15. Juni 2026

Die Eröffnung des Opernhauses am Hagenmarkt in Braunschweig 1690 war ein wichtiger Schritt vom Musiktheater als höfisch-adeliger Repräsentation hin zur bürgerlichen Kultur, denn das von Herzog Anton Ulrich (1633–1714) gegründete Haus war eines der ersten Operntheater in deutschen Landen, die der Öffentlichkeit zugänglich waren. Dem ging eine längere nicht-öffentliche Tradition am Wolfenbütteler Hof voraus, bei der im Rahmen höfischer Feste Umzüge, Musikdramen und Ballette aufgeführt wurden, an denen der Sohn Herzog Augusts nach dem Vorbild des französischen Königs Ludwig XIV. als Tänzer teilnahm. Zahlreiche Libretti stammten aus seiner Feder. 1685 wurde hier das Singspiel Davids und Jonathans Treuer Liebe Beständigkeit aufgeführt. Erhalten hat sich davon nur das gedruckte Libretto, das mit seiner Verbindung von gesungenem Drama und Ballett dem Vorbild gleichzeitiger französischer ‚tragédies en musique‘ folgt. Dass der Text von Anton Ulrich selbst stammt, gilt als wahrscheinlich. Die leider nicht erhaltene Musik dazu dürfte der 1684 berufene Hofkapellmeister Johann Theile (1646–1724) komponiert haben.

Erzählt wird in drei Akten eine Episode aus der alttestamentlichen Erzählung über den Aufstieg Davids vom Hirtenjungen zum König über Israel. Der Librettist folgt dabei der Vorlage in den Samuelbüchern (1 Samuel 28,1 – 2 Samuel 2,4) getreu: Aufgrund der Mordanschläge, die der regierende König Saul auf ihn unternommen hat, ist David vom Hof in das Lager des Philisterkönigs Achis (auch: Achisch) geflohen und zu dessen Lehnsmann geworden. An diesem Punkt setzt die Opernhandlung ein: Die Philister stehen im Krieg mit den Israeliten. Achis ist entschlossen, eine vernichtende Schlacht gegen König Saul zu schlagen. Er erkundigt sich bei David nach der Ursache seiner Traurigkeit, und dieser offenbart ihm die Sorge um Sauls Sohn Jonathan, seinen geliebten Freund, der auf der gegnerischen Seite kämpfen wird: „Die treue Liebes-Pflicht/ O tausend Ach! │ Zu meinen (!) Hertzvertrauten Jonathan │ Liegt mir so heftig an/ │ Und dringet durch das Hertz │ Und machet Trauren/ Leidt und Schmertz │ Und Sorgen/ Gram/ und Ungemach/ │ Ach Jonathan mein allerliebster Freund │ Der es mit mir gantz treu und redlich meint/ │ Zu ihm steht all mein Tichten und Beginnen.“

Voller Sehnsucht nach seinem „Ander ich“ besingt David in einer Arie die ideale Freundschaft, die er mit Jonathan gefunden hat. In ihr sind Beständigkeit, Aufrichtigkeit und Selbstlosigkeit verwirklicht. Da erscheint Jonathan selbst als Aussätziger verkleidet in Achis’ Lager, um David zu treffen. Sie bekennen einander in einem Duett ihre Liebe und erneuern ihren Freundschaftsbund: „Wir lieben uns von Hertzen │ Das weisen aus die Schmertzen │ Die wir abwesend leiden │ O hochbetrübtes Scheiden!“

Die Amalekiter haben Davids Lehen überfallen und seine beiden Ehefrauen entführt. Mit einem letzten Kuss nehmen David und Jonathan Abschied voneinander. Unterdessen sucht König Saul die Wahrsagerin von Endor auf, die den Propheten Samuel aus der Unterwelt heraufbeschwört. Dieser verkündet, dass der Herr Saul vom Thron stoßen und David zu dessen Nachfolger machen wird. David hat seine Ehefrauen Ahinoam und Abigail befreit. Die beiden Frauen preisen die Treue ihres Gatten, glauben aber, David liebe seinen Jonathan noch weit mehr als sie beide. Kein Grund zur Eifersucht, meint David, Jonathans Liebe tue jener zu den beiden Frauen keinen Abbruch. Das israelische Heer wird von den Philistern besiegt, Saul und Jonathan sind gefallen. David ist fassungslos über Jonathans Verlust und stimmt eine Totenklage an: „Mein Jonathan/ ach deine Liebe/ │ Die Kein Verstand aussprechen kann │ Greift mir vielmehr das Hertze an │ Als keiner Weiber Liebes Triebe/ │ Ach liebste Seel mein Jonathan.“ Eine Gesandtschaft von König Achis verkündet den Sieg der Philister und verleiht David kraft dieses Sieges die Königswürde über Israel.

