wertung und ihre Anziehungskraft nicht etwas sind, was der Religion hinzugefügt wird, sondern von dieser nicht zu trennen sind. Das Konzept einer vermeintlich innerlich verfassten spirituellen Religiosität zugunsten einer von Materialität ausgehenden Perspektive aufzugeben, bedeutet, die materiellen Koordinaten religiöser Praxis zu untersuchen, um die Bedingungen für Gefühle, Sinne, Räume und Aufführungen von Glauben zu erforschen.

Der Schwerpunkt findet keine Begrenzung in den Forschungen zum Christentum. Unterschiedliche Religionen und Räume sollen miteinander in Kontakt gebracht und weniger entlang von Fächer- und Epochengrenzen operiert werden. Angesichts der weltgeschichtlichen Bedeutung des religiösen Hasses können Genese und Mechanismen des Phänomens aus pluridisziplinärer Perspektive für verschiedene Religionen und mit einem epochenübergreifenden Blick mit Erkenntnisgewinn erforscht werden. Der Schwerpunkt Religion & Emotion liegt quer zu räumlichen, epochalen und fachbezogenen Grenzen, wenngleich Themen zur europäischen Vormoderne in ihrer globalen Verflechtung eine leitende Perspektive im Programm einnehmen.

Beiträge

Ulrike Gleixner: Da schlagen die Herzen höher! Aufbau eines Forschungsschwerpunktes „Religion & Emotion“ an der HAB. Hier gelangen Sie zum Blogbeitrag.

Publikationen

Im Erscheinen:
Ulrike Gleixner (Hg.), Religiöse Emotionspraktiken in Selbstzeugnissen. Autobiographisches Schreiben vom 16. bis zum 20. Jahrhundert, unter Mitarbeit von Maren Schaefer, Wolfenbütteler Forschungen 178 2024. Ca. 268 S. mit 8 sw-Abb., 978-3-447-12115-6, ca. 62,- Euro

 

Aktivitäten

Drittes DFG-Netzwerk Treffen: Mission, Gender, Emotion in transkonfessioneller Perspektive mit internationalem Expertinnen- und Expertengespräch

vom 24. bis 27. Januar 2024 an der Herzog August Bibliothek

Zum Kreis der eingeladenen Expertinnen und Experten gehören:
Katherine Faull, Bucknell University, Department of German Studies, Lewisburg/PA
Jacqueline Van Gent, University of Western Australia, Perth/Australia
Katharine Gerbner, University of Minnesota, Minneapolis/MN
Charles Parker, Saint Louis University, Department of History, St. Louis/MO
Erin Rowe, John Hopkins University, Department of History, Baltimore/MD
Merry Wiesner-Hanks, University of Wisconsin-Milwaukee/WI
Ines Zupanov, Centre d'Etudes de l'Inde et de l'Asie du Sud, Paris/France

Mitglieder des DFG-Netzwerks sind: Nadine Amsler (Basel), Jessica Cronshagen (Oldenburg), Kelly Kaelin (Evansville/Indiana), Renate Dürr (Tübingen), Ulrike Gleixner (Wolfenbüttel/Berlin), Sünne Juterczenka (Göttingen), Heike Liebau (Berlin), Simon Siemianowski (Tübingen), Ulrike Strasser (San Diego), Steffen Zierholz (Tübingen)

Gruppenbild während der dritten Tagung des DFG-Netzwerks "Religion und Emotion".

 

Zweites DFG-Netzwerk Treffen: Mission, Gender, Emotion in transkonfessioneller Perspektive

vom 21. bis 23. Juni 2023 an der HAB

mit Nadine Amsler (Basel), Jessica Cronshagen (Oldenburg), Kelly Kaelin (Evansville/Indiana), Renate Dürr (Tübingen), Ulrike Gleixner (Wolfenbüttel/Berlin), Sünne Juterczenka (Göttingen), Heike Liebau (Berlin), Simon Siemianowski (Tübingen), Ulrike Strasser (San Diego), Steffen Zierholz (Tübingen)

 

Workshop (3) Arbeitsgruppe Religion & Emotion. Materielle Praktiken im Christentum, Judentum und Islam

27. Januar 2023, Herzog August Bibliothek (online)

Das dritte Treffen der AG (Cornelia Aust, Peter Bräunlein, Ulrike Gleixner, Christine Göttler, Anne Mariss, Sara Kuehn, Xenia v. Tippelskirch) dient der Vorbereitung einer Publikation.

 

Erstes DFG-Netzwerk Treffen: Mission, Gender, Emotion in transkonfessioneller Perspektive

vom 14. bis 16. Sept. 2022 an der HAB

mit Nadine Amsler (Basel), Jessica Cronshagen (Oldenburg), Kelly Kaelin (Evansville/Indiana), Renate Dürr (Tübingen), Ulrike Gleixner (Wolfenbüttel/Berlin), Sünne Juterczenka (Göttingen), Heike Liebau (Berlin), Simon Siemianowski (Tübingen), Ulrike Strasser (San Diego), Steffen Zierholz (Tübingen)

Workshop (2) Arbeitsgruppe Religion & Emotion. Materielle Praktiken im Christentum, Judentum und Islam

21. bis 22. März 2022, Herzog August Bibliothek (online)

Das zweite Treffen der AG dient der Vorstellung von Fallbeispielen.

 

Workshop für Nachwuchswissenschaftler*innen
27. bis 29. Oktober 2021, Herzog August Bibliothek
Selbstzeugnisse: Schreiben und religiöse Emotion im Europa der Frühen Neuzeit und darüber hinaus  (18 Teilnehmer*innen). Das Programm finden Sie im Downloadbereich.

 

Forschungsaufenthalt
01.  August bis 30. Sept. 2021
Für den Schwerpunkt hat PD Dr. Louise Hecht die HAB Bestände zu religiöser Gebrauchsliteratur im Judentum geprüft. Gebrauchsspuren und Provenienzen standen dabei im Vordergrund. Mehr...

Workshop
01. bis 02. März 2021, Herzog August Bibliothek
Religion & Emotion. Materielle Praktiken im christlichen, jüdischen und muslimischen Europa der Frühen Neuzeit.

Forschungskolloquium
2. Juni 2021
Monique Scheer: Schwärmerei und Sentimentalität. Zur historischen Analyse umstrittener Parameter der Aufrichtigkeit

Forschungskolloquium
26. August 2020
Ulrike Gleixner: Religion & Emotion: Perspektiven eines Forschungsschwerpunktes an der Herzog August Bibliothek

 

Finanzierung: Haushalt
Laufzeit: seit Juli 2019
Leiterin: Prof. Dr. Ulrike Gleixner
Kontakt: ed.ba1709568355h@noi1709568355tomer1709568355

Bildquelle: Johann Benjamin Brühl: Radierung, 18. Jahrhundert. Herzog August Bibliothek: Graph. A1: 355a