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Abb. 2: Davids und Jonathans Treuer Liebe Beständigkeit/ In einem Singe-Spiele Vorgestellet, Wolfenbüttel 1685, Titelblatt. Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Textb. 387. Foto: Sven Limbeck

In der Kulturgeschichte ist das Freundespaar David und Jonathan vielfach als ein positives Modell und Vorbild für gleichgeschlechtliche Liebesbeziehungen bezeugt. In einer ‚Gegenexegese‘ als Alternative zur jüdisch-christlichen Verurteilung von Homosexualität wird die Liebe zwischen zwei Männern biblisch autorisiert. Insbesondere die emotionale Totenklage Davids öffnet die Erzählung für eine homoerotische Deutung: „Weh ist mir um dich, mein Bruder Jonathan. │ Du warst mir sehr lieb. │ Wunderbarer war deine Liebe für mich │ als die Liebe der Frauen“ (2 Samuel 1,26). An diesem Sentiment lässt auch das Libretto keinen Zweifel. Haben wir es mit einer schwulen Oper für den Wolfenbütteler Hof zu tun? Ist sie ein Zeugnis der barocken Kultur für Queerness, also für eine Form geschlechtlicher und sexueller Identität, die nicht der Zwangsordnung von biologischem Geschlecht, sozialer Geschlechterrolle und (hetero-)sexueller Orientierung entspricht? In der jüngeren Kulturtheorie wird ‚queer‘ als Analysekategorie verwendet, die auf die Kritik am und die Alternativen zum heterosexuell-patriarchalen Kanon unserer Kultur abzielt. Beim Queering mit historischer Perspektive wird die Überlieferung aus einer lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans Perspektive gelesen, also dezidiert nicht-heteronormativ und nicht-binär bzw. an das erinnert, was im Zuge einer Naturalisierung von Geschlecht und Sexualität aus dem kulturellen Kanon ausgeschlossen wurde.

In Davids und Jonathans Treuer Liebe Beständigkeit geschieht mit den ästhetischen Mitteln des Musiktheaters etwas, was man versuchsweise als Maskierung des Politischen durch das Private beschreiben könnte. Die historische Handlung besteht in einem Kriegsgeschehen und der Regelung der Thronfolge im Reich Israel, stellt diese aber als ein affektives Agieren unter Höflingen dar, das sich innerhalb privater und familiärer Beziehungen entfaltet. Niklas Luhmann beschrieb in Liebe als Passion für das 17. Jahrhundert einen „Umbau der Liebessemantik“: Liebesbeziehungen werden durch Leidenschaft, affektive Exzesse, Asymmetrie und Irrationalität charakterisiert. Das Begehren wird nicht aktiv ausgeübt, sondern die Liebenden sind ihm wehrlos unterworfen. Das aber ist eine Rhetorik, die den Vorwand dafür abgibt, „daß man sein Aktivsein nicht erklären, nicht begründen, nicht entschuldigen muß“. Entgegen der behaupteten Unfreiheit stellt die Passion eine gesellschaftliche Praxis zur freien Entfaltung von Möglichkeiten dar. Die kategorialen Trennlinien verlaufen dabei nicht (wie seit dem 19. Jahrhundert) zwischen der gleich- und der gegengeschlechtlichen Liebe, sondern vielmehr zwischen der Leidenschaft und der Ehe. Auch David und Jonathan sind in der Oper nicht schlechterdings schwul. David ist mit immerhin zwei Frauen verheiratet und Jonathan hat einen Sohn, den David nach seinem Tod an Kindes statt annehmen soll. Amour passion schließt so etwas wie Liebe in der Ehe aus. Zumindest wird das Verhältnis von Ehepartnern anders codiert, durch seelische Ausgeglichenheit, Tugend, Aufrichtigkeit und Selbstlosigkeit, das genaue Gegenteil von Leidenschaft und Exzess also. Als soziales System ist das völlig anders gedacht als unsere Ordnung, die auf einer Analogie von Hetero- und Homosexualität beruht – wonach schwule Beziehungen wie heterosexuelle Beziehungen seien, nur zwischen zwei Männern, weswegen der eine Partner die Rolle des Mannes und der andere die der Frau einnehmen müsse. Tatsächlich beruht die frühneuzeitliche Ordnung auf einer Analogie und Verähnlichung der gegengeschlechtlichen Ehe und der gleichgeschlechtlichen Freundschaft.

Fragt man mit Luhmanns Einsichten im Hinterkopf, warum nun ausgerechnet eine homoerotische Beziehung in einer höfischen Oper des 17. Jahrhunderts als besonders tugendhaft dargestellt wurde, während die praktizierte Homosexualität gleichzeitig als todeswürdiges Verbrechen galt, dann liegen die Gründe in einer ordnungsbildenden Absicht. Die Freundschaft bildet auf der Ebene personaler Beziehung den Raum für den offenen Austausch, die Solidarität und Rationalität, die für das Funktionieren einer Gesellschaft insgesamt als notwendig erachtet werden. Nun wissen wir, dass die Gesellschaft weder im 17. Jahrhundert noch zu einer anderen Zeit nach den Prinzipien der Tugend funktioniert hat. Wenn die Codierung der Liebe als amour passion einen Vorwand für Verhaltensfreiräume darstellt, wie Luhmann meint, dann gilt das unter umgekehrten Vorzeichen ebenso für die sentimentale Freundschaft, von der wir am Ende nicht wissen, ob sie nicht doch auf Verstellung und heimlichem Begehren beruhte.

Titelbild: Unbekannter Stecher, David und Jonathan, Radierung, 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts. Die Graphik nach einer Vorlage des flämischen Malers Jacob Savery (um 1565/67–1603) schildert ein Kapitel aus der Geschichte von David und Jonathan (1 Samuel 20). Die gereimte Bildunterschrift hebt auf die exemplarische Freundschaft ab. Braunschweig, Herzog Anton Ulrich Museum, JHoffmann Verlag AB 3.1.